Ernährung Wie Food Porn unser Essen verändert

Food Porn soll Essen sinnlicher machen. Aber tut es das auch?

(Foto: imago/Westend61)

Pancakes, Acai-Bowls, Avocado-Toast oder das so beliebte Egg Benedict: In hippen Großstadtlokalen und Blogs müssen die Gerichte in erster Linie fantastisch aussehen. Doch es gibt da ein Problem.

Von Ruth Schneeberger, Berlin

Da wäre dieses Brunch-Café in einer ruhigen Ecke Berlins, wo alles ganz bezaubernd ist. Angefangen vom schicken Interieur bis zu den für Hauptstadt-Verhältnisse extrem freundlichen Empfangsfräuleins. Mit ihrer auffallend guten Laune versüßen sie dem Gast die Wartezeit. Das müssen sie auch, denn an einem Sonntagvormittag wartet ein Dreier-Grüppchen schon mal gerne mehr als zwei Stunden auf einen Platz. Immerhin dürfen die Gäste währenddessen Schach oder Poolbillard spielen.

Aber warum warten erwachsene Menschen allen Ernstes so lange auf eine Schrippe oder ein Glas Orangensaft? Zumal in Berlin, wo es an jeder zweiten Ecke eine Riesenauswahl an Alternativen gibt? Nun ja, dieser Laden ist gerade schwer angesagt. So sehr, dass sich ganzkörpertätowierte Riesenkerle mit ihrem Kleinkind-Nachwuchs brav im Foyer einfinden und ewig auf Einlass warten, genau wie die Crew aus Neukölln, die aussieht wie aus einem Hip-Hop-Video.

Was hat das "Benedict Berlin", der erste deutsche Ableger einer Frühstücksrestaurant-Kette aus Israel, was andere Läden nicht haben? Ganz einfach: Hier wird Food Porn serviert, Essen in seiner hübschesten Form.

Food Porn hat unsere Essgewohnheiten verändert. Gestartet vor Jahren im Netz, wo mittlerweile jedes zweite Twenty-Something-Girl, das etwas auf sich hält, über Ernährung schreibt oder zumindest regelmäßig über die gerade angesagten Social-Media-Kanäle private Back- und Kochversuche postet. Allein im deutschsprachigen Raum gibt es inzwischen Tausende Foodblogs.

Jetzt ist der Trend in der breiten Masse angekommen - und ins reale Leben hinübergeschwappt. Man löffelt nicht mehr Linsensuppe mit Bockwürstchen, sondern schlürft Superfood-Smoothies und nascht Chia-Power-Nachtisch mit Mango-Topping. In Berlin kursieren schon Top-Listen darüber, welches Restaurant das Food-Porn-tauglichste Essen serviert. Die Betreiber konkurrieren mit Fotos von Pancakes, Eggs Benedict, Acai-Bowls und Avocado-Toast.

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Die Locations sind super, das Essen sieht toll aus - aber schmeckt es auch?

So auch im "Benedict Berlin". Begrüßt wird der Gast zu jeder Tageszeit mit einem "Guten Morgen" - als leuchtendem Schriftzug über der Bar. Frühstück gibt es folgerichtig von 7 bis 23 Uhr. Ob nun das namensgebende und derzeit so beliebte Egg Benedict, New-York-Banana-Pancakes oder das nicht minder trendige Pulled Pork, hier Eisbein-Sandwich genannt: Sämtliche Speisen, die stets mit einem feinen Cocktail serviert werden, sehen wahnsinnig gut aus. Das einzige Problem: Sieht man von der selbstgemachten Apfel-Zimt-Marmelade ab, kann die Kost die großen Erwartungen, die hier aufgebaut werden, nicht erfüllen. Macht man die Augen zu, schmeckt es eher durchschnittlich. Aber sollte der Sinn eines solchen Restaurants nicht eigentlich das gute Essen sein?

Ähnliches Bild im "19grams", in einer anderen Ecke Berlins. Ebenfalls ein neues Brunch-Restaurant, sehr hip, sehr trendy, sehr Berlin-Style - und sehr voll. Das Essen macht viel her, sowohl auf der Karte als auch fürs Auge. Auch hier sind die Eggs Benedict der Renner, sie kommen mit Bier- oder Champagner-Hollandaise auf den Teller, dazu Erbsenpüree mit Minze, extrasaures Sauerkraut und der beliebte halb flüssige Schokokuchen. Die Gäste sind glücklich und schwelgen zwischen Brunch-Begeisterung und Trend-Euphorie. Aber: Schmeckt man genau hin, sind die Eiergerichte zu fettig und der Kuchen nicht der Rede wert. Das merkt man aber erst, wenn man wieder zuhause ist - denn im Restaurant selbst ist alles rundherum noch so toll.

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