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Schule in Bayern:Zwischen "Notbetrieb" und "gelungener Start"

Erster Schultag in Bayern

Schule mit Maske, das ist für Schüler wie Lehrer neu. Schlimmer wird es, wenn im Winter Lehrer ausfallen, warnt der BLLV.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Der Lehrerverband beklagt eine nie dagewesene Krise und fordert einen Gipfel in der Staatskanzlei: Zum Coronavirus komme der Lehrermangel. Kultusminister Piazolo bestreitet den Engpass.

Von Anna Günther

Vor Gericht würde man es Aussage gegen Aussage nennen. Es geht aber nicht um einen Prozess, sondern um die bayerische Bildungspolitik, um Erwartungen der Eltern an Schule, um Belastung der Lehrer, um Corona und die Ängste vor dem Virus. Mittendrin: die Kinder an den Schulen. Eigentlich. Zuletzt drehte sich die Debatte aber eher um die Deutungshoheit darüber, wie es wirklich an den Schulen in Bayern aussieht. Kultusminister Michael Piazolo (FW) hatte bei seiner Bilanz nach den ersten Schulwochen von einem "gelungenen Start" gesprochen, vom Regelbetrieb mit Hygienemaßnahmen - und davon, dass der "Präsenzunterricht funktioniert". Das Fazit von Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), fiel am Mittwoch völlig anders aus.

Sie versprach "Realität und keine Show": "Wir haben noch nie solch einen Notbetrieb gesehen wie jetzt. Fakt ist, dass zwei Krisen an den Schulen mit voller Wucht aufeinander prallen: Corona und die Krise, von der niemand der politisch Verantwortlichen spricht. Der Lehrermangel." Schon jetzt sei an Regelbetrieb nicht zu denken, Unterricht falle aus, Lehrer, die eigentlich bei Krankheit oder Schwangerschaften einspringen, seien regulär im Einsatz, ebenso wie Studenten und Pensionisten. Reserve für die Grippesaison gebe es nicht. Manche Lehrer könnten die Situation nur mit Medikamenten aushalten, Schulleiter drohten hinzuschmeißen.

Die Staatsregierung initiiere zwar Gipfel um Gipfel, aber das alles "geht am eigentlichen Problem vorbei", sagte Fleischmann. Verwaltung und Politik wollten "den Schein wahren, statt ehrlich das Problem zu benennen". Die BLLV-Chefin forderte einen Lehrergipfel in der Staatskanzlei, damit sich endlich etwas tue. Schulleiter müssten entlastet werden, die Erwartungen der Eltern an Schule deutlich gebremst werden, Lehrer bräuchten bessere Arbeitsbedingungen. Und mehr Geld, damit junge Menschen überhaupt Lehrer an Grund-, Mittel-, und Förderschulen werden wollen. Das fordert Fleischmann schon lange, der Ton aber ist neu. Die BLLV-Chefin sagte zwar nicht, dass der Kultusminister lügt. Sie fragte: "Sagt denn einfach mal einer die Wahrheit und benennt die zweite Krise? Den Lehrermangel?" Und: "Wieso ist es denn so verdammt schwer für den Minister, zu sagen, ja, wir haben Lehrermangel. Söder macht das übrigens."

Solche Attacken sind neu. Zumal beide konstruktiv zusammenarbeiten und der BLLV wie alle Verbände in Besprechungen zu Schule und Corona eingebunden ist. Piazolo will die Vorwürfe nicht kommentieren, das sei nicht sein Stil, sagte er. Wichtiger sei es, dass die Schulfamilie gerade in diesen Zeiten zusammenhalte und zusammenarbeite. Dass die Herausforderungen in der Krise groß sind, sei ihm bewusst.

Zur Entlastung wurde die Zahl der Proben an Grundschulen reduziert. 850 neue Teamlehrer sollen bei Ausfällen einspringen, 40 Prozent davon hätten Lehramt studiert. Lehrermangel und Notbetrieb sieht Piazolo nicht: "Wir haben 99,5 Prozent Präsenzunterricht, ich weiß nicht, ob man da von Notbetrieb reden kann." Mit 92 000 Lehrerstellen für 150 000 Pädagogen gebe es so viele Stellen wie nie. "Über 99 Prozent der Stellen, die wir haben, sind besetzt."

Nur, 92 000 besetzte Stellen sagen nichts darüber aus, ob Lehrer im Einsatz sind oder wegen Krankheit ausfallen und ob es Ersatz gibt. Und auch wenn das Virus überall das selbe ist, sind die Herausforderungen anders, von Schulart zu Schulart. Die Belastungen an den Grund-, Mittelschulen sind seit Jahren hoch, neben dem Management unterrichten Schulleiter deutlich mehr als Chefs an Gymnasien und bekommen weniger Geld. Nachwuchs fehlt. Zwar wurden weitere Grundschulstudienplätze geschaffen, aber die Mittelschule bleibt unbeliebt: 2018 schrieben sich in Bayern 60 Erstsemester ein, 2015 waren es 100. Fürs Gymnasiallehramt entschieden sich 15 bis 30 Mal so viele Studenten. Piazolo ordnete im Frühjahr gar Mehrarbeit für alle Grund-, Mittel- und Förderschullehrer an, damit der Unterricht gesichert ist.

Auch an den anderen Schularten sind die Corona-Sorgen groß, aber Notbetrieb und Show weisen die Vertreter der Realschul- und Gymnasiallehrer von sich, sie schlagen stets leisere Töne an als der BLLV. Philologenchef Michael Schwägerl fordert Ansagen zum Gesundheitsschutz, Realschulverbandschef Jürgen Böhm will Aussagen zu rechtssicheren Lernplattformen, der Voraussetzung für Digitalunterricht. An Gymnasien und Realschulen gibt es derzeit nicht für alle angehenden Lehrer Jobs, aber das kann sich rasch ändern. Alle Schularten profitieren davon, wenn der ewige Wechsel aus Mangel und Überfluss an Lehrern gebrochen würde. Fleischmann fordert eine flexible Lehrerbildung, was Ministerium und andere Verbände ablehnen.

Derweil versuchte Piazolo jüngst mit neuen Flyern, Schüler für den Lehrerjob zu interessieren. Allerdings gingen diese im April raus, als alles coronabedingt geschlossen war.

© SZ vom 08.10.2020/aner
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