Merkel auf dem CSU-Parteitag Die Union gibt sich einig wie selten

Freundschaftlich statt feindlich: Alexander Dobrindt, Angela Merkel, Volker Kauder und Horst Seehofer (v.l.) schenken sich auf dem CSU-Parteitag gegenseitig Komplimente.

(Foto: Getty Images)

Merkels Auftritt auf dem CSU-Parteitag und Seehofers Reaktion darauf zeigen: Die Unionsparteien wollen einander wieder gut sein. Sie sei kurz davor, die Platte "Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht" aufzulegen, meint Merkel.

Von Robert Roßmann und Wolfgang Wittl, Nürnberg

Dass dieser Auftritt kein unangenehmer wird, dürfte die Kanzlerin schon beim Einzug gemerkt haben. Es ist 16.55 Uhr als Angela Merkel am Freitag endlich in die Nürnberger Messehalle kommt - die Verhandlungen beim EU-Gipfel hatten länger gedauert als ursprünglich geplant. Man könnte also sagen, Merkel kommt von Viktor Orbán zu Horst Seehofer. Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Kanzlerin bei der Frage, welcher der beiden Herren ihr mehr Ärger bereitet, Ungarns autoritärer Regierungschef oder der Vorsitzende der bayerischen Schwesterpartei, arg ins Stottern gekommen wäre. Und jetzt das: Als Merkel einmarschiert, stehen fast alle CSU-Delegierten auf, um ihr zu applaudieren. Und Seehofer gehört zu den größten Claqueuren.

"Ob Sie es glauben oder nicht, ich freue mich wirklich, heute wieder bei Ihnen beim CSU-Parteitag zu sein", sagt Merkel zur Begrüßung. Und sie scheint es ernst zu meinen. Was für ein Unterschied zu ihrem letzten Auftritt bei einem CSU-Parteitag: Ende 2015 musste sich die CDU-Vorsitzende noch auf offener Bühne wie ein Schulmädchen von Seehofer belehren lassen. Der CSU-Chef war mit Merkels Grußwort unzufrieden und gab das deutlich zu erkennen. Die Kanzlerin hatte ihre Flüchtlingspolitik verteidigt, anstatt Konzessionen zu machen. 13 Minuten dauerte die Demütigung, für die Kanzlerin gab es bis zum letzten Satz des CSU-Chefs kein Entkommen. Anschließend flüchtete Merkel aus der Halle. Im vorigen Jahr kam sie erst gar nicht mehr zum CSU-Parteitag. Und nun erntet sie durchweg höflichen Beifall.

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Die vergangenen beiden Jahre seien "keine einfachen Zeiten für CDU und CSU" gewesen, sagt Merkel zum Streit in der Flüchtlingspolitik. Natürlich habe sich das auf das Bundestagswahlergebnis der Union ausgewirkt. Es sei aber gut, dass man miteinander gerungen habe und dass CDU und CSU sich auf ein gemeinsames Regelwerk zur Migration verständigt hätten, das sicherstelle, dass "wir in Zukunft Zuwanderung ordnen und steuern können".

Eine halbe Stunde lang spricht Merkel. Sie bietet dem designierten bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder "gute Zusammenarbeit" an, dann geht es eine Weile um die Welt, Europa, die Digitalisierung - man kennt das von Merkel-Reden. Am Ende wird die Kanzlerin doch noch persönlich. "Wir sind dafür bekannt, dass wir es uns nicht immer einfach gemacht haben in unserem Leben", sagt sie zu Seehofer. Jetzt sei sie kurz aber davor, die Platte "Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht" aufzulegen. Die Delegierten klatschen zufrieden. Als Seehofer Merkels Rede als sehr gut preist, ist klar: Zwischen CDU und CSU ist mindestens ein Weihnachtsfrieden ausgebrochen.

Zuvor hatte sich in der CSU die letzte strittige Personalie in Wohlgefallen aufgelöst. Vor Beginn des Parteitags zog Landwirtschaftsminister Christian Schmidt seine Bewerbung als stellvertretender Parteichef zurück. Damit werden künftig drei Frauen im engsten CSU-Führungszirkel sitzen: die Europaabgeordnete Angelika Niebler, die Bundestagsabgeordnete Dorothee Bär und Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml. Außerdem sollen der Europapolitiker Manfred Weber und der Augsburger Oberbürgermeister Kurt Gribl zu Partei-Vizes gewählt werden.

Ob die erhoffte Geschlossenheit trägt, wird sich indes an einer anderen Frage entscheiden: Wie schneidet Horst Seehofer an diesem Samstag bei seiner Wiederwahl als Parteichef ab? Alles über 80 Prozent wäre in Ordnung, sagen Delegierte. Seehofer zeigt sich zurückhaltend: Er habe zwar "das Gefühl, dass unsere Leute in Ruhe in die Weihnachtsferien gehen wollen, aber garantieren kann man nichts". Die CSU ist sichtlich um Harmonie bemüht. Die Landtagswahl 2018 zwingt zur Einigkeit.

Das ist schon beim Einlaufen der Matadore zu sehen. Die Delegiertenreihen sind noch spärlich besetzt, als Markus Söder eintrifft. Söder sagt, was er seit der Ausrufung der Doppelspitze mit Seehofer immer gesagt hat: "Wir stehen in der CSU alle in einer Verantwortungsgemeinschaft." Konkret erfordert die Verantwortung von Söder und Seehofer, am Parteitag ein einigermaßen glaubhaftes Signal der Harmonie in Land und Partei zu senden. Als Seehofer kommt, setzen sich die beiden in der ersten Reihe nebeneinander. Die Profis schäkern miteinander wie alte Freunde. Als Generalsekretär Andreas Scheuer den Parteitag eröffnet, achten alle auf den Applaus: Bei Söder ist er lauter; bei Seehofer ist er länger. Zumindest bis jetzt scheint es die CSU zu schaffen, ihre schwierige Doppelspitze fein auszutarieren.

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