Fahrverbots-Entscheidung "Dann wäre die ganze Familie plötzlich arbeitslos"

Ob Diesel-Fahrverbote kommen, hängt entscheidend vom Urteil des Bundesverwaltungsgerichts ab.

(Foto: Florian Peljak)

Sind Diesel-Fahrverbote grundsätzlich rechtens? Für Handwerker hängt davon viel ab. Sie fürchten, mit ihren Transportern dann nicht mehr zum Kunden zu kommen. Die Chefin eines Sanitärbetriebs erzählt.

Interview von Thomas Harloff

Heute macht das Bundesverwaltungsgericht womöglich den Weg frei für Fahrverbote für ältere Dieselautos. Eine Berufsgruppe verfolgt die Entscheidung der Leipziger Richter besonders gespannt: Handwerker, deren Fuhrparks fast ausschließlich aus Betriebsautos mit Dieselmotor bestehen. Zu ihnen gehört Nicola Schmierer, die Teilhaberin einer Sanitärfirma in Stuttgart ist. Sie sieht ihr Unternehmen durch Fahrverbote in seiner Existenz bedroht.

Interview am Morgen

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SZ: Wie viele der Autos in der Fahrzeugflotte Ihrer Firma tanken Diesel?

Nicola Schmierer: Wir haben insgesamt 14 Fahrzeuge, alle unsere Transporter fahren mit Diesel. Die meisten davon sind zwischen fünf und sieben Jahre alt, manchmal auch zehn Jahre - das kommt ganz auf das Modell an. Nur unser neuester Transporter erfüllt die Euro-6-Abgasnorm, alle anderen maximal Euro 5. Wo es geht, steigen wir auf Benziner um, zum Beispiel bei den Firmenwagen, die einige unserer Mitarbeiter auch privat nutzen. Aber bei den anderen Fahrzeugen sehen wir keine Alternative zum Diesel. Es gibt einfach keinen Transporter mit Benzinantrieb, der groß genug ist für unsere Ansprüche.

Warum haben Sie sich bei der Anschaffung für Diesel entschieden?

Es war immer günstiger, einen Diesel zu fahren. Vor allem bei den laufenden Kosten durch den geringeren Spritpreis. Es hieß ja auch immer, dass gerade Diesel die Umwelt nicht so sehr verschmutzen. Müssten wir jetzt unsere Flotte erneuern, wären die Kosten immens - nicht nur bei der Anschaffung.

Angenommen, Stuttgart verhängt schon bald Fahrverbote: Was würde das für Ihren Betrieb bedeuten?

Selbst wenn uns ein Kunde das Doppelte an Geld bieten würde, wüssten wir gar nicht, wie wir ihn erreichen sollen. Wir sind in Stuttgart-Mitte ansässig und kämen nicht rein oder raus. Unser Kundenstamm lebt vorrangig in der Stadt und wir arbeiten auch für die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft. Die könnten wir alle nicht mehr bedienen.

Was tun Ihre Innung oder die Stuttgarter Kreishandwerkerschaft, um die eventuellen Folgen eines Fahrverbots für ihre Mitglieder abzumildern?

Die Handwerker, die hier auf lokaler Ebene politisch aktiv sind, wollen natürlich eine Ausnahmegenehmigung für unsere Branche erwirken, die Gespräche laufen. Ob das funktioniert, weiß ich nicht, da muss man abwarten. Bei uns ist es zum Beispiel so: Sowohl ich und mein Mann als auch die Kinder arbeiten in unserem Betrieb. Sollte ein Fahrverbot rigoros umgesetzt werden, dann wäre die ganze Familie plötzlich arbeitslos.

Sie selbst fahren mit dem Fahrrad zur Arbeit. Aber einige Ihrer Mitarbeiter müssen wahrscheinlich das Auto nehmen, womöglich einen älteren Diesel.

Unsere Mitarbeiter fahren privat auch Dieselfahrzeuge. Das bedeutet, sie müssen sich neue Fahrzeuge kaufen, um zur Arbeit zu kommen. Oder sie müssen die öffentlichen Verkehrsmittel nehmen, die in Stuttgart sehr teuer sind. Diese Kosten wird dann die Firma tragen müssen, um die Mitarbeiter halten zu können. Unsere Angestellten könnten sich ja einen Job in der Umgebung suchen, wo es kein Diesel-Fahrverbot gibt. Abgesehen von denen, die in Stuttgart wohnen, würde ich wahrscheinlich alle verlieren. Ich möchte gar nicht darüber nachdenken. Das ist ein Albtraum!

Fühlen Sie sich im Stich gelassen?

Ich sehe die Fehler vor allem in der Politik. Ich denke, dass die Politiker immer Bescheid wussten, auch über die Schadstoffe im Diesel. Wenn sie und die Stadtplaner Stuttgart so zubauen, zum Beispiel mit großen Häusern am Neckartor, wo es vorher offener war, dann muss man sich nicht wundern, dass sich da der Feinstaub sammelt. Wir sind ein Kessel, wir waren schon immer ein Kessel, und wenn man einen Kessel ohne Abluft hat, dann bleibt die Luft und mit ihr die Schadstoffe drin. Das ist völlig normal.

Können Sie sich vorstellen, sich Elektro-Transporter anzuschaffen?

Elektromodelle sind in der Anschaffung natürlich wesentlich teurer als unsere normalen Autos. Und unsere Mitarbeiter müssten mehr mitdenken. Wenn sie mal vergessen, ihren Elektrotransporter aufzuladen, dann kommen wir nicht zum Kunden. Wir haben aber auch Kunden in Reutlingen oder Heilbronn, also 40 bis 60 Kilometer von uns entfernt. Da muss ich bibbern, dass ich mit einer Batterieladung überhaupt dorthin komme. Ich habe kürzlich am Flughafen ein Carsharing-Elektroauto genommen, das nur zu 20 Prozent aufgeladen war. Da konnte ich die Reichweite nur schwer einschätzen und wusste nicht, ob ich überhaupt nach Hause komme.

Bleibt noch das Thema der lückenhaften Infrastruktur. Gibt es genug Ladesäulen?

Stellen Sie sich mal die Menge der Stromsäulen vor, die benötigt werden, wenn jeder Handwerker im Schnitt vielleicht zehn Autos aufladen muss. Ich sehe schon das Problem, dass wir unsere Mitarbeiter irgendwo abholen müssen, weil sie keine Ladestation für das Betriebsauto gefunden haben. Ein Szenario, dass ich mir bei 13 Mitarbeitern grauenvoll vorstelle.

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