24. Juni 2011, 10:11 WDR-Recherchen über den World Wide Fund For Nature WWF und die Industrie - der Pakt mit dem Panda

Wie industriefreundlich ist der WWF? Zum 50. Gründungsjubiläum der Organisation hat der WDR hinter den Kulissen des renommierten, weltweit agierenden Umweltverbandes recherchiert. Seine brisante Dokumentation zeigt, wie tief sich der Verband in Interessenssphären der Wirtschaft und ihrer Milliardengewinne verstrickt hat.

Von Lars Langenau

Tigerbabys, Eisbärenkinder, Orang-Utan-Jungen - sie sehen mitleidig aus, süß, und kuschelig, mit ihren großen Augen und den Stupsnasen. Passt perfekt ins Kindchenschema. Es gibt nur noch eine Steigerung: der Panda, das Kindchenschema schlechthin.

Kratzer am guten Image des WWF: Der WDR zeigt eine kritische Dokumentation über den Naturschutzverband (Archiv: Aktion des WWF in Paris, 2008)

(Foto: AFP)

Der Panda ist das Wappentier des global bekannten World Wide Fund For Nature, der auch heute noch bei seinem früheren Namen World Wildlife Fund genannt wird. Der mächtigste Naturschutzverband der Welt hat Marktforschern zufolge eines der glaubwürdigsten Images der Welt. Er steht für Klimaschutz, Nachhaltigkeit, den Erhalt der biologischen Vielfalt der Erde, seit nunmehr 50 Jahren.

Und ist er ständig auf der Suche nach Spendern. Im Dienste der Natur. Kinder plündern schon mal ihr Sparschwein, sammeln Tierbildchen, die der Supermarktriese Rewe in Kooperation mit dem WWF bis vor kurzem beim Einkaufen verschenkte und einen Sammelhype auslöste ("Tier-Abenteuer - Entdecke sie alle!"). Den Spendern wird suggeriert, sie kauften sich ein Stückchen heile Welt.

Doch sieht die Realität in Teilen ganz anders aus?

Die einflussreiche Umweltorganisation WWF mit ihren jährlich etwa 500 Millionen Euro an Spenden, rund 4000 Mitarbeitern und Gliederungen in mehr als 100 Ländern hat sich nach WDR-Recherchen in Interessenslagen der Industrie verstrickt - der Bericht wirft die Frage auf, ob die Arbeit des Verbands mit dem Slogan "For a living Planet" ("Für einen lebendigen Planeten") vereinbar ist.

In der WDR-Dokumentation "Der Pakt mit dem Panda", die die ARD vergangenen Mittwoch um 23.30 Uhr ausgestrahlt hat, legt der mehrfache Grimme-Preisträger Wilfried Huismann nahe, dass die Gutgläubigkeit der Spender stellenweise gehörig strapaziert wird für Interessen, die kaum der Bewahrung des Planeten dienen.

Reise um den Globus

Huismann dokumentiert, dass der WWF offenbar zweifelhaften Unternehmen zu "Nachhaltigkeitszertifikaten" verhilft. Der Verband arbeitet an "runden Tischen" mit Gentechnikunternehmen wie dem Agrargiganten Monsanto und dem multinationalen Konzern Wilmar zusammen - und bestätigt ihnen demnach, dass sie "nachhaltig" Soja und Palmöl produzieren.

Die Naturschutzorganisation rechtfertigt in dem Film solch enge Zusammenarbeit mit einem "unideologischen" Kurs, der viel mehr bringe als konsequente Ablehnung. Huismann zeigt mit seinen Recherchen, welche Folgen diese Zusammenarbeit mit der Industrie haben kann.

"Alle drei Tage eine neue Art"

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Er führt unter anderem die massenhafte, oft gewalttätige Vertreibung von Naturvölkern in Indien und Indonesien an, die seit Jahrhunderten mit als heilig verehrten Wildtieren zusammengelebt hatten. Huismann reiste nach Indien, wo derzeit eine Million Ureinwohner vertrieben werden sollten, angeblich zum Schutz des Tigers - doch lokale Aktivisten halten das für Blödsinn. Das Tigerprojekt des WWF bestehe seit 1974, da habe es noch 5000 Tiger gegeben. Wäre es erfolgreich, müssten dort jetzt mindestens 8000 Tiger leben, sagt ein Umweltaktivist, doch es sind offenbar viel weniger. Und diese wenigen Raubkatzen werden täglich acht Stunden von Ökotouristen des WWF-eigenen Reiseunternehmens und von 155 Jeeps in einem Tigerreservat verfolgt, zum Anschauen. Die betuchten Gäste müssen den Recherchen zufolge rund 10.000 Dollar dafür bezahlen - lokale Aktivisten beklagen, im Namen des Ökotourismus werde der ursprüngliche Wald zerstört.

In Argentinien geht es um genmanipulierte Monokulturen, die Mensch und Umwelt belasten. Huismann reiste in den Norden des Landes, in den Gran Chaco, einst der größte Savannenwald der Erde. Inzwischen ist er zur Hälfte gerodet und von einer Soja-Monokultur überzogen, die sich auf die Nachbarländer ausbreitet und angeblich Menschen krankmacht. Die Haltung des WWF? "Schon heute ist die Soja-Wüste in Südamerika doppelt so groß wie die Fläche Deutschlands", sagt der Sprecher in dem Film. "Eine Verdopplung ist geplant - der WWF Argentinien unterstützt das Vorhaben, weil die Wälder hier, so der WWF 'minderwertig' sind - und durch menschliche Nutzung 'degradiert'". Von dem ursprünglichen Waldbestand ist nichts mehr zu sehen.

Die Gratwanderung eines Umweltschutzverbandes

Huismann war auch auf Borneo unterwegs, wo die Brandrodung für den monokulturellen Anbau von Palmen zur Gewinnung von Palmöl weit fortgeschritten ist. Im Gegenzug schaffen die Verantwortlichen hier ein Alibiwäldchen für genau noch zwei Orang-Utans - aber selbst diese drohen wegen der minimalen Größe des Reservates zu verhungern, sagt Huismann: "80 Hektar auf einer Plantage von 14.000 Hektar, 0,5 Prozent. Ist das ein Erfolg, wenn 99,5 Prozent vernichtet werden?" Dörte Bieler, die im WWF für Biomasse zuständig ist, wird in einer der eindrücklichsten Szenen des Films mit dieser Frage konfrontiert und antwortet lakonisch: "Also, der sehr sichere Tod wäre ja, wenn die 80 Hektar jetzt nicht mehr wären. Dann wären sie jetzt schon tot."

Ein Beispiel für eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Industrie nennt Bieler auf Nachfragen von Huismann auf Anhieb nicht. Ihr sei einfach wichtig, als Nichtregierungsorganisation (NGO) "nicht nur belächelt zu werden, sondern als kompetenter Gesprächspartner akzeptiert zu werden."

In Indonesien besucht Huismann eine Plantage, in der ungefilterte Abwässer im Boden versickern - sie wird den Recherchen zufolge gerade mit Hilfe des WWF als "nachhaltig" zertifiziert. Mit diesem Zertifikat "kann das Unternehmen in Europa den Zuschuss für 'regenerative Energie' kassieren", sagt der Sprecher im Film und ergänzt: "Und der WWF bekommt ein Honorar dafür, dass er das Unternehmen in Sachen 'Nachhaltigkeit' berät. Für beide Seiten ein lohnendes Geschäft."

Allein eine Großbank lässt laut Huismann 100 Millionen Dollar für eine "Klima-Partnerschaft" mit dem WWF springen. Doch in Indonesien finanziere eben dieses Geldinstitut die Abholzung durch Palmölkonzerne, der inzwischen große Teile des Regenwalds zum Opfer gefallen sind. Trotzdem sitze der WWF mit den Großen aus der Lebensmittelindustrie am "Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl" (RSPO). Andere NGOs wie Friends of the Earth oder Greenpeace distanzieren sich, sind aus dieser Runde ausgetreten oder waren nie dabei.

Verquickt mit Geld- und Blutadel

Der Film dokumentiert auch die Verquickung von Geld- und Blutadel mit dem WWF. Ehrenpräsident ist Prinz Philip. Er rechtfertigt im exklusiven Interview mit dem WDR die Jagd auf Tiere so: "Es muss ein Gleichgewicht zwischen den Arten hergestellt werden. Das kann man nicht der Natur überlassen. In dem man Raubtiere dezimiert, schützt man die Tiere." Seinen persönlichen Tigerabschuss 1961 verteidigt der 90 Jahre alte Gemahl der britischen Königin damit, dass es schließlich nur einer gewesen sei.

Mitbegründet wurde der WWF einst maßgeblich von Mitgliedern der europäischen Adelshäuser. Huismann mutmaßt, dass der Verband nur entstand, weil der Großadel in Zeiten der Entkolonialisierung um seine Jagdgebiete fürchtete - ihr Motto sei noch das des Kolonialismus: "Natur ist Abwesenheit des Menschen - jedenfalls des Einheimischen", sagt Huismann zu sueddeutsche.de.

Kaum eine Spende, kaum ein Spender sei dem WWF in den vergangenen Jahrzehnten unangenehm gewesen, von Dow Chemical über Shell bis - zumindest für den WWF USA - auch Monsanto.

Prinz Bernhard der Niederlande, der erste Verbandspräsident, gründete auch den "Club der 1001", ein Art WWF-Förderverein, in dem sich noch heute die Eliten des Westens treffen. Dessen Mitglieder sind überwiegend Industrielle. Früher gehörten zum Club auch führende Figuren des südafrikanischen Apartheitsregimes, der argentinischen Junta und Staatsterroristen wie Zaires Diktator Mobutu Sese Seko.

Dabei ist die Mitgliedschaft in diesem grünen Country-Club noch immer geheim. Nur einige prominente Mitglieder haben sich geoutet, vor allem Adelige, sagt Huismann. Seinen Recherchen zufolge gehörten zumindest Mitte der achtziger Jahre auch viele Persönlichkeiten aus der deutschen Wirtschaftselite dazu, von den Bankiers Robert von Pferdmenges und Hermann Abs über Friedrich Flick bis Bertold Beitz.

Unmenschliche Sendezeit

Das ist Vergangenheit - sagt auch der Sprecher im Film. Doch auch heute hat der WWF wenig Berührungsängste. So wird seit 2010 Monsantos genmanipuliertes Soja vom "Runden Tisch für verantwortungsvolle Sojaproduktion" (RTRS) als "nachhaltig" zertifiziert. Das Zertifizierungssystem ist auf WWF-Initiative entstanden.

Hartmut Vogtmann, Chef des Deutschen Naturschutzrings, empört sich offensichtlich darüber. In einem internen Brief an Detlev Drenckhahn, den Präsidenten der deutschen WWF-Sektion, warnt er eindringlich vor der Teilnahme am "Runden Tisch für verantwortungsvolle Sojaproduktion". In dem Brief, der sueddeutsche.de vorliegt, argumentiert Vogtmann, laut neuer Studien sei durch den Anbau von Soja der Verbrauch von Spritzmitteln "enorm gestiegen" - "denn immer mehr Unkräuter werden resistent gegen das in den Sojakulturen eingesetzte Roundup". Dessen Wirkstoff Glyphostat "verursacht Fehlbildung bei Embryonen und lässt die Krebsrate in die Höhe schnellen", schreibt er weiter in Bezug auf eine Untersuchung und folgert: Der vom WWF mitbegründete runde Tisch "hält ein gescheitertes System von Landwirtschaft künstlich am Leben".

Der WWF Deutschland schreibt sueddeutsche.de zu diesem Thema: "Wir arbeiten weiter am RTRS mit, weil wir mehr gentechnikfreies Soja wollen und die Umweltschäden des Sojaanbaus generell minimieren wollen, wie die Zerstörung der Wälder." Inzwischen hat der WWF auf seiner Webside einen "Faktencheck" veröffentlicht und schreibt da unter anderem: "Wir lehnen Gentechnik ab. Dies werden wir so lange tun, bis bewiesen ist, dass gentechnisch veränderte Pflanzen absolut unbedenklich für Umwelt, Biodiversität und uns Menschen sind. Diese Position des WWF International gilt für alle WWF-Länderorganisationen." Allerdings gebe es bei "einzelnen Länderorganisationen auch Mitarbeiter, deren Meinung sich nicht mit der offiziellen WWF-Position deckt. Dies gilt insbesondere für Staaten, in denen der Anteil der Gentechnik in der Landwirtschaft bereits sehr hoch ist, etwa die USA und Argentinien".

Der Film hat die deutsche Sektion des WWF offensichtlich schon vor der Erstausstrahlung bewegt. Es wurde versucht, mit Abmahnungen durch Medienanwälte die Sendung zu beeinflussen und Interviews platzen zu lassen.

Und was soll man davon halten, wenn der Verband auf SZ-Nachfragen eingesteht, Spenden von Monsanto entgegengenommen zu haben? Und davon, dass die Befürwortung der Gentechnologie durch Jason Clay eine "einzelne Außenseitermeinung" sei? Doch das ist er nicht. Er ist Vize-Präsidenten des WWF-Weltverbandes.

Die ARD sendete den 45-minütigen Film spätabends - und wird damit immerhin dem Auftrag gerecht, Kinder und Jugendliche vor 23 Uhr vor verstörendem Programm zu verschonen.

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Wiederholung des Films am Freitag, den 24. Juni 2011, um 21 Uhr bei EinsExtra.