Haus der Bayerischen Geschichte "So ein Projekt ist einmalig"

Stefan Traxler aus Frankfurt setzte sich in der Jury gegen 253 Konkurrenten durch.

(Foto: Sebastian Beck)

Architekt Stefan Traxler musste für die Gestaltung des neuen Museums in Regensburg viel Kritik einstecken. Ein Gespräch über eine fast fensterlose Ausstellungsfläche und das Coole im Einfachen.

Von Sebastian Beck und Andreas Glas

SZ: "Wuchtig, etwas aufreibend, aber dem Thema angemessen" - so hat Ministerpräsident Markus Söder ihr Gebäude charakterisiert. Was hat er damit gemeint?

Stefan Traxler: Da müssen Sie ihn selbst fragen. Vielleicht ist es der Versuch, es positiv zu beschreiben, ohne es wirklich zu verstehen. Oder ihm gefällt's einfach.

Es hat harsche Kritik an dem Entwurf gegeben: Steinhaufen, Monster. Hat Sie die Vehemenz überrascht?

Ja, das hat mich überrascht und auch getroffen. Es wäre falsch zu sagen, dass einen das nicht berührt oder angeht. Vor allem deshalb, weil es bei dem Entwurf nicht darum ging, etwas für den Architekten zu tun, sondern ein besonders gut funktionierendes Museum zu bauen und der Stadt an einem verlorenen Ort Urbanität zurückzugeben. Ich denke, dass die Stadt davon profitiert, zumindest war das der Ansatz. Wir haben versucht , die vorhandene Stadt zu lesen und das Gelesene übersetzt in den Neubau zu transformieren. Dass aber dann ausgerechnet aus der Stadtgesellschaft diese harsche Kritik kommt, das trifft mich im Moment schon noch.

Wo blieben die positiven Stimmen?

Ich vermute, dass diejenigen, die eine positive Meinung haben, eher zum stilleren Teil gehören. Ich bin aber auch optimistisch, dass sich die Einschätzung ändern wird. Natürlich muss ein Haus für sich dastehen, es wäre schlecht, wenn man eine Betriebsanleitung dafür schreiben müsste. Aber man sollte es erst dann beurteilen, wenn man es zur Gänze kennt, und nicht nur die Hülle.

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Den Grundriss, der sich am historischen Hunnenplatz und der Gasse Unter den Schwibbögen orientiert, erkennt man von außen nicht.

Das stimmt so nicht ganz. Wenn man um das Haus herum geht, dann sieht man, dass die Höhen sich am Bestand orientieren. Da gibt es wenige Friktionen. Das müsste man auch spüren. Natürlich erlebt man den ehemaligen öffentlichen Raum nur, wenn man ins Gebäude reingeht.

Sie haben damit auf Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte ihre Handschrift in der ehrwürdigen Stadt Regensburg hinterlassen. Wie zufrieden sind Sie?

Das ist schon eine riesen Verantwortung, die einen manchmal ehrfürchtig macht. Schließlich müssen Menschen das aushalten, was man da tut. Wenn ich ein schlechtes Bild male, muss man es sich nicht ankucken, bei einem Haus ist das anders. Es macht einen zufrieden, wenn die Idee, die man hatte, im Wesentlichen umgesetzt worden ist. Das ist zu 90 Prozent der Fall. Wichtig ist auch, wie der Prozess gelaufen ist, es ist schließlich ein Gemeinschaftsprodukt. Da würde ich sagen, das hat zu 100 Prozent funktioniert. Und dann bleibt natürlich die Frage, wie das von den Menschen angenommen wird. Da kann ich nur schauen, was die Zeit bringt.

Sind Sie mit der Fassade zufrieden?

Das ist auch eine lange Geschichte. Es wird ja kolportiert, dass angeblich das Haus in Kalksandstein geplant gewesen sei. Das ist aber nicht so. Es gab dazu mehrere Workshops, auch mit einigen Preisrichtern und dem Bauherrn. Wir haben das sehr lange, vielleicht auch zu lange diskutiert. Von der Materialität her bin ich auf alle Fälle zufrieden. Wir wollten diese keramische Fassade. Viele sagen ja auch, das sei Beton. Aber da muss man es ein bisschen näher anschauen. Wir haben uns die Farben der alten römischen Mauer des Castra Regina angeschaut. Der Fassadenbauer hat dann den Auftrag erhalten, eine Mischung anzufertigen, die der Farbigkeit und der Körnigkeit entspricht. Da gab es einige Abstriche, das ist nicht ganz so geworden, wie ich es haben wollte. Ich hätte es mir gerne noch ein bisschen lebhafter gewünscht und weniger gleichmäßig. Farbe und Skulpturalität der Gesamtform sind aber genauso entstanden, wie wir es uns gewünscht hatten.

Es heißt ja immer, die Regensburger favorisierten den zweitplatzierten Entwurf: Er erinnert etwas an das Guggenheim-Museum in Bilbao. Sie haben sich aber für einen zurückhaltenden Bau entschieden. Warum?

