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Hilfsprogramm:Was lockt die Menschen wieder in die Innenstädte?

Eisdielen, Veranstaltungsflächen, Schanigärten: Die Bürgermeister von 292 Kommunen wollen ihre verödeten Zentren wiederbeleben - und hoffen auf Millionenzuschüsse.

Von Maximilian Gerl, Matthias Köpf und Clara Lipkowski

Die Eisdiele habe es gezeigt, sagt Michael Kastl, Bürgermeister von Münnerstadt: Erst seit Mittwoch gebe es endlich wieder eine im Ort, und schon säßen die Menschen wieder auf der Rathaustreppe, verweilten in der Altstadt. In der unterfränkischen Stadt kommt gerade beides zusammen: Mit Leerständen kämpft man hier schon lange, und dann hat auch noch Corona dem Handel und der Gastronomie über Monate zugesetzt. Nur zögerlich steuern die Menschen wieder die Fachgeschäfte in der Altstadt an. Also will man die Menschen wieder herlocken, konkrete Ideen gibt es schon. Rote Teppiche vor den Geschäften, Werbebanner, kleine Konzerte am Tag, die man mit einem Cafébesuch verbinden könne, so stellt sich das der Bürgermeister vor. Wenn denn der Zuschlag aus München kommt.

Denn nicht nur in Münnerstadt, in ganz Bayern schlagen sich derzeit Handel, Gastronomie und Politik mit der Frage herum, wie die Innenstädte wieder lebenswerter werden. Groß ist daher die Resonanz auf ein neues Förderprogramm der Staatsregierung. 292 Anfragen von Städten, Märkten und Gemeinden liegen dem Bauministerium für die 100 Millionen Euro umfassende Initiative "Innenstädte beleben" vor. Das deutet Amtschefin Kerstin Schreyer (CSU) als "genau das richtige Zeichen für die bayerischen Kommunen". Die Innenstädte und Ortskerne müssten wieder "mehr zum Erlebnis- und Wohlfühlort mit Freizeitcharakter werden".

Das könnte allerdings herausfordernd werden. Schließlich ist das Belebungsprogramm nicht das erste seiner Art. 2019 zum Beispiel erhielten 93 bayerische Gemeinden insgesamt 34,5 Millionen Euro von Bund und Freistaat, um ihre Zentren zu vitalisieren und leere Ladenlokale neu zu füllen. Und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) rief vor Kurzem ein "Fitnessprogramm für starke Zentren" aus - mit einem Gesamtbudget von 25 000 Euro.

Das Thema treibt viele Kommunen um, ob groß oder klein, seit Jahren. Auch Münnerstadt ist dankbar über jede Förderung, der Ort ist wegen seiner Größe und zugleich geringen Besiedlung chronisch verschuldet. Der Sprecher des Handelsverbands Bayern, Bernd Ohlmann, schätzt zudem den Umsatzrückgang, den Händler in Bayerns Großstädten schon vor Corona erlitten haben, auf rund zehn Prozent - unter anderem wegen der Konkurrenz durch den Online-Handel. Die Pandemie und ihre Folgen haben den Trend zum Shoppen im Netz noch einmal verstärkt. Zwar hat sich der stationäre Handel inzwischen stabilisiert, ist die Pleite-Welle bislang ausgeblieben. Doch die Kassen sind vielerorts nach dem langen Winter leer, die Sorge ist groß, dass nicht mehr wiederkommt, was jetzt im Internet umgesetzt wird. Dabei sei eine attraktive Innenstadt eine "Visitenkarte" für die ganze Gemeinde, sagt Ohlmann.

