Städtetipps Im Herzen der Metropolen

Es muss nicht immer der Eiffelturm sein: SZ-Autoren haben besondere Orte ausfindig gemacht, die den Charakter ihrer Stadt widerspiegeln. Vom Stadtpark bis zum Kaffeehaus. Acht Empfehlungen.

Berliner Freiheit

Gefühlte sechs Monate liegt über Berlin im Winter ein nicht enden wollender grauer Betonhimmel. Er drückt auf Launen und Gemüter, und es kostet viel Kraft, sich zu vergewissern, dass jedem Winter ein Frühling folgt. Sobald die Sonne wieder scheint, sind die Berliner nicht zu halten - und verlassen ihre Stadt. Sie ist von Hunderten Seen umgeben, die wie Magneten die Hauptstadtbewohner anziehen. Die Seen um Berlin sind Entschädigungsseen, ein Versöhnungsangebot der Natur für die trüben Stadttage. Wer indes nicht aufpasst, muss halb Kreuzberg um sich herum ertragen. Die Rettung vor Ufer-Überfüllung liegt ein paar Kilometer außerhalb der Stadt: der türkisfarbene Liepnitzsee.

Ich bin ein Berliner

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Von der Hauptstraße in Wandlitz biegt man rechts in einen Weg, wo ein Schild lügt, dass man von hier aus nicht zum Ufer komme. Am Waldrand parken - dann hört man nur noch Vögel und Wind. Beim Kraulen kann man Rotfedern sehen - der Liepnitzsee ist Brandenburgs See mit dem saubersten Wasser. Vor ein paar Tagen sind wir im Schneegestöber rausgefahren, mal gucken, wie der See im Winter so ist. Die gewohnte Stille empfing uns. Nach einer Viertelstunde auf dem Uferweg aber hörten wir plötzlich Gekreische. Nanu? Als wir um die Ecke bogen, standen wir vor zehn nackten Rentnerinnen, deren Haut feuerrot glänzte. Sie hatten ein Loch in den zugefrorenen See gehackt und waren für eine Sekunde ins eiskalte Wasser getaucht. Eine Frau erzählte, dass sie das jeden Sonntag im Winter machten. "Wir können doch nicht", sagte sie, "unseren Liepnitzsee alleine lassen."

Thorsten Schmitz, Berlin