Lohnquote Arbeiter bekommen immer weniger von der Wirtschaftsleistung

Electrician wires up a subsea mining machine being built by Soil Machine Dynamics for Nautilus Minerals at Wallsend

In den Eingeweiden einer Unterwasser-Minenmaschine kümmert sich ein Arbeiter um die Verkabelung. Mit Hilfer solcher Tiefsee-Roboter können wertvolle Mineralien auf dem Meeresboden abgebaut werden.

(Foto: REUTERS)
  • Der Anteil der Lohneinkommen im Vergleich zu Kapitalerträgen sinkt, warnt der Internationale Währungsfonds.
  • Der IWF empfiehlt deswegen zum ersten Mal insbesondere Industriestaaten, dieses Ungleichgewicht auch konkret zu bekämpfen.
Von Cerstin Gammelin, Berlin, und Alexander Hagelüken

Lange hat der Internationale Währungsfonds (IWF) eine Wirtschaftspolitik gepredigt, die nicht umverteilt. Jetzt nimmt IWF eine drastische Kehrtwende vor. In seinem neuen Weltwirtschaftsbericht konstatiert der IWF ein weltweit wachsendes Ungleichgewicht: Obwohl die Wirtschaft wächst, sinkt das Einkommen der Arbeiter gemessen an der Wirtschaftsleistung (hier als PDF).

Erstmals empfiehlt der IWF insbesondere Industriestaaten, dieses Ungleichgewicht auch konkret zu bekämpfen. "Längerfristig angelegte Maßnahmen zur Umverteilung könnten erforderlich sein", schreibt der IWF. Die rasante Technologieentwicklung und die zunehmende Globalisierung hängten Bürger ab, die wieder in die Gesellschaft integriert werden müssten.

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Damit nimmt der Fonds endgültig Abschied von einer neoliberal geprägten Wirtschaftspolitik. Die Vordenker des IWF hatten lange argumentiert: Alles, was Wachstum fördere, diene letztendlich auch den Benachteiligten. Sie sprachen sich explizit gegen Umverteilung aus, weil sie Leistungsträgern die Motivation nehme.

Nun also der Kampf gegen die Ungleichheit. Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung findet solche Aussagen bemerkenswert. "IWF, OECD und das Weltwirtschaftsforum in Davos trugen jahrzehntelang neoliberales Gedankengut vor sich her wie eine Monstranz. Jetzt ändern diese riesigen Tanker ihren Kurs", staunt der auf Ungleichheit spezialisierte Berliner Ökonom.

Der IWF begründet seinen Schwenk mit Daten. Seit den früheren Neunzigerjahren sinke die Lohnquote weltweit, heißt es im Bericht. Die Lohnquote misst, wie viel Einkommen in einer Volkswirtschaft als Lohn an Arbeiter und Angestellte ausgezahlt wird. Gibt es mehr Einkommen aus Kapitalerträgen, fällt die Lohnquote.

Laut IWF-Bericht schwankt der Rückgang der Lohnquote sehr zwischen einzelnen Staaten, Wirtschaftszweigen und Berufsgruppen. Ein Trend zeichne sich jedoch klar ab: In der überwiegenden Mehrheit der Staaten führten vor allem sinkende Lohnquoten innerhalb einzelner Branchen zum generellen Rückgang des Arbeitseinkommens. Weniger Ausschlag hatte die eine Abwanderung von Jobs in Niedriglohnsektoren.