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"Zero Dark Thirty" im Kino:Besessen von bin Laden

Lesezeit: 5 min

Waterboarding, Prügel, Demütigung: Kathryn Bigelow zeichnet in ihrem neuen Dokudrama "Zero Dark Thirty" ein erstaunlich unkritisches Bild von einer Heldin, die bei ihrer Jagd auf Osama bin Laden Folter für legitim hält. Die Marterszenen haben bereits eine öffentliche Kontroverse ausgelöst, doch die ist das Interessanteste, was der Film zu bieten hat.

Von Susan Vahabzadeh

Wenn das Kino sich die Wirklichkeit vornimmt, dann verhindern die vorgeschriebenen Zutaten oft von vorneherein, dass ein Thriller daraus wird. Kathryn Bigelow hat sich die Jagd auf Osama bin Laden zum Thema gemacht in "Zero Dark Thirty" - und da ist der Ausgang ja doch so ungefähr bekannt. Es geht also darum, wie Kathryn Bigelow und ihr Drehbuchautor Mark Boal davon erzählen. Sie erzählen es als die Geschichte einer Frau: Jessica Chastain spielt Maya, eine Agentin, die sich auf Bin Laden spezialisiert hat, geradezu von ihm besessen ist.

Chastain, derzeit die vielseitigste Schauspielerin, die Hollywood zu bieten hat, spielt sie ganz großartig. Maya ist gerade vom Schreibtisch in Washington versetzt worden nach Islamabad - so beginnt der Film. Es ist heiß, staubig, und ihr Kollege Dan (Jason Clarke) nimmt sie gleich mit zu einem Verhör. Und wie Maya sind wir dann mittendrin in der brutalen Jagd auf Informationen.

Die Folterszenen am Anfang des Films, sie dauern etwa zwanzig Minuten, sind ziemlich hart an der Grenze dessen, was im Mainstream-Kino möglich ist - sie enthalten Prügel, Waterboarding, das Entblößen der Genitalien des Gefangenen vor einer weiblichen Agentin - und zuletzt wird der Gefangene in einen kleinen Kasten gesteckt. Zu diesem Zeitpunkt brabbelt er nur noch zusammenhangloses Zeug, weil er über den geplanten Anschlag, um den es geht, keine Informationen hat.

Und da ist man dann auch schon mittendrin in der Kontroverse, die diesen Film interessanter macht, als er eigentlich ist: Wie geht er mit Folter um? Es ist lächerlich zu behaupten, diese Szene zweifle die Zuverlässigkeit von erfolterten Informationen doch irgendwie an - als Maya und ihr Kollege den Mann wieder aus dem Kasten rauslassen, packt er alles aus, was er weiß. Und bringt Maya auf eine erste Spur zum Versteck von Osama bin Laden.

Bigelow wurde prompt vorgeworfen, "Zero Dark Thirty" billige Folter. In den USA gab es wütende Proteste und Demonstrationen bei den ersten Vorführungen des Films - und Bigelow verwahrte sich dagegen, ihr Film sei keineswegs eine "Billigung": Man könne von Folter ja überhaupt nur erzählen, wenn man sie darstelle. Gibt es aber überhaupt eine unschuldige, vorbehaltlose Darstellung?

Natürlich nicht. Dass die CIA Bin Laden durch Folter auf die Spur gekommen ist, ist mindestens umstritten, was immer Bigelow sagt. Wie wichtig die Informationen im Film für die Ergreifung sind, bleibt unklar, geht unter in der Endlosigkeit von Mayas Ermittlungen vor dem Computer und zerfledderten Aktenbergen. Boal und Bigelow sind da nach allen Seiten offen - sie haben einfach gar keine Haltung, nicht zur Folter und nicht zu den Fakten.

Vieles ist nicht überprüfbar

"Zero Dark Thirty" ist halb nachgestelltes Dokudrama, halb Fiktionalisierung - was von beiden der Film denn nun werden soll, hat Bigelow offensichtlich nie entscheiden wollen. Manches ist klar erfunden, vieles ist nicht überprüfbar. Trotzdem langweilt sie dann eine halbe Stunde lang mit dem minutiös nachgestellten Einsatz gegen Bin Laden in der Nacht zum 2. Mai 2011, selbstverständlich in Nachtsicht-Ästhetik gedreht.

Kathryn Bigelow ist die einzige Regisseurin, die je einen Oscar bekommen hat, für ihren Thriller über Bombenentschärfer im Irakkrieg, "The Hurt Locker" (2008). "Zero Dark Thirty" ist wahrlich kein Meisterwerk. Sicherlich nicht, was die Regie angeht, die wenig Emotion erzeugt, keine unvergesslichen Bilder, und auch nicht gerade durch Einfallsreichtum besticht.