Das Wort zurückhaltend würde ich hier nicht verwenden. Ich könnte ihnen hier jede Ecke, jede Krümmung und jede Höhenentwicklung erklären. Das ist nicht unter der Dusche entstanden, weil es lustig ist, halt einmal was schräg zu machen oder hoch oder niedrig. Der Kollege aus Graz hat einen anderen Entwurfsansatz gewählt.

Einen, der knallt.

Es ist eben keine Rücksicht auf den Bestand genommen worden. Deshalb schmerzt es mich, wenn gegen mich der gleiche Vorwurf erhoben wird. Unser Entwurf ist nicht zurückhaltend, sondern eher analytisch: Woher kommen wir her? Was hat die Geschichte hinterlassen? Was braucht das Museum? Die Dachlandschaft folgt ja sehr konsequent der Museografie. Das Dach ist dort am höchsten, wo der Teppich aus dem Landtag aufgehängt wird. Funktion und Städtebau spielen zusammen. Ich bin total überzeugt, dass es richtig war, das so zu machen.

In der unmittelbaren Nachbarschaft liegen Dom und Steinerne Brücke. Wahrscheinlich hätte man in Hamburg oder Berlin nicht so kontrovers diskutiert, weil die räumliche Distanz zu den Wahrzeichen größer gewesen wäre. Man könnte einen radikalen Entwurf in Regensburg auch als anmaßend auffassen.

Absolut. Uns ging es um Maßhalten und Zurückhaltung, gerade, was den Dom betrifft. Ich habe auch Herrn Loibl immer gesagt, dass das Coole im Einfachen liegt und nicht im Lauten. Das ist aus meiner Sicht auch viel nachhaltiger. Ein Ziel war eine gewisse Zeitlosigkeit.

Kannten Sie Regensburg schon vorher? Wie geht man als Architekt an ein solches Projekt in einer Unesco-Weltkulturerbe-Stadt ran?

Ich habe mich relativ lange mit einem Taxifahrer unterhalten, als ich zum ersten Mal hier war. . .

So viel zur Macht der Taxifahrer.

Ich habe einen familiären Bezug zu Regensburg. Mein Vater - er war Mitbegründer von Pardon und Titanic - war aus Böhmen geflohen. Er hat hier in Regensburg als Vollwaise sein Leben nach dem Krieg angefangen. Das hat er uns immer gezeigt. Regensburg war für mich als Kind daher eine fantastische Stadt, die eigentlich nach Italien gehört und nicht nach Deutschland.

Ausgerechnet hier dürfen Sie bauen.

Aus Sicht der Familie ist das sozusagen ein Schlusspunkt.

Wie sind Sie zur Grundkonzeption mit der Gasse und dem Platz gekommen?

Wir haben uns historische Pläne besorgt und eine Überlagerung gemacht zwischen der Funktionalität, die nötig ist, und der historischen Situation. Hier lag der Hunnenplatz, es gab einen Durchgang vom Fluss zur Stadtseite. Dem folgt auch das Museumskonzept. Es war uns wichtig, dass das hier wieder ein halböffentlicher Raum entsteht. Das gilt auch für die Eschergasse, die hier verlief. In der Mitte des Platzes stand ein Brunnen. Wir haben daher dem Herrn Loibl vorgeschlagen, die Stelle mit einem sinnvollen Exponat zu zentrieren: Da steht nun der Löwe. Nach einer gewissen Anfangsskepsis bin ich eigentlich begeistert davon.

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Die Ausstellungsfläche ist fast fensterlos. Welche konservatorischen Standards gibt es da?

Es geht um den Lichteinfall: 50 Lux dürfen nicht überschritten werden. Im übrigen gibt es drei Blicke aus dem Museum an drei guten Orten: den Donaublick, den Blick aus einem Fenster in die Halle und das große Domfenster, das auch wieder die eigene Geschichte hat. Und es geht um Temperatur und Feuchtigkeit. Die Sicherheitsanforderungen sind extrem hoch, auch in Hinblick auf eventuelle Leihgeber.

Was lernt man als Architekt bei einem so komplexen Projekt?

Kommunikation. Viel kommunizieren, zum richtigen Zeitpunkt und mit den richtigen Leuten. Da sind auch Fehler gemacht worden. Meiner Ansicht nach wurde mit der Stadtgesellschaft viel zu spät kommuniziert. Ein bisschen, finde ich, hat man dafür die Quittung bekommen.

Wenn das Museum eröffnet worden ist, kommt es in die Mappe "Erledigte Projekte"? Oder bleibt es auf immer ein Kind des Architekten?

So ein Projekt ist einmalig. Es ist der Traum jedes Architekten, einmal ein Museum bauen zu dürfen. Das ist der Hammer. Manchmal wache ich auf und denke mir: Das stimmt gar nicht. So ein Projekt liebt man. Auch wegen meines Vaters ist es eine sehr, sehr spezielle Geschichte für mich.

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