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Verkehr und Infrastruktur:Viele Pendler sind mit dem Radl da

Mithilfe eines Förderprogramms des Bundes sollen Räder komfortabler an Bahnhöfen geparkt werden - wie seit dem vergangenen Sommer in Freising.

(Foto: Marco Einfeldt)

Parkanlagen für Fahrräder liegen im Trend, ein Förderprogramm macht den Bau zusätzlich attraktiv. Das Interesse der Kommunen ist groß - doch der Bedarf ist Kritikern zufolge noch viel größer.

Von Johann Osel

Es war eine Einweihung ohne Zeremoniell oder Sonntagsreden, aber eine, von der sich die Stadt Erlangen viel erhofft: Ende Januar hat Oberbürgermeister Florian Janik (SPD) eine doppelstöckige Fahrradparkanlage an der nordöstlichen Seite des Bahnhofs eröffnet. Eine Pressefoto des Stadtoberhaupts zeugt davon, wie man sein Rad fachgemäß nach oben in die Anlage drapiert; 142 Stück finden dort Platz, etwa genau so viele sollen noch auf der Westseite hinzukommen. In Erlangen ist das Rad ein beliebtes Verkehrsmittel, doch schon länger gibt es Unmut über die Parksituation, über die Massen an Rädern und einen Wildwuchs gerade rund um den Bahnhof. Die Nachfrage könne jetzt "deutlich besser gedeckt werden", teilte die Stadt mit, und die Erweiterung der Abstellmöglichkeiten stehe im Einklang mit der Erlangener "Klimaaufbruch-Strategie".

Die Neuerung kommt über das Pogramm "Bike+Ride" (B+R), einer Kooperation des Bundesumweltministeriums und der Deutschen Bahn. Das Ziel: 100 000 neue Radparkplätze deutschlandweit bis zum Jahr 2022. Schon nach dem Auftakt des Förderprogramms 2019 - mit der Eröffnung einer Anlage in Hof - hatte sich gezeigt, dass das Interesse in Bayerns Kommunen bundesweit am stärksten ist. Städte und Gemeinden können eine Teilnahme beantragen, es gibt verschiedene Größen und Modelle. Dabei fließt Geld vom Bund: Bei den Gesamtkosten des Erlanger Projektes in Höhe von 90 000 Euro blieben der Stadt nur 36 000 Euro Eigenanteil. Eine Ergänzung über Landestöpfe ist möglich.

Im Corona-Jahr 2020 hat es bei der Planung neuer Abstellanlagen Fortschritte gegeben - laut Kritikern ist die Ausgangsbasis gerade im Freistaat aber dürftig. Bayerische Bewertungen im "Fahrradklimatest" des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) waren beim Thema Stellflächen 2018 "besonders schlecht". Man sei nun gespannt, ob sich in einer neuen Erhebung demnächst das Programm niederschlage, meldet der ADFC in Bayern.

Aktuell in diesen Wochen ist vielleicht nicht die Zeit, um unbedingt an dieses Thema zu denken. Die winterlichen Temperaturen bremsen die Lust aufs Fahrradfahren, außerdem ist in Corona-Zeiten der tägliche Pendelverkehr per Zug oder S-Bahn wegen der Homeoffice-Regeln reduziert. Generell ist die Verknüpfung der Mobilitätsformen - in dem Fall eben Fahrrad und Nahverkehr - ein Verkehrsthema der Zukunft. Dies betonten kürzlich bei einer umfassenden Fahrradanhörung im Landtag die geladenen Experten nahezu unisono.

"Starke Nachfrage und enorme Akzeptanz" erkennt ein Sprecher der Deutschen Bahn. Wie das Unternehmen auf Anfrage der SZ mitteilt, wurden bisher in elf Kommunen neue B+R-Anlagen eröffnet; an mehr als 140 Bahnhofsstandorten in Bayern habe es schon Vor-Ort-Termine gegeben, um mögliche Flächen zu identifizieren und Pläne auf den Weg zu bringen. Oft muss geklärt werden, wem eine Stelle gehört, der Bahn oder der Gemeinde. Ein Drittel aller Anmeldungen im Programm bundesweit komme aus Bayern. Man wolle "eine umweltfreundliche Mobilitätskette anbieten und noch mehr Menschen von der Kombination Rad und Zug überzeugen", so der Bahn-Sprecher. Tenor: Es geht voran.

Zweifel daran hat Markus Büchler, grüner Landtagsabgeordneter und in seiner Fraktion Sprecher für Mobilität. 100 000 neue Abstellplätze für ganz Deutschland, wenn es sie irgendwann geben sollte - das sei "angewandte Homöopathie, Fortschritt im Schneckentempo, aber kein großer Wurf". Das sei selbst für 13 Millionen Einwohner in Bayern viel zu niedrig angesetzt. "Sehr viele Bahnhöfe haben praktisch gar kein Angebot." Und wenn es moderne Anlagen gebe, seien die "notorisch überfüllt". Er kenne zudem aus leidvoller Erfahrung "rostige Blechgestelle, die 1972 zur Olympiade gebaut wurden". Da reiße man sich als Nutzer schon mal die Hose auf, an einen Schutz fürs Rad sei gar nicht erst zu denken; relevant angesichts zunehmend hochwertiger Räder oder E-Bikes, so Büchler.

Dies sei bei der Landtagsanhörung vor zwei Wochen ein Thema gewesen. Rad und ÖPNV seien "natürliche Bündnispartner", sichere Abstellmöglichkeiten seien "nicht nur ein Zuckerl für Radbegeisterte, sondern ein Baustein für die Verkehrswende". Ohne ausreichend Parkflächen werde "die gesamte Reisekette unattraktiv - die Leute setzen sich von Anfang an ins Auto statt in den ÖPNV". Büchler hält dieses Defizit symptomatisch für eine "Rückständigkeit" des Fahrradlands Bayern, die sich in der gesamten Infrastruktur zeige. Die Staatsregierung habe keinen Plan, wie sie das für 2025 anvisierte Ziel einer Verdopplung des Radverkehrsanteils zu erreichen gedenke.

Verkehrsministerin Kerstin Schreyer (CSU) sieht Bayern bei der Fahrradförderung dagegen auf einem guten Weg, unlängst betonte sie anlässlich von Neuaufnahmen in die Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundliche Kommunen: "Das Fahrrad ist ein Verkehrsmittel mit Zukunft", der Freistaat unterstütze Städte und Gemeinden "in gewohnter Manier", beispielsweise bei Radwegen oder eben Stellplätzen.

Kritisch bleibt auch der ADFC. Die Offensive habe "auf jeden Fall erste Verbesserungen gebracht", teilt Landesvorsitzende Bernadette Felsch mit. In der Vergangenheit sei an vielen Bahnhöfen in Sachen Abstellanlagen "wenig bis gar nichts" geschehen, mit dem Verweis der Kommunen, man scheitere an der Kommunikation mit der Bahn bezüglich Grundstückseigentums. Insofern sei die Offensive "ein großer Schritt". Doch selbst mit Blick auf Pioniere wie Erlangen ist das ADFC-Fazit "verhalten positiv" - das Parkchaos konnte demnach reduziert werden, der Bedarf sei aber viel höher. Stellplätze in den oberen Reihen, vom OB elegant gehändelt, erwiesen sich als "umständlich und kräftezehrend".

© SZ vom 16.02.2021/vewo
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