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Medizinstudium in Bayern:"Rauskaufen kann sich nur die Oberschicht"

Simulationszentrum für Medizinstudenten in München, 2014

Die ersten Studenten auf der Basis des neuen Landarztgesetzes sollen ihr Studium im Wintersemester 2020 beginnen. In dieser Szene trainieren Medizinstudenten im Operationssaal des Simulationszentrums für angehende Ärzte im Klinikum rechts der Isar an einer Puppe die Behandlung von Patienten.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wer sich verpflichtet, später als Landarzt zu arbeiten, soll nach dem Willen der CSU leichter an einen Medizinstudienplatz kommen. Kritiker werfen der Partei vor, mit der Verzweiflung der Abiturienten zu spielen.

Von der kürzlich verkündeten Landarztquote verspricht sich die Staatsregierung die Lösung für den Ärztemangel in ländlichen Regionen. Gesundheitsministerin Melanie Huml bezeichnete die Quote gar als "Paradigmenwechsel". Ministerpräsident Markus Söder (beide CSU) sprach von einer "zentralen politischen Weichenstellung" im Ringen für gleichwertige Lebensverhältnisse. Wer sich aber bei Medizinern umhört, vernimmt weniger Jubel, die Reaktionen changieren zwischen Skepsis und zaghaftem Optimismus.

Dass etwas geschehen muss, ist klar: Im Schnitt sind Bayerns Ärzte laut Bundesarztregister Mitte 50, Hausärzte gar Mitte 60. Tausende wollen in den nächsten Jahren aufhören. Aber der Job des Hausarztes in der Provinz - Generalist, Einzelkämpfer, ständig für Patienten erreichbar - scheint für Medizinstudenten weniger attraktiv zu sein als Spezialistentum mit geregelteren Arbeitszeiten in den Städten. Versuche, angehende Ärzte in die ländlichen Ecken Bayerns zu ziehen, gibt es längst: Stipendien für niederbayerische Medizinstudenten, die in Österreich studieren, oder monatliche Zuschüsse und Betreuung durch Mentoren für jene, die sich zum Facharzt in "Allgemeinmedizin" verpflichten.

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Ob diese Wege erfolgreich sind, vermag aber niemand zu sagen: Die 12 912 bayerischen Medizinstudenten und die 1966 Erstsemester, die im Oktober beginnen, lernen sechs Jahre an den Unis, danach folgen fünf bis sechs Jahre Facharztausbildung. Nun soll also die Landarztquote die Lösung bringen: 5,8 Prozent aller Medizinstudienplätze an den bayerischen Unis sollen künftig unabhängig vom Abiturschnitt vergeben werden.

90 Plätze könnten es von 2020 an jedes Jahr werden, abhängig vom Bedarf, den die Kassenärztliche Vereinigung ermittelt. Die Kandidaten müssen einen Medizinertest bestehen, bereits einen Gesundheitsberuf ausüben und ehrenamtlich engagiert sein. Danach folgen Auswahlgespräche. Wer genommen wird, muss sich festlegen, nach Examen und Facharztausbildung zehn Jahre lang in einer Region zu arbeiten, in der Ärzte gebraucht werden. Vertragsstrafe: 250 000 Euro.

Matthias Kaufmann, Vizepräsident der Bundesvertretung der deutschen Medizinstudenten, nennt die Landarztquote "Symbolpolitik" und "perfide", denn schnelle Lösungen bringe sie nicht und sie sei "sozial ungerecht". "Rauskaufen kann sich nur die Oberschicht und manche Talente zeigen sich eben erst im Studium. Wer weiß mit 17 schon, ob er Gehirnchirurg oder Forscher werden will?", sagt Kaufmann. Die CSU spiele mit der Verzweiflung der Abiturienten, die ohne 1,0-Abitur kaum eine Chance haben. Hans Drexler, Studiendekan der Erlanger Mediziner, sieht das ähnlich: "Die Leute tun alles, um einen Medizinstudienplatz zu bekommen."

Drexler glaubt, dass Ärzte künftig eher in medizinischen Versorgungszentren arbeiten

Aber statt mit Zwang zu arbeiten, müsste das Angebot so attraktiv werden, dass Studenten Landarzt werden wollen. Dafür müsste die Struktur grundsätzlich verändert werden, sagt Drexler, der den Lehrstuhl für Arbeits- und Sozialmedizin inne hat. Die Zukunft sieht er in medizinischen Versorgungszentren, in denen viele Ärzte arbeiten, die klar geregelte Arbeitszeiten haben, und nicht allein rund um die Uhr für Patienten zuständig sind. "Die Generation Y tickt anders, die wird man mit hohen Vergütungen nicht locken können." Freizeit sei so wichtig wie geregelte Arbeitszeiten.

Viele Studenten wollen lieber im Team arbeiten, sagt auch Martina Kadmon, die Gründungsdekanin der neuen medizinischen Fakultät an der Uni Augsburg. Dass sich strukturell etwas tun muss, sieht sie ebenfalls. Aber die Landarztquote bewertet Kadmon positiver: Es sei gut, einen breiteren Zugang zum Studium zu schaffen. Es gebe ausreichend Belege dafür, dass Abiturienten mit Zweier-Schnitt und "tollem" Ergebnis im Medizinertest ähnliche Leistungen bringen wie Einserabiturienten. Kadmon setzt auf positive Erlebnisse im Studium, um Hausärzte von morgen zu locken. Studenten müssten lernen, "nicht das CT, sondern erst mal die Hände zu benutzen", sagt Kadmon. Mehr Kontakt zum Patienten und ein stärkerer Fokus auf Allgemeinmedizin ist auch das Ziel des bundesweiten Masterplans Medizinstudium.

In der Landesärztekammer (LÄK) gibt man sich noch bedeckt. Erst einmal müsse das Gesetz analysiert werden, sagt eine Sprecherin. Grundsätzlich aber fordere auch LÄK-Präsident Gerald Quitterer eine Landarztquote. Das Landarztgesetz soll am 1. Januar 2020 in Kraft treten, die ersten Studenten im Wintersemester 2020 beginnen. Der Entwurf muss noch im Landtag diskutiert werden. Wie die Verträge ausgestaltet werden, ist noch offen. Sicher ist nur, dass Wünsche nicht garantiert werden. Die Ärzte müssen dorthin gehen, wo sie gebraucht werden. Im Ministerium geht man davon aus, dass "die Vorgaben gerne in Kauf genommen werden". Schließlich ermöglichten sie den Studenten, "überhaupt Landarzt werden zu können".