Landwirtschaft Der Bauernstand ist selbst in Bayern nicht mehr das, was er mal war

Wie sieht die Zukunft der Landwirtschaft in Bayern aus?

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Das Image eines ganzen Berufsstandes hat in der Diskussion um Tierschutz und Artensterben stark gelitten. Warum sich junge Leute, wie Andreas Lehner, trotzdem für eine Hofübernahme entscheiden.

Von Benedikt Dietsch

Bald wird Andreas Lehner hier für alles verantwortlich sein. Der 26-Jährige spaziert auf dem Familienbetrieb in Richtung Kuhstall. Vorbei an Traktor, Scheune, Wiesen. Ein ganz normaler Hof am Dorfrand, tief in der Oberpfalz, etwa 30 Autominuten von Weiden entfernt In ein paar Jahren will er den Biomilchviehbetrieb seines Vaters übernehmen. "Ich habe lange überlegt, ob ich das machen soll", sagt Lehner.

Schließlich ist der Bauernstand selbst in Bayern nicht mehr das, was er einmal war. "Früher gab es viel mehr Landwirte und jeder wusste aus eigener Erfahrung, wie wir arbeiten", sagt Lehner, ein großer, stämmiger Mann mit dunklem Haar. Ein Typ, der weiß, wie man anpackt. Heute denken viele Büromenschen allenfalls an "Bauer sucht Frau", wenn sie einen Traktor auf der Straße sehen. Da überlegt sich der Bauer von morgen seine Berufswahl schon zweimal. Das schiefe Bild der Landwirtschaft beschränkt sich nicht nur auf RTL-Klischees.

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Einige Bauern haben den Eindruck, als würden Sie allenfalls noch als Umweltsünder und Tierquäler wahrgenommen. Das erfolgreiche Volksbegehren "Rettet die Bienen" hat die bayerischen Bauern geradezu schockiert. Selbst Biobauern fühlen sich mit an den Pranger gestellt, sie fürchten zudem, dass die Preise auf dem Bio-Sektor fallen könnten. Als dann die Staatsregierung die Forderungen auch noch gegen den vereinten Widerstand der Landwirte annahm, war klar: Die langjährige Schutzpatronin CSU hält ihre Hand nicht länger über die Landwirtschaft. Doch junge Menschen wie Andreas Lehner wollen trotzdem Landwirt werden. Warum bloß?

Eine Landwirtschaftsschule in Weiden. Hier bereiten Lehner und seine Mitschüler sich auf ihren Beruf vor, die meisten wollen den Hof der Eltern übernehmen. Die Stimmung könnte besser sein, auch hier sind die Nachwirkungen des Volksbegehrens zu spüren. Misstrauen liegt in der Luft gegenüber den Medien. "Der Rückhalt in der Bevölkerung nimmt ab", sagt Johannes Kick, ein junger Milchbauer.

Er klingt dabei nicht wütend, sondern ganz nüchtern. Seine Mitschüler pflichten ihm bei: Abwasserverunreinigung, grausame Tierhaltung, alles werde ihnen in die Schuhe geschoben. "Der Verbraucher will Billigfleisch, aber zugleich auch Tierschutz und möglichst wenig Abgase", sagt Felix Käß, ein Schweinezüchter, und jetzt ist schon etwas Aufregung mit dabei. Die Schüler fühlen sich unverstanden vom Verbraucher. Und blicken mit Sorge in die Zukunft. "Ich spüre eine große Unsicherheit unter den jungen Landwirten", sagt Kick.

Die Sicherheit des Bürojobs ersetzt nicht den Blick über die Oberpfalz

Das liegt nicht nur am Volksbegehren. Wirtschaftliche Sicherheit ist kein Begriff, der auf Werbebroschüren für Jungbauern steht. Die Betriebe werden immer größer, vor allem mittlere Betriebe mit zehn bis 50 Hektar Land sterben. Die Preise für landwirtschaftliche Produkte sind oft zu niedrig, um rentabel zu wirtschaften. Zugleich steigen die qualitativen Anforderungen an die Erzeugnisse.

Zwar haben in Bayern 2017 nur gut ein Prozent der Bauern aufgegeben - bundesweit am wenigsten. Sicherheit bedeutet das noch lange nicht. Den Hof der Eltern zu übernehmen, das sei heutzutage ein "Riesenrisiko", sagt Lehner. Warum er den Weg trotzdem gehen will? Die Antwort liegt auf dem Hof der Lehners zwischen Gülleduft, Vogelgezwitscher und dem Muhen der Kühe. "Ich bin viel an der frischen Luft, kann mir die Arbeit selbst einteilen - und es wird nie langweilig", sagt Lehner.

So simpel es klingen mag: er wird Landwirt, weil er seinen Beruf liebt. Die Sicherheit eines Bürojobs ersetzt nicht den Blick auf die weite Hügellandschaft der Oberpfalz, die sich hinter dem Kuhstall ausdehnt. Kaum ein anderer Job ist so vielseitig wie der eines Bauern: Lehner ist zugleich Mechaniker, Betriebswirt, Landschaftspfleger, Tier- und Pflanzenfachmann und einiges mehr.

Doch Romantik allein brachte ihn nicht dazu, das Risiko einzugehen. Der Schritt war wohlüberlegt. "Die jungen Landwirte prüfen bei uns ihren Betrieb genauestens auf seine Wirtschaftlichkeit", sagt Peter Gach, ein Lehrer Lehners an der Fachschule in Weiden. Am Ende der Ausbildung stünden sie vor der Entscheidung: investieren oder Nebenerwerb. Dazwischen gebe es nichts.