Parteien und ihre Spitzenleute Stürzen oder Stützen?

Angela Merkel (CDU), Martin Schulz (SPD) und Horst Seehofer (CSU): Alle drei sind politisch geschwächt, doch ihre Parteien gehen unterschiedlich damit um.

(Foto: dpa)

Der brutale Sturz von Schulz, das halbe Ende Seehofers, Merkels Abwehrkampf - all das zeigt, wie unerbittlich Politik sein kann. Doch die Parteien gehen unterschiedlich mit schwächelndem Führungspersonal um.

Analyse von Stefan Braun, Berlin

Was für eine Geschichte von Aufstieg und Fall. Was für eine Geschichte davon, wie die Volkspartei SPD ihre Parteivorsitzenden verschleißt. Wenn die letzten Wochen rund um den glücklosen wie fehlerhaften Martin Schulz eines beweisen, dann ist es die Härte, die einem in diesem Geschäft immer wieder begegnet. Dass der neue Grünenchef Robert Habeck das mit Blick auf das Schulz-Drama besonders offen aussprach, zeigt nur, wie sehr selbst Leute, die schon einige Jahre Politik machen, davon überrascht wurden.

Dabei sind nicht alle Parteien gleich. Nicht alle verfahren derart streng mit ihrem Führungspersonal, nicht in allen Parteien kann die Basis derart brutal aufmucken. Die einen kultivieren die Distanz zur Parteispitze; in der SPD ist das immer wieder zu studieren. Andere lieben das Schauspiel zwischen himmelhoch und abgrundtief, dazu gehören vor allem die Christsozialen. Wieder andere ertragen beinahe wie Lämmer einen Niedergang bis zur Abwahl statt die Parteispitze offen herauszufordern. Das gilt vor allem für die Christdemokraten.

Und was gibt es dann noch? Eine Mischung aus allem, dafür stehen besonders die freiheitsliebenden Liberalen. Eine Beschreibung der kulturellen Besonderheiten zeigt die zum Teil gravierenden Unterschiede.

In der SPD...

...wollen alle (naja, die allermeisten) mit dem an der Spitze eigentlich immer ganz lange solidarisch bleiben. Selbst wenn mal was schief läuft, die Umfragen schlecht sind und das Kopfschütteln zunimmt. Irgendwann aber - keiner kann das vorhersagen - explodieren sie doch. Dann räumen sie ab, dann brechen sie mit dem Mann ganz oben (es waren bisher immer Männer). Und der Unmut, manchmal sogar Zorn richtet sich nicht nur gegen den Unglücksraben oder ungeliebten Oberboss, sondern auch gegen die eigene, viel zu lange währende Selbstbeherrschung.

Selbst einem Frank-Walter Steinmeier ist das schon passiert. Ausgerechnet ihm, dem Meister der Selbstkontrolle. Damals war er noch nicht Staatsoberhaupt, sondern SPD-Fraktionschef. Er gehörte zu denen, die den damaligen SPD-Chef Kurt Beck lange gewähren ließen, bis sie alle auf einmal kollektiv "Stopp!" riefen. Es sei an den Schwielow-See erinnert, jenes Gewässer am Berliner Stadtrand, in dem niemand baden ging, aber an dessen Ufer Kurt Beck hopplahopp gestürzt wurde. Das geschah im Herbst 2008 derart plötzlich, dass selbst gut eingeweihten Beobachtern der Atem stockte.

Und das, was sich damals ereignete, war keineswegs eine Premiere. Ähnlich spektakulär verlief der Sturz Rudolf Scharpings auf dem Mannheimer Parteitag 1995. Und wenn man will, kann man auch den Abgang des traurigen Ex-Heilsbringers Martin Schulz hier einreihen. Alle drei nämlich haben eine erstaunliche, eine ähnliche Abschiedsgeschichte.

Beck und Scharping wurden weniger euphorisch empfangen als Schulz im Februar 2017. Aber das Gefühl, dass der jeweilige Parteichef es eigentlich nicht mehr sein konnte, breitete sich bei allen dreien schleichend über eine sehr, sehr lange Zeit hin aus. Viele, ja die meisten in ihrem Umfeld begannen zu zweifeln; aber über Monate brachte es keiner fertig, den Scharpings, Becks und Schulzens das offen ins Gesicht zu sagen.

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Irgendwie wollte man die SPD-Vorsitzenden eben nicht gleich fallenlassen, sondern in eine bessere Zeit hinüberschleppen. Bis dann doch bei den allermeisten vor, hinter und neben den Parteichefs das Gefühl durchbrach, dass jetzt und zwar jetzt sofort und ganz schnell einfach nur noch Schluss sein müsse. So menschlich und loyal der Antrieb bei den meisten gewesen sein mochte, die Chefs zu halten - so sturzbachähnlich endeten die Manöver immer wieder. Dass diese Abfolge von Loyalität und Sturz besonders angenehm für den Gestürzten ist, würden Scharping, Beck und Schulz wohl eher nicht behaupten.