Wahlrecht Ein Schuss gegen demokratische Illusionen, der danebengeht

Für sie ist es aus Jason Brennans Sicht wohl besser, kompetent regiert zu werden, als selbst die politische Teilhabe zu suchen: Mitglieder der rechtspopulistischen Partei "Pro NRW" bei einer Demonstration in Köln im Jahr 2016.

(Foto: imago/Future Image)

Der Philosoph Jason Brennan geißelt die Schwächen der Demokratie und fürchtet dumme Wähler. Doch was er im Gegenzug vorschlägt, ist haarsträubend.

Gastbeitrag von Claus Leggewie

Konrad Adenauers privat geäußerte Verachtung der Wähler ist bekannt. Heute wird man diese autokratische Arroganz ablehnen, doch in der jüngsten Zeit, seit dem Aufstieg Donald Trumps und dem Wirken echter Autokraten wie Viktor Orbán und Recep Tayyip Erdoğan, kann es einem bei Gespräch mit Freunden passieren, dass einer sagt: "Man sollte den Dummköpfen, die solchen Figuren nachlaufen, das Wahlrecht entziehen!"

Peinliches Schweigen stellt sich ein, aber auch das Gefühl, da sei was dran. Warum soll man ignoranten Verächtern der Demokratie die Möglichkeit geben, die Demokratie abzuschaffen?

Dass eine Regierung besser aus Wissenden bestünde, ist ein uraltes Argument gegen die Mehrheitsdemokratie. Auch der an der Georgetown University in Washington lehrende politische Philosoph Jason Brennan spießt alle möglichen Einwände auf, die man gegen die demokratische Herrschaftsform anführen kann und die einen am Ende, mit dem Diktum Winston Churchills, doch zum Schluss bringen, Demokratie sei die schlechteste aller Regierungsformen - außer allen sonst bekannten.

"Orbán sieht sich als spiritueller Führer"

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Brennan, der schon Bücher gegen die Wahlpflicht und über die Ethik des Wählens vorgelegt hat, möchte mit dieser Selbstberuhigung Schluss machen und schießt mit argumentativer Raffinesse und einer Reihe entwaffnender Beispiele gegen demokratische Illusionen.

Für ihn sind die meisten Bürger und Wähler unwissende, irrationale und schlecht informierte Nationalisten; bei der Beurteilung grundlegender ökonomischer oder politischer Fragen begehen sie systematische Fehler und neigen zu Voreingenommenheit.

Brennan behauptet, die politische Teilhabe korrumpiere uns

Und anders als es die Theorie will, mache sie politische Teilhabe nicht zu besseren, sondern zu schlechteren Menschen. Das geht vor allem gegen Befürworter einer deliberativen Demokratie, in der Bürger an den Beratungen über politische Fragen teilnehmen.

Brennan behauptet, dass eine solche edle Tätigkeit "eher abstumpft und uns korrumpiert, sie macht uns nicht zu besseren, sondern zu schlechteren Bürgern". Brennan bestreitet, dass demokratischen Rechte irgendeinen realen Wert für Durchschnittsbürger haben.

Er bevorzugt eine Epistokratie, die Herrschaft der Wissenden, ganz gleich, ob wir, als selber wissende Vulkanier, an ihrer Auswahl teilnehmen dürfen oder, als unwissende Hobbits, davon ausgeschlossen werden.