Erinnerung Ein Föhrenwalder Zeitzeuge

Der verstorbene Jazz-Musiker Coco Schumann wurde bei Wolfratshausen aus dem berüchtigten Todesmarsch befreit. Im späteren Waldram war er beim Historischen Verein zu Gast.

Von Julian Erbersdobler

Jazz und Swing waren seine Leidenschaft, seit er die Musikrichtung im Berlin der Dreißigerjahre kennengelernt hatte: Noch im hohen Alter spielte Coco Schumann diese Musik.

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Schwerst mitgenommen und mit hohem Fieber hat Coco Schumann seine Befreiung und das Ende des Zweiten Weltkriegs bei Wolfratshausen erlebt: Der Mann, der später einer der bekanntesten Jazz-Gitarristen Deutschlands werden sollte, wurde als Überlebender mehrerer Konzentrationslager und des berüchtigten Todesmarsches aus dem KZ Dachau in Richtung Alpen im Lager Föhrenwald gepflegt. Die Ickinger Historikerin und Filmemacherin Sibylle Krafft, Vorsitzende des Historischen Vereins Wolfratshausen, hat Schumann später getroffen und interviewt. Sie erzählt, er müsse irgendwo zwischen Wolfratshausen und Königsdorf befreit worden sein. Genau könne man das leider nicht sagen. Am vergangenen Sonntag ist Coco Schumann im Alter von 93 Jahren in Berlin gestorben.

Schumann war von den Nazis nach deren Terminologie als "Halbjude" verfolgt worden. Schumanns Mutter war Jüdin, sein Vater Christ und Frontkämpfer. Theresienstadt, Auschwitz und das KZ-Außenlager Kaufering sind die Orte, an die der junge Mann deportiert wurde. Während in den Gaskammern Menschen um ihr Leben schrien, machte Coco Schumann Musik. So zynisch es klingt: Er musste die Wärter im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau unterhalten. Nur drei der 16 Bandmitglieder überlebten, auch Schumann. Wenige Tage vor der Befreiung von Auschwitz wurde er nach Kaufering verlegt. Am Ende des folgenden Todesmarsches sollte der Musiker in einem Tal in Innsbruck erschossen werden. Wieder überlebte Schumann. Im Mai 1945 befreiten ihn US-Truppen.

Krafft lud Schumann 2011 nach Waldram ein, in jene Siedlung, in der sich sein Schicksal zum Guten gewendet hatte. Als sie Kontakt zu ihm aufnahm, brauchte sie wenig Überzeugungskraft. Er habe sofort etwas mit dem Namen Föhrenwald anfangen können, sagt sie. Das Lager, das die Nazis als Arbeitersiedlung für die benachbarten Rüstungsbetriebe gegründet hatten, war nach der Befreiung eine Heimstatt für jüdische Displaced Persons (DP) - Menschen, die den Holocaust überlebt hatten und überwiegend nach Israel oder in die USA auswandern wollten. Als DP-Lager ist Föhrenwald in der ganzen Welt bekannt. Ende der Fünfzigerjahre wurden dort nach dem Wegzug der letzten jüdischen Bewohner katholische kinderreiche Heimatvertriebene angesiedelt, der Name "Föhrenwald" wurde durch Waldram ersetzt. Krafft erinnert sich gut an das Treffen mit Schumann an einem Juli-Abend im Waldramer Pfarrheim Sankt Josef der Arbeiter. "Coco Schumann hatte eine sehr gewinnende Art", sagt sie. "Obwohl er Schreckliches gesehen hat, ließ er sich seine positive Lebenseinstellung nicht nehmen." Seinen Spitznamen soll er von einer französischen Freundin bekommen haben, die seine Vornamen Heinz Jakob nicht aussprechen konnte.

Zum Zeitzeugengespräch 2011 kamen mehr als 150 Besucher in das Pfarrheim. Schumann beeindruckte sie mit Sätzen wie diesem: "Ich jammer nicht, dass ich im KZ war, ich juble, dass ich rauskam." Damals fragte Krafft den Überlebenden auch, ob ihm beim Spaziergang durch das ehemalige Föhrenwald etwas bekannt vorgekommen sei. Er antwortete: "Ich habe auch nichts mehr in Waldram wiedererkannt." Es sei so lange her. Durch das Fleckfieber und eine starke Angina habe er damals wie im Wahn im Lagerlazarett gelegen und nach seinen Eltern gerufen. Daran könne er sich noch erinnern, sagte er.

1950 wanderte der Berliner mit seiner Familie nach Australien aus. Vier Jahre später kehrte er nach Deutschland zurück und spielte in verschiedenen Tanz-, Radio- und Fernsehkapellen. In den Neunzigern gründete er das "Coco Schumann Quartett", mit dem er bis zu seinem 90. Lebensjahr auftrat. Sein Motto: "Solange ich Musik mache, habe ich keine Zeit, alt zu werden." Über seine Erlebnisse in der NS-Zeit und in den Konzentrationslagern berichtete er in seinem Buch "Der Ghetto-Swinger. Eine Jazzlegende erzählt".

Musik war Coco Schumanns Leben. Als Jugendlicher hörte er zum ersten Mal Ella Fitzgerald singen, die Königin des Jazz. Mit 15 bekam er sein erstes Engagement als Schlagzeuger. Im März 1943 wurde Schumann denunziert und verhaftet, weil er den gelben Judenstern nicht trug, wegen des Spielens "nichtarischer" Musik und wegen der Verführung "arischer" Frauen, wie es im Nachruf seiner Plattenfirma heißt. Er wurde zunächst in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo er als Mitglied der "Ghetto Swingers" für die SS Konzerte geben musste. Später kam er nach Auschwitz. "Ich bin kein KZler, der Musik macht, sondern ein Musiker, der mal im KZ war", sagte Schumann bei seinem Besuch in Waldram.

Wie wichtig ihm das Spielen war, weiß auch Sybille Krafft. Die Musik habe ihm über viele Klippen des Lebens hinweggeholfen, sagt sie. Die Nachricht von seinem Tod hat die Vorsitzende im Internet gelesen. "Coco Schumann war neben Max Mannheimer und Hildegard Hamm-Brücher einer der prominentesten Zeitzeugen, die wir hatten", sagt sie. Gerade junge Menschen seien immer sehr bewegt, wenn sie die Geschichten von Überlebenden des Holocaust aus erster Hand erfahren. "Weil nur noch wenige leben, ist die Erinnerungsarbeit umso wichtiger." Diese lebendige Erinnerung will Krafft auch im früheren Badehaus im ehemaligen Lager Föhrenwald pflegen, das als Begegnungs- und Dokumentationsstätte umgebaut wird. Mit Coco Schumann hatte sie auch deswegen hin und wieder Kontakt. "Er erkundigte sich regelmäßig bei mir, welche Fortschritte das Badehaus macht", sagt die Historikerin.

www.badehauswaldram.de