Wundersame Vermehrung von Männern

Den Angriff auf das World Trade Center nicht zu zeigen, sondern nur Schwarzfilm mit Ton zu unterlegen - so ungefähr hat es auch schon Michael Moore in "Fahrenheit 9/11" gemacht. Die Unübersichtlichkeit der langjährigen Ermittlungen hat Bigelow nicht entwirrt. Sie stiftet eher noch unnötig Verwirrung: In der entscheidenden Sitzung, in der darüber diskutiert wird, ob sich Bin Laden in dem Haus in Abbottabad versteckt hält, ist das Hauptargument dafür, es müsse der drei Frauen wegen auch einen dritten Mann dort geben. Als hätte keiner der Anwesenden je von der Vielehe gehört. Bei der Erstürmung des Hauses sind dann plötzlich vier Männer da. Sollte es für die wundersame Vermehrung der im Haus befindlichen Personen einen Grund geben, wird er im Film zumindest nicht erwähnt.

Solche Patzer hat Kathryn Bigelow in "The Hurt Locker" nicht gemacht. Sie hat den Oscar vor zwei Jahren zu Recht bekommen, und dass sie diesmal nicht für ihre Regie nominiert ist, ist ebenfalls richtig. Auch wenn es dann immer noch frustrierend ist, dass die einzige weibliche Oscargewinnerin für Regie ihre Filme macht wie ein Kerl. Und das tut sie, nicht nur der Action wegen. Maya sieht nur aus wie ein Mädchen, ansonsten ist sie wie die Männer in "The Hurt Locker" - sie hat keine anderen Prioritäten als die Jagd. Sie hat kein Leben, bloß einen Beruf. Und es gibt keinen Moment, in dem Kathryn Bigelow einen Blick auf sie wirft, den nicht auch ein männlicher Regisseur so werfen würde. Einmal sitzt Maya allein am Frühstückstisch mit einem sexy verrutschten Strickjäckchen, das sie nicht über die Schulter hochzieht - für eine solche Einstellung braucht man jetzt nicht unbedingt eine Frau hinter der Kamera.

Bigelows wichtigste Entscheidung in "Zero Dark Thirty" ist die Zeichnung ihrer Hauptfigur - und sie weiß natürlich selbst ganz genau, dass es unvoreingenommene Darstellungen nicht gibt. Jeder Lichteinfall von hinten und jede Kamerabewegung sind Teil der Charakterisierung. Wir sind zweieinhalb Stunden bei Maya, und Maya hat immer Recht in einer Welt, in der alle anderen Unrecht haben - eine kritische Darstellung dieser Figur ist nicht in Sicht.

Ist schon klar: Ein Agent, der in einem Land wie Pakistan arbeitet, braucht Nerven wie Drahtseile und darf nicht zimperlich sein. Aber Maya hat den schwerwiegenden Schönheitsfehler, dass sie bei ihren Ermittlungen in Gefängnissen auf systematische Folter, Demütigung und Einschüchterung setzt und es richtig findet - und so, wie Bigelow sie inszeniert, ist sie dabei eine Heldin. Hätte man sie nur gelassen, ach, sie hätte Bin Laden schneller gekriegt - aber es hat eine Verwechslung gegeben, und dann fangen die feigen Bedenkenträger im Weißen Haus an, ihr immer wieder dazwischenzufunken.

Maya ist die letzte aufrechte Kämpferin in einer Geheimdienstwelt der zaudernden Weicheier, und sie irrt nie. Gerade in den letzten Szenen, wenn die Jägerin in ein tiefes Loch fällt, weil ihr der Lebensinhalt abhandengekommen ist - da braucht Kathryn Bigelow keinem zu erzählen, dass sie uns hier nicht diese Frau nahebringen will, die ihr Privatleben zwölf Jahre lang auf einem Altar für die Weltsicherheit dargebracht hat.

Für die eigene Haltung ist jeder verantwortlich

"Zero Dark Thirty" ist ein Film mit viel zu vielen Längen und zu wenig Inspiration, und irgendwie muss man sagen: Die Kontroverse, die innere Debatte, die er einem aufzwingt, ist auf verquere Weise noch das Interessanteste an ihm. Jeder Film ist ein wenig mehr als das, was seine Schöpfer abgeliefert haben, wir spinnen ihn im Kopf weiter. Was wir denken und empfinden, ist Teil der Vorstellung - auch der innere Widerstreit oder der Protest, den er provoziert. Für seine eigene Haltung ist letztlich jeder selbst verantwortlich, auch als Zuschauer, egal, was auf der Leinwand zu sehen ist.

Zero Dark Thirty, USA 2012 - Regie: Kathryn Bigelow. Drehbuch: Mark Boal. Kamera: Greig Fraser. Schnitt: Dylan Tichenor, William Goldenberg. Mit: Jessica Chastain, Jason Clarke, Joel Edgerton, Jennifer Ehle, Mark Strong. Universal, 156 Minuten.

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Quelle:
SZ vom 30.01.2013/pak
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