bedeckt München 19°

Ausbruch des Ersten Weltkrieges:Wie der Krieg das Königreich Bayern überraschte

Tanz beim Künstlerfest in München, 1914

Unbeschwert: Am 23. Mai 1914 zeigen junge Paare in Tracht ländliche Tänze beim Künstlerfest der Akademiker im Nymphenburger Schlosspark in München.

(Foto: SZ Photo/Scherl)

Ein trügerischer Sommer: Bayerns Bauern haben 1914 wegen der Hitze Angst vor einer Dürre, die Landespolitik verfolgt das Weltgeschehen arglos. Erst Ende Juli begreifen die Menschen, dass der Frieden vorbei ist.

Von Hans Kratzer

Ein Himmel von wolkenlosem Blau hat den Frühsommer 1914 geprägt. Anhaltende Hitze schürte die Angst vor einer Dürre. Von einem Krieg aber sprach niemand, obwohl das Feuer bereits schwelte.

Der Autor Gabriel Chevallier beschrieb einige Jahre später in einem Roman die städtische Leichtigkeit jenes 14er-Sommers, in dem das sorglose Frankreich noch helle Kleider, Flanellhosen und Strohhüte trug und die Koffer für die Sommerferien packte. Auf den Caféterrassen roch es nach frischem Absinth, und die Kapellen spielten Melodien aus der "Lustigen Witwe", die gerade ungeheure Erfolge feierte.

Tagesgeschäftig ging es auch im Königreich Bayern her, wo das bäuerliche Land in großartiger Sommerruhe dalag. Die Bauern hatten im Frühling nach alter Gewohnheit die Zeitung abbestellt, denn um diese Zeit richtete sich ihr Tagesrhythmus ganz auf die Heu- und Getreideernte.

Auf den Feldern flogen die Sensen der Mäher hin und her, und selbst die Burschen, die gerade ihren Wehrdienst ableisteten, werkelten jetzt zu Hause mit, denn sie hatten Ernteurlaub. Noch stehen die Bilder wie eine prächtige Vedute vor uns, schwer beladene Bauernkarren, schwitzende Rösser, das reife Korn und am Wegesrand die verblühenden Linden.

Nach getaner Arbeit rückten die Menschen in der kühlen Fletz zu den Mahlzeiten zusammen, die Löffel bedächtig in die Schüssel tauchend. Höchstens dass mittendrin ein Knecht von einer Wahrsagerin erzählte, die Schlimmes prophezeit habe. Wer das Jahr 1920 erleben wolle, der müsse einen eisernen Kopf haben, sagte das Orakel, denn es ziehe ein Krieg herauf.

Aber wer wollte das schon glauben. Die meisten Zuhörer lachten über solchen Unsinn, notierte sich die Schriftstellerin Lena Christ auf einem Zettel. Es wird was Wahres dran gewesen sein, denn Christ, die ihr Ohr ganz nah am Volk hatte, war eine sensible Beobachterin.

Mitten in dieser Sommerschwere feierte das Erste Schwere-Reiter-Regiment des bayerischen Heeres am 20. Juni 1914 in München mit Paraden und Festlichkeiten seinen 100. Geburtstag. Freilich mischten sich in die Heiterkeit der in die Bierkeller ausschwärmenden Offiziere und Mannschaften politische Sorgen.

Die wachsenden Spannungen zwischen den Großmächten trübten die Fröhlichkeit. Es war wie ein Menetekel: Zum ersten Mal trugen die Soldaten ihre neuen feldgrauen Mäntel anstelle ihrer traditionellen blauen Uniformen.

Eine Woche später, am 28. Juni 1914, tötete in Sarajevo ein serbischer Attentäter mit mehreren Schüssen den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Frau Sophie Gräfin Chotek. Die ruchlose Tat erschütterte auch die Bevölkerung in Bayern. Die im Jahre 1900 geborene Münchner Zeitzeugin Josefa Halbinger erinnerte sich, dass ihre Schwester nach der Mordnachricht sofort gesagt habe: "Das gibt Krieg."

Sie war nicht die Einzige, die jetzt zu unken begann, doch Bosnien war weit weg, und die Erregung schwoll bald wieder ab. Ungeachtet dessen bekundeten viele ihr Mitleid mit dem armen Kaiser Franz Joseph, "wo er doch sowieso viel mitgemacht gehabt hat", wie Josefa Halbinger es formulierte. Niemand hatte vergessen, dass sich sein Sohn und Thronfolger Rudolf umgebracht hatte, und dass seine Frau, Kaiserin Sisi, ermordet worden war.

Und jetzt auch noch der gewaltsame Tod des nächsten Thronfolgers. Die Bayern sahen in Franz Joseph vorwiegend einen menschenfreundlichen und gut katholischen Monarchen. "Hingestellt haben sie ihn wie den lieben Gott persönlich", resümierte Halbinger. "Selber hat man das ja nicht beurteilen können, ich schon gar nicht."

Tatsächlich konnte sich das gewöhnliche bayerische Volk kaum ein Bild von der sich dramatisch zuspitzenden Lage machen. Denn die Politik und die Parteien klärten die Menschen partout nicht auf. Der Publizist Victor Naumann (1865-1927) erkannte Mitte Juli bei einem Abstecher nach München eine mangelnde Sensibilität für die europäische Gesamtlage.

Der Landtag spricht von "Wirren im Osten"

Von Wien herkommend, war er sich sicher, dass der Weltkrieg unmittelbar bevorstehe, doch fand er die bayerische Hauptstadt in einem "tiefen politischen Schlaf" vor. Die Krise war kein Thema. Der bayerische Ministerrat tagte am 2., 4. und 15. Juli, ohne sich auch nur ein einziges Mal mit den Auswirkungen des Mordanschlags von Sarajevo zu beschäftigen.

Im Landtag stellte lediglich eine Trauerkundgebung für Erzherzog Franz Ferdinand am 30. Juni einen Bezug zum gefährlich glimmenden Balkan her. Bei dieser Gelegenheit brachte der Kammerpräsident Georg von Orterer den Abscheu des Parlaments gegenüber der fluchwürdigen Tat zum Ausdruck, wobei er hoffte, dass ein gütiges Geschick Österreich vor den Stürmen bewahren möge, die sich abzeichneten.

Dieses gütige Geschick stellte sich aber nicht ein. Am 25. Juli lehnte Serbien das österreichische Ultimatum ab, im Landtag wurde erstmals von den "Wirren im Osten" gesprochen, und einer der Minister äußerte dabei den Wunsch, Österreich-Ungarn möge, wenn es zum Krieg kommen sollte, diesen glücklich und siegreich bestehen. Die Zuspitzung der Krise habe Staat, Verwaltung, Politik und Bevölkerung in Bayern ziemlich unvorbereitet getroffen, sagt der Historiker Bernhard Grau.

Das Versäumnis, die Bevölkerung rechtzeitig über die Misere aufzuklären, sollte sich jetzt rächen. Der Regierung sei in den Folgetagen die Kontrolle über die öffentliche Meinung völlig entglitten, sagt Grau. Abrupt einsetzende Straßenkundgebungen bestimmten jetzt die Wahrnehmung der Krise stärker als alle regierungsamtlichen Beschwichtigungsversuche.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite