Sexismus-Debatte bei Maybrit Illner Zwischen Menschenwürde und Petitesse

"Es geht hier nicht um Rainer Brüderle": Kaum ein Satz wurde am Abend bei Maybrit Illner so gebetsmühlenartig wiederholt wie dieser. Und keiner sollte sich zugleich als so falsch erweisen.

Eine TV-Kritik von Carolin Gasteiger

Maybrit Illner war nun schon die Vierte in der Post-#aufschrei-Woche, die sich mit der Sexismus-Debatte befasste, die momentan das ganze Land beschäftigt und an der schon einige Kollegen vor ihr gescheitert sind. Allen voran Günther Jauch, der am Sonntagabend die Debatte zum Thema auf eindrücklich flache Weise leitete. Markus Lanz' Sendung vom Dienstag sorgte eher mit einem Ausraster von Katrin Sass gegenüber Peer Kusmagk für Schlagzeilen als für eine erhellende Diskussion. Und Anne Will konnte am Mittwochabend allenfalls andeuten, wie unvereinbar derzeit die unterschiedlichen Auffassungen zu sein scheinen.

Nun ist die Sexismus-Debatte also bei Illner gelandet. Da blieb zu hoffen, dass nun endlich einige erhellende Momente kommen und nicht die immer gleichen Plattitüden aufgetischt würden. Weit gefehlt.

Vielmehr arbeiteten sich auch ihre Talkgäste daran ab, den Abend des FDP-Politikers und der Stern-Journalistin an einer Stuttgarter Hotelbar zu analysieren und zu interpretieren. Hätte er sich nicht einfach entschuldigen sollen? Oder sie sich wehren? War seine Äußerung vielleicht doch als Kompliment gemeint, wie Sabine Leutheusser-Schnarrenberger an dem Tag verlauten ließ? Aber um Herrn Brüderle gehe es ja gar nicht.

Claudia Roth saß als Verteidigerin der genötigten Frauen in der Runde ("Das ist keine Petitesse!") und wurde nicht müde, zu betonen, dass "Rassismus, äh Sexismus" in Deutschland ein schlimmes Problem sei. FDP-Haudrauf Wolfgang Kubicki verteidigte seinen Parteifreund und sieht sich wohl zugleich in seiner Rolle als Mann gekränkt ("Ich flirte für mein Leben gern."), und der Buhmann mit den markigsten Sprüchen war Medienanwalt Ralf Höcker ("Das Volk regt sich wieder ab").

Als Roth sich ereifert, sexistische Äußerungen würden bagatellisiert nach dem Motto "man habe ja nur über die Körbchengröße einer Frau gesprochen", kommentiert Kubicki lapidar: "Gucken Sie mal die Karnevalssendungen an." Ansonsten gab sich der FDP-Mann auffallend zahm. "Ich möchte nicht, dass Männer, die sich völlig normal benehmen und nicht annehmen, dass eine von hundert Frauen das als Belästigung empfindet, sich jetzt zurückziehen." Nagt an Herrn Kubicki wohl das schlechte Gewissen? Für diesen Fall haben seine Pressereferentin und seine Büroleiterin bereits vorgesorgt: Privat werde er sich erst mal nicht mehr zu Interviews mit Journalistinnen treffen, hieß es - was er später übrigens relativieren sollte: zu privaten Treffen, sei gemeint gewesen. Einmal machte er sich aber doch noch mal Luft und titulierte Stern-Chef Osterkorn als "größten Chauvi der Nation".

Strukturell unterlegen

Mit Kubicki kam Claudia Roth in der aufwühlenden Debatte noch gut klar, Anwalt Höcker hingegen hätte die Grünen-Frau wohl am liebsten mit Blicken getötet. Als er zu bedenken gab, dass Männer zwar lernen müssten, sich zu benehmen, es ihnen aber nicht immer gelingen würde, giftete Roth: "Wie wäre es, wenn Männer lernen, sich anständig zu benehmen?".

Auch Schauspielerin Sophia Thomalla konnte keine neuen Erkenntnisse in die Debatte bringen, sondern gefiel sich darin, sich auf ihrem Stuhl dekorativ hin- und herzudrehen und alles gar nicht so dramatisch zu finden wie es dargestellt werde.

Als Einzige versuchte die baden-württembergische Verdi-Gewerkschafterin Christina Frank, die Debatte auf inhaltlicher Ebene voranzubringen und schlug eine unabhängige Beschwerdestelle in Unternehmen vor. Weil Frauen sich immer strukturell unterlegen fühlen würden und sich deshalb nicht trauten, etwas zu sagen. Kubickis Empfehlung "Auf jeden Fall zum Anwalt" konterte sie daher mit einem entschiedenen "Nein".

In der Sexismus-Debatte ist längst noch nicht alles gesagt. Allein all die Kurznachrichten, die nach wie vor unter #aufschrei auftauchen, sprechen dagegen. Aber die ZDF-Sendung hätte einen Schritt weiter gehen und die Gastgeberin hätte fragen können, wo ein grundsätzliches Umdenken in der Gesellschaft stattfinden muss und wie dieses aussehen könnte. Oder warum diese Debatte in der heutigen Zeit noch so viele Menschen beschäftigt.

So bleibt nach der Diskussion nur Christina Franks Bemerkung im Kopf, die sich auf die Frauen bezog, die keine Chance haben, sich zu artikulieren: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das vermisse ich in dieser Diskussion."