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Ärztemangel in Bayern:"Multikulti" im OP

Ausländische Ärzte

Ohne Zuwanderer würde das deutsche Gesundheitssystem nicht mehr funktionieren.

(Foto: Bernd Thissen/dpa)

Mexiko, Saudi-Arabien, Georgien - die Zahl ausländischer Ärzte an Krankenhäusern wächst. Die Fachkräfte sind willkommen, doch die Bayerische Ärztekammer will ihre Qualifikation genauer prüfen.

Derzeit sind bei der Bayerischen Landesärztekammer mehr als 64 000 berufstätige Ärztinnen und Ärzte gemeldet. Die zunächst hoch erscheinende Zahl täuscht jedoch. Vielerorten im Freistaat werden aktuell Ärzte gesucht. Insbesondere in ländlichen Krankenhäusern der Grund- und Regelversorgung ist der Mangel mit den Händen zu greifen. Gerald Quitterer, der Präsident der Landesärztekammer, ist deshalb froh um jeden Kollegen aus dem Ausland, der in Bayern seinen Dienst aufnimmt. Bei einigen sieht Quitterer indes Handlungsbedarf - nämlich bei jenen, die nicht aus EU-Staaten kommen. Für sie fordert der Kammerpräsident strengere Standards bei der Überprüfung der fachärztlichen Fähigkeiten.

Einen entsprechenden Antrag will Quitterer am Wochenende auf dem 78. Bayerischen Ärztetag in München durchbringen. "Wir brauchen eine umfänglichere Facharztprüfung für Ärztinnen und Ärzte aus Drittstaaten", sagte er am Dienstag in München. Aus Gründen der Patientensicherheit sei das absolut geboten. Letztlich erhöhe dies aber auch die Stellung der ausländischen Ärzte innerhalb der eigenen Kollegenschaft und bei den Patienten.

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Aktuell leben im Freistaat laut Quitterer rund 9800 ausländische Ärzte, davon wiederum gut 3820 aus Ländern außerhalb der EU und der europäischen Freihandelsassoziation (EFTA). Einer von ihnen ist Mohammad Mohsen Lawang, Facharzt für Chirurgie aus Afghanistan. Um sieben Uhr morgens hatte Lawangs Schicht am Krankenhaus im oberbayerischen Schongau begonnen - bislang verläuft der Tag für ihn ruhig: Visite, Röntgenbilder anfordern, Patienten auf ihre Operation vorbereiten. Lebhafter wird wahrscheinlich der Spätdienst, wenn in der Notaufnahme die Patienten reindrücken. Am Tag zuvor waren zwei akute Blinddarm-Entzündungen zu behandeln. Doch das gehört zum Geschäft. "Dieses Krankenhaus ist wie ein Zuhause", sagt der 40-Jährige.

Seit Anfang Februar gehört Mohammad Mohsen Lawang nun mit zum Schongauer Chirurgen-Team. "Wir sind durch und durch Multikulti", sagt Michael Platz, ärztlicher Direktor des Krankenhauses. "In diesem Team gibt es unter den Assistenzärzten nur noch einen, dessen Muttersprache deutsch ist." Die anderen stammen aus Mexiko, Saudi-Arabien, Tunesien, Georgien, der Ukraine und aus Indonesien. Das Schongauer Krankenhaus ist damit längst keine Ausnahme mehr, sondern eher Sinnbild für all die vielen weiteren Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung in Bayern, auf deren Stellenanzeigen sich kaum noch deutsche Ärzte melden.

Der Grund dafür: Die kleinen Häuser können nicht die Vielfalt bei der Facharztausbildung bieten, die in Universitätskliniken oder in größeren Häusern die Regel sind. Besonders eklatant wirkt sich dieser Umstand in Niederbayern aus. Dort beträgt der Anteil ausländischer Ärzte nach Angaben der Landesärztekammer mittlerweile 22,9 Prozent. Magnus Ott, der Vorsitzende des Ärztlichen Kreisverbands Deggendorf-Regen, hat die Situation in seinem Kreisverband analysiert: "Es gibt Arbeiten, die möchten andere nicht mehr machen für das Geld, und dazu gehört es, als Facharzt in Niederbayern zu arbeiten", sagt er. Seit einigen Jahren habe sich das Problem verschärft. Zunächst seien viele Ärztekolleginnen und -kollegen aus Tschechien gekommen.

"Man hat manchen Tränen nachgeweint, als sie uns wieder verließen"

"Die haben sehr gute Sprachkenntnisse gehabt, und sich sehr schnell integriert", sagt Ott. Dann seien die Ungarn gekommen, und die hätten sich ebenfalls auch im Bereich der niedergelassenen Ärzte gut etabliert. Inzwischen seien unter den neuen Ärzten viele "Flüchtlinge dabei, Iraker, aber auch Syrer und sehr viele Ukrainer". Da blieben Sprachprobleme nicht aus, und offensichtlich würden bei der Prüfungsbehörde längst "auch die Hühneraugen zugedrückt", damit ausländische Kollegen eine vorläufige Arbeitserlaubnis bekommen. Und dann als Retter die Lücken stopfen? "Einige von denen besetzen die Planstellen, sagen wir es mal so", gibt Ott zur Antwort. Aber, natürlich, einige von ihnen seien auch "richtig gut, sodass man sagen könne: Ohne die geht es nicht."

Dass die Landesärztekammer bei Kollegen aus Drittländern die Prüfung ihrer fachärztlichen Qualifikation von bislang einer halben Stunde nun auf bis zu 120 Minuten aufstocken will - die Überprüfung praktischer Fertigkeiten eingeschlossen -, findet Ott "im Prinzip ein bisschen kurz gesprungen". Für Kammerpräsident Gerald Quitterer ist das indes ein unabdingbarer wichtiger Schritt in die richtige Richtung: Beim bisherigen Prüfverfahren sei nicht nachvollziehbar gewesen, ob die ausländischen Facharzt-Diplome im Vergleich zu den deutschen gleichwertig sind.

Thomas Lippmann, dem Geschäftsführer der kommunalen Krankenhäuser im Kreis Weilheim-Schongau, wäre es ohnehin am liebsten, wenn er auf deutsche Ärzte zurückgreifen könnte. Denn: Es sei moralisch höchst fragwürdig, aus anderen Ländern die Ärzte abzugreifen. Lippmann bietet den ausländischen Ärzten in seinem Haus kostenlose Sprachkurse an. Und das lohnt sich. Doch nicht immer sind die Erfahrungen mit Ärzten aus Drittstaaten gut. Dreien musste Lippmann die Kündigung überreichen - bei einem wurden fachliche Probleme deutlich, einer hatte überdies eine Einstellung zu Frauen, die sich nicht mit den westlichen Werten vereinbaren lässt. "Und der Dritte, der hatte überhaupt keine Ausbildung", sagt Michael Platz, der Ärztliche Direktor. Doch über die meisten ausländischen Kollegen will er nichts kommen lassen: "Man hat manchen Tränen nachgeweint, als sie uns wieder verließen."

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