Kinder entdecken nicht die Welt Verkrampftes Verhältnis zur Natur

Sie können die Folgen des Klimawandels referieren, aber sie fürchten sich vor Käfern, benehmen sich im Grünen wie im Museum und verlieren ihre Neugier auf echte Pflanzen und Tiere. Etwas läuft falsch im Verhältnis zwischen Kind und Natur.

Von Katrin Blawat

Der Baum ist eine Einladung. Sein fast ein Meter dicker Stamm hat tief ansetzende Äste, die auch für Kinderfüße gut zu erreichen sind. Also hochklettern? Wenn Axel Schreiner seinen Besuchern des Naturschutz- und Jugendzentrums im oberbayerischen Wartaweil am Ammersee diese Frage stellt, bekommt er immer die gleichen Reaktionen.

Darf man das, einfach so auf einen Baum klettern? Schadet das nicht der Natur? "Die Hälfte der Kinder glaubt, dass Baumklettern verboten sei", sagt Schreiner. Der Forstwirt wundert sich nicht mehr darüber, wie sich Kinder der Natur heute nähern - sofern sie es überhaupt noch tun. Stattdessen bietet der Bund Naturschutz in Bayern, der das Jugendzentrum betreibt, unter anderem Kurse im Baumklettern an. "Sie sind unser beliebtestes Programm", sagt Schreiner.

Wenn Kinder Bäume für verbotene Zonen halten, sie aber gleichzeitig die Folgen des Klimawandels referieren können, wenn sich zwei Drittel der Kinder vor einem Käfer auf der Hand fürchten und Ruhe im Wald für das höchste Gut halten - dann läuft etwas falsch im Verhältnis zwischen Kind und Natur.

Tümpel, Wald, Wiesen und die verwilderte Industriebrache sind für die meisten Kinder heute nicht mehr selbstverständlicher Teil ihrer Welt, sondern allenfalls ein Ausflugsziel für das Wochenende.

Natur ist nicht mehr Lebensraum, sondern sie wird besucht, so wie ein fremdes Haus, der Zoo oder ein Kindertheater: Bei Regen geht es in ein Museum, bei gutem Wetter für einen Nachmittag in den Wald, pädagogische Erläuterungen eingeschlossen.

Diese Entwicklung könne Kinder sogar krank machen, warnt Richard Louv in seinem viel beachteten Buch "Last Child in The Woods", das Ende August auf Deutsch erscheint ("Das letzte Kind im Wald", Beltz). Dass Kinder einfachste Zusammenhänge in der Natur nicht mehr kennen, ist nach Ansicht vieler Experten aber nicht die gravierendste Folge fehlender Naturerfahrungen.

"Das wird schon seit einem Jahrhundert beklagt", sagt Rainer Brämer von der Universität Marburg, Autor des jährlich wiederholten "Jugendreports Natur", für den Brämer mehr als 3000 Sechst- und Neuntklässler befragt. Im vergangenen Jahr wusste nur die Hälfte von ihnen, wie die Sonne tagsüber am Himmel wandert; zwölf von 100 Heranwachsenden konnten ein Lindenblatt identifizieren. Stadt- und Landkinder waren gleichermaßen ahnungslos.