Sexismus im Literaturbetrieb Die erstaunliche Wirkung des Bewusstwerdens

Oder überall sonst auf der Welt. Es gibt schließlich keinen "Hildesheimer Sexismus". Das, was ich zu beschreiben versuche, ist kein Schreibschulphänomen, sondern ein gesamtgesellschaftliches. Und die Verantwortung dafür lässt sich nicht auf bildungsferne Bereiche und Privatfernsehen abschieben.

Gerade die Menschen, die mit dem Privileg ausgestattet sind, es besser wissen zu können, sind sich dessen oft nicht bewusst und behalten Verhaltensweisen bei, die Geschlechterhierarchien reproduzieren und ihre Privilegien schützen.

Sei es das Nicht-ausreden-lassen, das Nicht-zuhören, das Weniger-ernst-nehmen, das Marginalisieren-von-Erfahrungen oder das Leugnen-von-Diskriminierung. Aber auf der anderen Seite auch: das Schweigen, das viele Frauen gelernt haben, das Unterordnen der eigenen Bedürfnisse unter die der Anderen.

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Es hat eine erstaunliche Wirkung, wenn einem diese Mechanismen bewusst werden: Ein paar Stunden nachdem mein Text auf dem Blog des Merkur erschienen war, hatte ich die erste Nachricht auf meinem Smartphone - von einem Freund aus Hildesheim-Zeiten: "Ich wollte mich nur mal für damals entschuldigen", schreibt er. "Als ich deinen Text gelesen habe, war mir sehr vieles peinlich." Und eine Bekannte aus dem Literaturbetrieb schreibt: "Das könnte man eins zu eins auf den ganzen Betrieb übertragen."

Neben den vielen positiven Reaktionen gibt es aber auch die, die es als anmaßend empfinden, gerade Literaturinstituten Sexismus vorzuwerfen. Gerade dort gäbe es doch schon ein Bewusstsein für sexistische Strukturen, Gendertheorien seien in den Seminaren fest verankert und Gleichstellungsbüros achteten bei Stellenausschreibungen darauf, dass Bewerbungen des jeweils unterrepräsentierten Geschlechts bevorzugt behandelt würden.

In den gehobenen Positionen sind Frauen immer noch massiv in der Minderheit

Also mal wieder Zahlen: Der Frauenanteil an der Bevölkerung beträgt laut dem Statistischen Bundesamt hierzulande 51, der Frauenanteil an hauptberuflich wissenschaftlichem und künstlerischem Personal 38,6 Prozent. Der an Professuren nur noch 22,7 Prozent. Am Literaturinstitut in Hildesheim stellen die Frauen 14,3 Prozent der Lehrenden (ohne die Gastdozentinnen) - das heißt, das Team besteht aus sechs Männern und einer Frau.

Sehr wahrscheinlich wird im kommenden Semester eine zweite Frau beschäftigt - zum ersten Mal in der Institutsgeschichte. Dann kämen wir immerhin schon auf 28,6 Prozent. Am deutschen Literaturinstitut in Leipzig sieht es nicht viel anders aus.

Und diese Zahlen setzen sich auch außerhalb der Hochschulen fort: Der Anteil an Rezensionen über Bücher von Frauen beträgt zehn bis 24 Prozent. Sieht man sich die Jurys von Literaturpreisen an, sind Frauen mit nur 23 Prozent vertreten. Vielleicht ist das einer der Gründe dafür, dass Literaturpreise fünf Mal häufiger an Männer gehen.

Pseudoironische Herrenabende

Am nächsten Tag gebe ich mit einer meiner Mitstreiterinnen ein Interview:

"Das ist natürlich schwer zu belegen. Haben Sie denn irgendwelche Zahlen?", fragt uns die Journalistin.

"Nur die üblichen", sage ich und schicke noch ein paar Prozentsätze hinterher.

"Zahlen sind nur die Spitze des Eisbergs.", sagt Lena irgendwann neben mir. "Darum versuchen wir, das zu beschreiben, wofür es keine Zahlen gibt."

Kurz bevor ich Hildesheim am Ende meines Studiums verlasse, beginnen ein paar meiner Kommilitonen, sich pseudoironisch zu Herrenabenden zu treffen. Sie rauchen mit Vintage-Anzügen bekleidet Zigarren und trinken Whisky. Was sie sonst noch so machen, weiß ich nicht. Weil ich nicht dabei bin. Ich bedauere das nicht besonders.

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