Soziologe Heinz Bude über die SPD "Schröder trägt keine Schuld"

Soziologe Heinz Bude über Gründe des SPD-Fiaskos, den unbewältigten Erfolg der Schröder-Ära und die Chancen einer Renaissance der Sozialdemokratie.

Interview: Oliver Das Gupta

Heinz Bude, 55, ist Professor für Soziologie an der Universität Kassel und leitet den Bereich "Die Gesellschaft der Bundesrepublik" am Hamburger Institut für Sozialforschung. Er hat mehrere Bücher geschrieben, zuletzt "Die Ausgeschlossenen".

sueddeutsche.de: Herr Bude, die SPD hat es bei der Bundestagswahl erneut zersaust. Nur noch 23 Prozent der Wähler entscheiden sich für die Sozialdemokraten. Ist das noch eine Volkspartei?

Heinz Bude: Die allgemeine Wahrnehmung ist: Sie müsste eine Volkspartei sein. Viele potentielle SPD-Wähler aus verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen sind bei dieser Wahl zu Hause geblieben. Es gibt sicherlich immer noch einen volksparteilichen Resonanzraum für die SPD.

sueddeutsche.de: Um diese abstinenten Wähler zu mobilisieren, bedarf es einigender Motive und Formeln - fehlen die der SPD?

Bude: Genau das war das Problem. Die SPD hat einen Verhinderungswahlkampf betrieben. Sie hat dafür geworben, zu etwas "nein" zu sagen - es blieb aber unklar, zu was sie eigentlich "ja" sagt. Der Aufstieg von Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hätte der SPD eigentlich zeigen müssen, dass sie völlig falsch liegt. Die Botschaft: Die Deutschen wollen nicht immer sofort auf Staat schalten. Man muss auch darüber nachdenken können, so einen Tanker wie Opel untergehen zu lassen.

sueddeutsche.de: Anfangs witterten die Sozialdemokraten in der Opel-Rettung einen veritablen Wahlkampfkracher à la Irak-Krieg und Kirchhof. Auf der anderen Seite: Hätten die Sozialdemokraten überhaupt anders entscheiden können?

Bude: Warum denn nicht? Spätestens seit den neunziger Jahren ist den Menschen klar, dass es nicht nur ein Markt-, sondern auch ein Staatsversagen gibt. Die SPD hätte dies aufgreifen müssen. Die Sozialdemokraten sollten noch mal bei Lord Keynes nachschauen, übrigens ein Ökonom, der in der Sozialdemokratie seine Heimat hatte. Die alte Wahlkampfformel, mit der Gerhard Schröder 1998 operierte, lautete: Wir brauchen soziale Gerechtigkeit plus gesellschaftliche Innovation. Das war deshalb für die SPD eine sehr gute Formel, weil sie die soziale Gerechtigkeit immer an einem Gegenbegriff messen konnte.

sueddeutsche.de: Ist eine solche Formel für die Zukunft brauchbar?

Bude: Es wird dann außerordentlich problematisch, wenn diese Gegenbegrifflichkeit auseinanderfällt - genauso sieht es derzeit aus. Die soziale Gerechtigkeit bleibt übrig, nur fehlt der Kontrollbegriff, von dem Fragen ausgehen: Ist das wichtig für das gesellschaftliche Ganze, müssen wir nicht auch andere Dinge berücksichtigen? Das ist für die SPD vor allem deshalb problematisch, weil ein Überbietungswettbewerb mit der Linken ins Haus steht.

sueddeutsche.de: Viele Menschen nehmen den Sozialdemokraten längst nicht mehr ab, die Hüterin sozialer Gerechtigkeit zu sein. Ging die Glaubwürdigkeit der SPD während Schröders Kanzlerschaft flöten?

Bude: Die SPD sollte sich daran erinnern, dass sie mit Gerhard Schröder bei der letzten Wahl elf Prozentpunkte mehr als jetzt erhalten hat. Den aktuellen Verlust kann man doch nicht dem Altkanzler zuschreiben. Das Problem ist doch, dass die SPD sich absolut uneins ist, was eigentlich der Erfolg mit Schröder gewesen ist.

sueddeutsche.de: Haben Sie eine Erklärung?

Bude: Schröder hat in der Endphase seiner Kanzlerschaft einmal sinngemäß gesagt: Dieses Kapitel sozialdemokratischer Politik, für das auch Tony Blair und Bill Clinton stehen, sollte man einfügen in die lange Geschichte der Sozialdemokratie. Das bedeutet ja nicht, dass man daran festhalten muss, sondern es als eine Entwicklungsstufe akzeptiert. Das hat in Deutschland nicht wirklich stattgefunden. Eine glaubhafte und nachhaltige Korrektur könnte nur von dem Punkt an entstehen, an dem man die sozialdemokratische Erzählung um das Kapitel Schröder komplettieren würden. Wenn die SPD das versäumen sollte, geriete sie in eine Glaubwürdigkeitsfalle. Sonst gibt es nur die alte Sozialdemokratie.

sueddeutsche.de: Soll heißen: Das Falsche wäre ein Rollback zur SPD vor 1998?

Bude: Absolut.

sueddeutsche.de: Und stattdessen?

Bude: Die SPD hat jetzt die große Chance, den Begriff der sozialen Gerechtigkeit richtig zu besetzen. Die Stärkung sozialer Teilhabe heißt mehr als weg mit Hartz IV. Natürlich muss die SPD klarstellen, wer die Zeche der Krise zu zahlen hat. Was sie aber nicht darf: Eine ihrer Erfolgsgeschichten dementieren.