"Zero Dark Thirty" im Kino Besessen von bin Laden

Letzte aufrechte Kämpferin in einer Geheimdienstwelt der Weicheier: Jessica Chastain als Maya in "Zero Dark Thirty".

(Foto: Reuters)

Waterboarding, Prügel, Demütigung: Kathryn Bigelow zeichnet in ihrem neuen Dokudrama "Zero Dark Thirty" ein erstaunlich unkritisches Bild von einer Heldin, die bei ihrer Jagd auf Osama bin Laden Folter für legitim hält. Die Marterszenen haben bereits eine öffentliche Kontroverse ausgelöst, doch die ist das Interessanteste, was der Film zu bieten hat.

Von Susan Vahabzadeh

Wenn das Kino sich die Wirklichkeit vornimmt, dann verhindern die vorgeschriebenen Zutaten oft von vorneherein, dass ein Thriller daraus wird. Kathryn Bigelow hat sich die Jagd auf Osama bin Laden zum Thema gemacht in "Zero Dark Thirty" - und da ist der Ausgang ja doch so ungefähr bekannt. Es geht also darum, wie Kathryn Bigelow und ihr Drehbuchautor Mark Boal davon erzählen. Sie erzählen es als die Geschichte einer Frau: Jessica Chastain spielt Maya, eine Agentin, die sich auf Bin Laden spezialisiert hat, geradezu von ihm besessen ist.

Chastain, derzeit die vielseitigste Schauspielerin, die Hollywood zu bieten hat, spielt sie ganz großartig. Maya ist gerade vom Schreibtisch in Washington versetzt worden nach Islamabad - so beginnt der Film. Es ist heiß, staubig, und ihr Kollege Dan (Jason Clarke) nimmt sie gleich mit zu einem Verhör. Und wie Maya sind wir dann mittendrin in der brutalen Jagd auf Informationen.

Die Folterszenen am Anfang des Films, sie dauern etwa zwanzig Minuten, sind ziemlich hart an der Grenze dessen, was im Mainstream-Kino möglich ist - sie enthalten Prügel, Waterboarding, das Entblößen der Genitalien des Gefangenen vor einer weiblichen Agentin - und zuletzt wird der Gefangene in einen kleinen Kasten gesteckt. Zu diesem Zeitpunkt brabbelt er nur noch zusammenhangloses Zeug, weil er über den geplanten Anschlag, um den es geht, keine Informationen hat.

Und da ist man dann auch schon mittendrin in der Kontroverse, die diesen Film interessanter macht, als er eigentlich ist: Wie geht er mit Folter um? Es ist lächerlich zu behaupten, diese Szene zweifle die Zuverlässigkeit von erfolterten Informationen doch irgendwie an - als Maya und ihr Kollege den Mann wieder aus dem Kasten rauslassen, packt er alles aus, was er weiß. Und bringt Maya auf eine erste Spur zum Versteck von Osama bin Laden.

Bigelow wurde prompt vorgeworfen, "Zero Dark Thirty" billige Folter. In den USA gab es wütende Proteste und Demonstrationen bei den ersten Vorführungen des Films - und Bigelow verwahrte sich dagegen, ihr Film sei keineswegs eine "Billigung": Man könne von Folter ja überhaupt nur erzählen, wenn man sie darstelle. Gibt es aber überhaupt eine unschuldige, vorbehaltlose Darstellung?

Natürlich nicht. Dass die CIA Bin Laden durch Folter auf die Spur gekommen ist, ist mindestens umstritten, was immer Bigelow sagt. Wie wichtig die Informationen im Film für die Ergreifung sind, bleibt unklar, geht unter in der Endlosigkeit von Mayas Ermittlungen vor dem Computer und zerfledderten Aktenbergen. Boal und Bigelow sind da nach allen Seiten offen - sie haben einfach gar keine Haltung, nicht zur Folter und nicht zu den Fakten.

Vieles ist nicht überprüfbar

"Zero Dark Thirty" ist halb nachgestelltes Dokudrama, halb Fiktionalisierung - was von beiden der Film denn nun werden soll, hat Bigelow offensichtlich nie entscheiden wollen. Manches ist klar erfunden, vieles ist nicht überprüfbar. Trotzdem langweilt sie dann eine halbe Stunde lang mit dem minutiös nachgestellten Einsatz gegen Bin Laden in der Nacht zum 2. Mai 2011, selbstverständlich in Nachtsicht-Ästhetik gedreht.

Kathryn Bigelow ist die einzige Regisseurin, die je einen Oscar bekommen hat, für ihren Thriller über Bombenentschärfer im Irakkrieg, "The Hurt Locker" (2008). "Zero Dark Thirty" ist wahrlich kein Meisterwerk. Sicherlich nicht, was die Regie angeht, die wenig Emotion erzeugt, keine unvergesslichen Bilder, und auch nicht gerade durch Einfallsreichtum besticht.