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Experiment:Wie Snowfarming in milden Wintern helfen soll

Im österreichischen Ramsau am Dachstein sind sie mit dem sogenannten Snowfarming bereits seit Jahren vertraut.

(Foto: Schladming Tourismus)

Im Allgäu versucht man, den Kunstschnee der zurückliegenden Saison mit Hilfe von Hackschnitzeln über den Sommer zu retten. Die aktuelle Hitze kommt da ungelegen.

Das derzeitige Wetter ist nicht optimal für Schnee, so viel jedenfalls steht fest. Man muss da aber schon unterscheiden: Die 150 Kubikmeter Naturschnee etwa, die in der Gemeinde Scheidegg im Allgäu am Waldrand unter Hackschnitzeln begraben sind, fangen bei mehr als 30 Grad Celsius im Schatten nun schon langsam an zu tauen. "Da ist es ein bisschen feucht, das merkt man", sagt Bauamtsleiter Roland Schlechta. Die 650 Kubikmeter Kunstschnee dagegen, die ebenfalls unter den Hackschnitzeln liegen, halten sich nach wie vor wacker, trotz brütender Sommerhitze. So ist es schließlich auch gedacht: Der Schnee soll im Winter angehäuft und dann mit Hilfe der Hackschnitzel über den Sommer isoliert und konserviert werden, um zu Beginn des nächsten Winters etwa Loipen spuren zu können, auch wenn es noch zu warm sein sollte und noch gar kein Schnee fällt.

Snowfarming nennt sich die Methode, die aus Skandinavien stammt und ansonsten vor allem in der Schweiz und in Österreich wie in Ramsau am Dachstein seit Jahren angewendet wird. In Deutschland findet das Snowfarming, so scheint es, nun ebenfalls immer mehr Anhänger. Ruhpolding als Biathlon-Bundesstützpunkt bringt Schnee schon länger über den Sommer, die Gemeinde Scheidegg fährt dieses Jahr einen Testlauf und will dann entscheiden, ob es sich wirklich lohnt, das öfter zu machen. In Markt Oberstdorf hat der Gemeinderat pünktlich zur Rekordhitze vor ein paar Tagen entschieden, das Verfahren künftig ebenfalls anwenden zu wollen und in einer Sitzung die bau- und wasserrechtlichen Weichen dafür gestellt.

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In zwei Jahren organisiert Markt Oberstdorf die Nordische Ski-WM, 5000 Kubikmeter unter Hackschnitzeln eingelagerter Kunstschnee soll es den Athleten ermöglichen, schon auf einer 1,6 Kilometer langen und fünf Meter breiten Loipe zu trainieren, wenn noch keine Schneeflocke vom Himmel gefallen ist. Florian Speigl ist im Ort Projektleiter für die Nordische Ski-WM und damit auch fürs Snowfarming zuständig. Er erklärt, dass der Schnee im Winter produziert wird, wenn es ohnehin kalt ist. Da tun sich die Schneekanonen leichter als bei wärmeren Temperaturen. Dann wird er auf einen viereinhalb Meter hohen Haufen zusammengeschoben und mit einem halben Meter Hackschnitzel bedeckt, die vor Sonne, Wärme und Regen schützen sollen. Erfahrungswerte zeigen, dass etwa 20 Prozent des Kunstschnees abschmelzen und der Rest dann als Loipe präpariert werden kann. "Die Hackschnitzel werden auch wiederverwendet und verbrannt", sagt Speigl.

Auf der Zugspitze haben sie im Sommer 2016 angefangen, Naturschnee in Schattenlöcher zu schieben, ohne besondere Abdeckung, aber hoch oben tun sie sich natürlich leichter. Warum es in niedrigeren Lagen beim Snowfarming besser Kunstschnee sein sollte, zeigt der Versuch in Scheidegg. "Der hat eine feinere Kristallzusammensetzung und liegt wie ein Eisklumpen unter den Hackschnitzeln", sagt Bauamtsleiter Schlechta. Weil es Kritik von Naturschützern gab und so viel Schnee runtergekommen ist im vergangenen Winter, hat die Gemeinde dann auch etwas Naturschnee eingelagert für den Versuch. Dass die Methode damit nicht so erfolgreich ist, sieht man allerdings schon jetzt, vor Ende des Testlaufs im Herbst, wenn Bilanz gezogen werden soll.

Dann dürfte auch der Bund Naturschutz wieder ein Wörtchen mitreden; der Kreisvorsitzende in Lindau hat den Versuch in Scheidegg bei der Entscheidung im Winter in einem Brief kritisiert. Ob es gerechtfertigt sei, in Zeiten des Mangels Trinkwasser für Kunstschnee zu verwenden? Überhaupt sei die Erzeugung von Kunstschnee unökologisch. Vor allem aber missachte das Experiment den Klimawandel und sei deshalb nicht zukunftsfähig. Durch technische Aufrüstung und fragwürdige Mittel solle der Skitourismus gerettet und auch der Skisport gefördert werden. "In Zeiten des Klimawandels werden der Aufwand immer größer und die Mittel immer absurder, um das Bild von der Schneelandschaft zu erhalten", kritisiert auch der schwäbische Regionalreferent des Bundes Naturschutz, Thomas Frey.

Die Gemeinde habe es besonders gut gemeint, indem sie Trinkwasser genommen habe, sagt Roland Schlechta. Da gebe es großen Überschuss im Ort, trotzdem zeige der Versuch schon jetzt, dass Trinkwasser nicht so geeignet sei fürs Snowfarming wie Wasser aus einem Bach etwa. "Es ist zu sauber," sagt Schlechta. Hoteliers beklagten immer, dass man etwas für den Tourismus tun müsse. "Jetzt sollte man der Gemeinde auch zugestehen, dass sie mal etwas probiert." Der Versuch sei nicht darauf angelegt, unbedingt weitergeführt zu werden. Wenn es schiefgeht und doch zu viel Schnee schmilzt oder die ökologischen Bedenken zu groß werden, vertraut Scheidegg lieber wieder aufs Wetter.

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