Die Menschen sollen also zurück in die Ortszentren und dort am besten Geld ausgeben. Nur wie? Großstädte leisten sich oft Stadtmarketingexperten oder Citymanager. Mancherorts haben sich Innenstadthändler zu Werbegemeinschaften zusammengeschlossen, um das Thema gemeinsam anzugehen. Kleinere Gemeinden dagegen sind oft auf sich gestellt. Zudem ist die Ausgangslage immer anders. Manche Kommunen haben auch selber Fehler gemacht und zum Beispiel Gewerbegebiete draußen auf der grünen Wiese errichtet. Jetzt fahren die Leute vor die Stadt zum Einkaufen statt in die Stadt.

Das aktuelle Förderprogramm ist aus einem runden Tisch mit Vertretern von Staatsregierung, Kommunen und Verbänden entstanden. Förderfähig sind laut Bauministerium etwa "städtebauliche Konzepte zur Weiterentwicklung der Innenstädte, städtebauliches Innenstadtmanagement oder die vorübergehende Anmietung leer stehender Räumlichkeiten durch die Gemeinde". Wer davon profitieren wird, ist noch unklar, derzeit prüfen die Bezirksregierungen die Anträge. Münnerstadt hat gleich langfristig geplant.

Die Stadt hat 380 000 Euro Förderung beantragt und will neben den "Kleinmaßnahmen" Start-ups vergünstigt in leer stehenden Läden unterbringen und zu Umbauten Geld zuschießen. Außerdem soll Unterstützung fließen, wenn Eigentümer die Erdgeschosse renovieren. Im mittelfränkischen Hilpoltstein haben sie ebenfalls eine Bewerbung eingereicht: Mit knapp 100 000 Euro will man dort zwei, drei leer stehende Ladenlokale günstig Gründerinnen und Gründern überlassen. Außerdem will die Stadt einen Kultursaal in zentraler Lage ausbauen und die nötige Machbarkeitsstudie aus dem Sonderfonds finanzieren.

Das oberbayerische Schongau will es ebenfalls mit vergünstigten Mieten für neue Läden, Start-ups oder Büro-WGs probieren, dazu das Umfeld der Stadtmauer sanieren, denkmalschutzkonforme Kinderspielmöglichkeiten schaffen und die Winterdekoration am Marienplatz verbessern. All das sind Ideen, die es so oder so ähnlich schon vor dem Förderprogramm gegeben hat, bekennt Schongaus Bürgermeister Falk Sluyterman, aber man könne das Rad nicht mit jeden Förderprogramm neu erfinden.

Das zeigt sich auch auf der Homepage zum aktuellen Programm. Dort listet das Bauministerium nach eigener Ansicht beispielhafte Projekte auf wie Gutschein-Aktionen, Parkkonzepte, Online-Plattformen und Zustellangebote, wie sie da und dort schon seit vielen Jahren ausprobiert werden. Doch Konsumverhalten, Mobilität und Ansprüche der Menschen wandeln sich beständig. Und es gibt kein Patentrezept. Was in der einen Gemeinde funktioniert, kann in einer anderen zum Scheitern verurteilt sein. Bisweilen laufen sich Maßnahmen auch entgegen. Parkplatz oder Spielplatz? Blumenkübel fürs Auge oder Platz für Events? Schanigärten für die Gastronomie oder Fläche zum Flanieren? "Das ist immer ein Spagat", sagt Ohlmann. Er sieht die Belebung von Innenstädten als "fortlaufenden Prozess"; als "Daueraufgabe", der sich Stadträte, Händlerinnen, Wirte und Immobilieneigentümerinnen gemeinsam stellen müssten.

Allerdings ist mancher Spagat unmöglich. Verkaufsoffene Sonntage etwa. Vier sind pro Gemeinde und Jahr erlaubt - und oft heiß umstritten. Die einen sehen darin eine einfache Maßnahme, den Handel zu stärken, die anderen eine unangemessene Belastung für die Beschäftigten. In der Pandemie ist alles noch komplizierter, wie zuletzt die Stadt Aichach feststellen musste. Dort war für 20. Juni ein verkaufsoffener Sonntag geplant, doch dem steht immer noch der Infektionsschutz entgegen.

© SZ vom 18.06.2021/vewo
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