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Digitalisierung in Bayern:Superschlau in die Zukunft

Ein Kofferraum voll Technik soll selbst in entlegenen Regionen autonomes Fahren ermöglichen.

(Foto: Hochschule Amberg, Uni Augsburg)

Eine Milliarde Euro will die Staatsregierung in digitale Innovation investieren, das Zauberwort heißt "Künstliche Intelligenz". Diese treibt schon jetzt viele Wissenschaftler und Unternehmer in Bayern um. Einblicke in die Szene.

Edmund Stoiber setzte einst auf Laptop und Lederhose, sein Nach-Nachfolger Ministerpräsident Markus Söder und Wissenschaftsminister Bernd Sibler (CSU) legen den Fokus nun auf Künstliche Intelligenz (KI). Innovationen und Forschung im Digitalen sollen Bayern fit machen für die Zukunft, Fortschritt und Wohlstand sichern. Eine Milliarde Euro will die Regierung investieren, wie genau, wird Söder an diesem Donnerstag im Landtag erklären. Wissenschaftsminister Sibler nennt die Hochschulen "Innovationsmotoren", er hält KI für eine "Schlüsseltechnologie" der Digitalisierung. "Wir sind auf dem Feld der KI richtig gut, müssen aber noch besser werden, um international mithalten zu können", sagt Sibler. Bei aller KI-Euphorie gelte für ihn der Maßstab, dass dieser Fortschritt den Menschen diene. Bei null setzen Söders Investitionen freilich nicht an: Hunderte Wissenschaftler an den Hochschulen und Universitäten forschen bereits zu KI und erproben den Einsatz von lernender Software im Alltag, es gibt eine lebendige Start-up-Szene. Eine Auswahl.

Diagnosehilfe des Roboters

Ute Schmid, Professorin für kognitive Systeme an der Universität Bamberg, hat gemeinsam mit Masterstudenten und Doktoranden ein System entwickelt, das medizinische Bilddaten mit künstlicher Intelligenz klassifizieren und eine Diagnose stellen kann. Aktuell analysiert "TraMeExCo" zum Beispiel den Gesichtsausdruck von Patienten, die sich nach einer Operation nicht selbst ausdrücken können. Das System wird auch im Labor eingesetzt und soll anhand von Bildern Darmkrebs erkennen. Ihre Diagnose ergänzt die Software mit Erklärungen. Der Arzt kann diese Hilfe für seine Behandlung verwenden oder das KI- System bei falscher Diagnose korrigieren. Die künstliche Intelligenz soll den Befund erleichtern und wird durch die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine stets weiter entwickelt.

Fakten für Allergiker

Was Niesreiz auslöst, erfahren Augsburger bald per App, die Daten sammelt eine Software.

(Foto: Hochschule Amberg, Uni Augsburg)

Auf den Dächern des Augsburger Uniklinikums und eines Unigebäudes saugen Pollenmonitore die Umgebungsluft ein und analysieren alle eingefangenen Objekte unter dem Mikroskop. Jens Brunner, Professor am Lehrstuhl für Health Care Operations/Health Information Management, und sein Team haben gemeinsam mit einer Forschergruppe der Münchner Unis um Claudia Traidl-Hoffmann, Chefärztin für Umweltmedizin, eine Software entwickelt. Diese soll die Pollen erkennen und unterscheiden. Alle drei Stunden analysiert sie, welche und wie viele Pollen sich in der Luft befinden und veröffentlicht das Ergebnis auf einer Homepage. Bis zur nächsten Pollensaison sollen Allergiker diese Informationen in einer App abrufen können.

Nie mehr Funkloch

Ohne stabiles Funknetz funktioniert autonomes Fahren nicht. Damit fahrerlose Autos auch in abgelegenen Gebieten sicher unterwegs sind, entwickelten Alfred Höß, Professor an der Fakultät Elektrotechnik, Medien und Informatik, und sein Team ein Programm, um mit künstlicher Intelligenz überall eine sichere Mobilfunkverbindung im Fahrzeug zu erzeugen. Das System erkennt vorausschauend, dass das Mobilfunknetz im Auto zu schwach wird und schaltet rechtzeitig auf einen anderen Provider um. "Schon 2025 kann das System auf dem Markt sein", sagt Höß. Das Projekt der Hochschule Amberg-Weiden ist Teil einer Kooperation von 59 Partnern aus 14 Ländern, die beim autonomen Fahren eine detaillierte Wahrnehmung der Umwelt durch Sensoren und sichere Kommunikation zwischen Fahrzeug und Umgebung schaffen möchten.

Schub durch Start-ups

In Deutschland gibt es 241 KI-Start-ups, das ergab eine Untersuchung der appliedAI-Initiative der UnternehmerTUM, dem Gründerzentrum der Technischen Universität München (TU). Das ist ein Plus von 62 Prozent im Vergleich zu 2018. Die Initiative bringt Start-ups mit großen Konzernen der Technologie- und Industriebranche zusammen. "KI ist die Technologie der Zukunft", sagt TU-Sprecher Markus Bosch. Alteingesessene Unternehmen könnten durch die Kooperation mit den Start-ups von ihnen lernen. Die Anwendung von KI, agiles Denken und neue Ideen würden für Großbetriebe immer wichtiger. Start-ups profitierten von Erfahrung und Marktmacht der Unternehmen, sagt Bosch. Auch Armin Barbalata von der IHK München und Oberbayern findet es "wichtig und richtig, dass sich Start-ups, große und kleine Unternehmen mit dem Thema KI befassen". Als Industriestandort müsse Bayern diese Technologie vorantreiben, um nicht von anderen abhängig zu sein. Auch wenn Länder wie USA und China wesentlich mehr in KI investieren, "ist es wichtig, dass wir da dran bleiben. Ohne künstliche Intelligenz wird es nicht mehr gehen." Bertram Brossardt, Geschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft will mit KI in Bayern "unsere künftige Wettbewerbsfähigkeit sichern". Er nimmt die Politik in die Verantwortung: "Wir dürfen KI und neue datengetriebene Geschäftsmodelle nicht durch überzogene Vorschriften lähmen - sonst werden sie anderswo entwickelt." Aus rechtlicher und ethischer Perspektive gibt es in Deutschland bei Künstlicher Intelligenz noch viele Unklarheiten. "Aber man darf nicht den Fehler machen, gar nicht erst anzufangen, nur weil wir nicht alles geklärt haben", findet Armin Barbalata von der IHK. "Dann ist der Zug nämlich abgefahren."

Süddeutsche Zeitung Bayern Eine Milliarde wird nicht reichen

Söders Innovationsprogramm

Eine Milliarde wird nicht reichen

Das Streberland Bayern besitzt nicht mehr die Strahlkraft, dass Spitzenleute aus Forschung und Lehre hier Schlange stehen. Die Initiative des Ministerpräsidenten ist ein guter Vorschlag, nur die Finanzierung ist längst nicht geklärt.    Kommentar von Katja Auer