Wintersport Ein Kampf, den der Sport immer häufiger verlieren wird

"Wir versprechen dem Kunden Schneesicherheit": Bei bis zu 21 Grad wurden auf der Resterhöhe zwei Abfahrten eingerichtet.

(Foto: dpa)
  • Der Start der Skisaison erinnert daran, dass der Wintersport den Kampf gegen das Wetter langfristig nicht gewinnen kann.
  • Die Skirennfahrer berichteten von großen Problemen, in Europa einen Flecken zum Trainieren aufzutreiben.
  • Mancher Funktionär wirbt für neue Renn-Formate. Diese dürften aber nur mittelfristig helfen.
Von Johannes Knuth, Sölden

Einmal sollte man ihn mindestens gesehen haben, in freier Wildbahn. Am besten kommt man alle paar Jahre wieder zurück. Wie eine Wand ragt der Gletscherhang am Rettenbachferner in Sölden Richtung Himmel, und jedes Jahr, wenn die alpinen Skirennfahrer hier ihre Saison eröffnen, wird der Hang tatsächlich noch ein wenig steiler. Denn das Eis des Gletschers schmilzt und schmilzt dahin. Was als immer härteres Duell der Profis gegen die Elemente gepriesen wird, ist auch ein Vorbote des Niedergangs.

Dieses Jahr, beim Saisonauftakt der Alpinen, war es wieder die erwartet harte Prüfung, mehr noch: Nebel kroch in den Hang, Schnee fiel auf das Eis. "Sölden ist immer extrem, aber diesmal war es unglaublich", sagte die Französin Tessa Worley, die bei den Frauen gewann. Die Organisatoren hatten das Rennen durchgepeitscht, das der Männer am Tag darauf wurde abgesagt, wie im Jahr davor. Es hatte zu viel geschneit.

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Aber gut, die neue Saison ist eröffnet, mit oder ohne Winter. Die Alpinen machen ab dem 17. November in Finnland weiter, die Skispringer steigen bald in Polen ein, die Biathleten Ende November in Slowenien. Doch das Problem, das sie in Sölden zuletzt zum Teil gelöst haben, dürfte sich bald wieder den übrigen Sparten stellen: Sollte der Winter sich so launisch zeigen wie in den vergangenen Jahren, dann muss, ehe die Wettkämpfe beginnen, erst das Wetter besiegt werden. Und das ist ein Kampf, den der Sport immer häufiger verlieren wird.

Die Winter in den Alpen sind heute bis zu 30 Tage kürzer als vor 50 Jahren

Viele Athleten, die in den vergangenen Wochen zu diesem Thema einvernommen wurden, klangen so besorgt wie noch nie. Eric Frenzel, der dreimalige Olympiasieger in der Nordischen Kombination, fand es "erschreckend", wie sehr sich der Dachstein-Gletscher in den vergangenen Jahren zurückgezogen habe. Die Skirennfahrer berichteten von großen Problemen, in Europa einen Flecken zum Trainieren aufzutreiben. Als der Amerikaner Ted Ligety vor dem Wintereinbruch in Sölden eintraf, wähnte er sich in einer "Mondlandschaft", bei all den nackten Felsen am Gletscher. Die Entwicklung ist nicht neu, doch mittlerweile wirkt sich der Klimawandel derart intensiv auf den Alltag der Profis aus, dass er nicht mehr zu verdrängen ist.

Im frühen Saisonauftakt Sölden bündeln sich viele dieser Probleme. Sie riefen die Gletscherrennen vor 25 Jahren ins Leben, zum einen um das Skigebiet zu bewerben, zum anderen um die Zuschauer am TV zum Skikauf zu animieren. Der Gletscher auf rund 3000 Metern war für dieses Werbeprojekt lange ein sicheres Habitat; doch mittlerweile betreiben sie sogar am Gletscher in Sölden das Snowfarming, eine Art Schneeübersommerung, die sie im Biathlon schon länger praktizieren. Sie warfen ihre Schneekanonen zum Ende der vergangenen Saison noch einmal an, schoben den Schnee zusammen, lagerten ihn auf Kunststoffmatten, darüber kam eine wasser- und windabweisende Plane. Nach dem Sommer bastelten sie sich aus dem Schnee von gestern eine Piste für heute.

Immer mehr Skigebiete greifen zu dieser Methode, auch in mittleren Höhen, wo der Winter immer seltener vorbeischaut. In Kitzbühel, wo im Sommer eine Isolierplane Feuer fing und das Schneedepot beinahe abbrannte, waren die Pisten schon Anfang Oktober bereit, bei 21 Grad und inmitten einer braun-grünen Landschaft.

In Garmisch, beim Veranstalter der größten Alpinweltcups in Deutschland, setzen sie bislang nur Kunstschnee ein, den sie im selben Winter produzieren. Dafür sind sie auf kalte, trockene Tage angewiesen, nur dann funktionieren die Schneekanonen. Und diese Tage kommen immer seltener. Die Winter in den Alpen sind heute bis zu 30 Tage kürzer als vor 50 Jahren.

In Garmisch haben sie ihre Pistenraupen seit drei Jahren mit GPS-Sonden ausgestattet, die genau erfassen, wie hoch die Schneeauflage im Umkreis ist; so können sie die geringeren Schneemassen zumindest optimal verteilen. "Die Schneeproduktion ist viel intelligenter geworden", sagt Peter Fischer, der OK-Chef in Garmisch, "der Aufwand ist gar nicht viel größer geworden". Naturschnee brauchen sie aber schon auch noch, für die Sturzräume bei ihrer Kandahar-Abfahrt, die können sie nicht allein mit der Maschine machen. Als der Winter so warm war wie vor vier Jahren, fielen die Weltcup-Rennen komplett aus.