bedeckt München 22°
vgwortpixel

Verdacht auf Tierquälerei:Das Ministerium hat die Staatsanwaltschaft eingeschaltet

Die Tierrechtsorganisation Soko Tierschutz hat bereits Anzeige gegen den Betrieb von Endres erstattet. Der Gründer des Vereins, Friedrich Mülln, sieht die Vorfälle auf dem Hof als "einen erschütternden Beleg" dafür, dass nach Hühnern und Schweinen die Massentierhaltung nun auch in der Milchindustrie angekommen sei: "Die daraus entstehende Tierquälerei nehmen sowohl die Milchbranche hin als auch die Bevölkerung mit ihrer großen Nachfrage nach Milchprodukten", sagt er. Die Milch vom Hof Endres holt die Käserei Champignon ab. Ein Betrieb aus dem Allgäu, der nach eigenen Angaben in einem Jahr 200 000 Tonnen Milch verarbeitet und seine Produkte in die ganze Welt verkauft. Die Firma stellt zum Beispiel den Ofenkäse der Marke "Rougette" her oder auch den Weichkäse "Cambozola", der in vielen Supermärkten im Regal liegt. Eine Sprecherin der Käserei gibt an, dass man die Vorwürfe intensiv prüfe - sollten sie sich bewahrheiten und sollte sich auf dem Hof dennoch nichts ändern, schließe man eine Kündigung des Lieferanten nicht aus.

Teils scheint Fleisch von Kühen, die im Krankenstall liegen, sogar noch in den Handel zu gelangen: Ein notgeschlachtetes Tier vom Hof Endres wurde Mitte Juni zum Schlachthof des Konzerns Vion in Buchloe gebracht. Das Tier habe einen sogenannten Begleitschein gehabt, heißt es bei Vion. Diesen Schein habe ein Tierarzt ausgestellt und Teile seien "für den menschlichen Verzehr" freigegeben worden. Auf einem der Videos ist zu sehen, wie dasselbe Tier zuvor noch voller Kot im Krankenstall lag.

Auf den Aufnahmen aus den knapp vier Wochen ist auch eine Kontrolle des Veterinäramtes Unterallgäu zu beobachten, diese Besuche sind auf dem Hof keine Seltenheit. Der Betrieb von Endres wird dem Veterinäramt zufolge einmal im Jahr verbindlich kontrolliert, in den vergangenen fünf Jahren habe es zudem zehn unangemeldete Kontrollen gegeben. "Die Kontrollen sind aber immer nur Momentaufnahmen. Wir können bei keinem Betrieb rund um die Uhr vor Ort sein", heißt es vonseiten des Veterinäramts. Der Grund für die spontane Kontrolle am 11. Juni war, dass bei den Behörden kurz zuvor eine anonyme Anzeige eingegangen war. Bei ihrem Besuch stellten die Kontrolleure dann fest, dass die Kühe im Krankenstall zum einen nicht ausreichend verarztet würden und zum anderen zu lange leiden müssten. Der Landwirt habe ein Protokoll bekommen, in dem stehe, bis wann die Missstände endgültig behoben sein müssen, teilt das Veterinäramt mit. Wegen einer kranken Kuh, die nicht unverzüglich geschlachtet wurde, habe man zudem ein Bußgeldverfahren eröffnet. In den vergangenen Jahren wurden schon mehrmals Bußgelder gegen den Hof "wegen Verstößen gegen die Tiergesundheit" verhängt. Nur scheinen sie bislang nicht viel bewirkt zu haben.

Ein Sprecher des bayerischen Vebraucherschutzministeriums lässt am Montag mitteilen, dass man, nachdem man am Freitag durch die Anfrage von SZ und ARD von den Vorwürfen erfahren habe, am gleichen Tag eine unangekündigte Kontrolle angeordnet habe. "Ein grob tierschutzwidriger Umgang des Personals mit den Tieren konnte dabei nicht festgestellt werden." Am Montag habe das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit mit einer weiteren, nicht angekündigten Kontrolle begonnen. Das Ministerium habe die Staatsanwaltschaft eingeschaltet und bei der Regierung von Schwaben einen Sonderbericht über den Betrieb angefordert. Der Verbraucherschutzminister Thorsten Glauber von den Freien Wählern sagte: "Zum ersten Mal in meiner Amtszeit werde ich mit derartig schweren Vorwürfen gegen einen konkreten Betrieb konfrontiert. Der Sachverhalt muss sofort umfassend aufgeklärt werden."

Auf einem Video von Mitte Juni sieht man, wie eine Kuh kalbt und die Arbeiter das Neugeborene nicht aus dem Körper bekommen. Sie lassen die sterbende Kuh schließlich auf dem Boden liegen, das Neugeborene hängt aus dem offenen Rumpf. Dann betäuben sie die Kuh doch noch mit einem Bolzenschuss. Die Kehle aber durchtrennen sie nicht.

Mehr als eine Woche nachdem die Kuh mit der Nummer 38 540 verladen wurde, bekam auch sie einen Bolzenschuss. Aber keinen Schnitt durch die Kehle. Die Kuh hob Minuten danach noch immer den Schwanz.

Die Sendung "Report Mainz" wird am Dienstag, 9. Juli, um 21.45 Uhr in der ARD ausgestrahlt.

© SZ vom 09.07.2019/lfr
Landwirtschaft Der Bauernstand ist selbst in Bayern nicht mehr das, was er mal war

Landwirtschaft

Der Bauernstand ist selbst in Bayern nicht mehr das, was er mal war

Das Image eines ganzen Berufsstandes hat in der Diskussion um Tierschutz und Artensterben stark gelitten. Warum sich junge Leute, wie Andreas Lehner, trotzdem für eine Hofübernahme entscheiden.   Von Benedikt Dietsch

Zur SZ-Startseite