Margarethe von Trotta "In Wirklichkeit sind Frauen nicht gleichgestellt"

Margarethe von Trottas Filme handeln oft von Schwestern, so auch das aktuelle Drama "Die abhandene Welt".

(Foto: Stephan Rumpf)

Starke Frauen sind ihr Lebensthema. Auch in ihrem neuen Film "Die abhandene Welt" präsentiert Margarethe von Trotta zwei Schwestern, die der Welt zeigen, wo es langgeht.

Von Paul Katzenberger

Sie war eine der ganz wenigen Frauen, die die Aufbruchsstimmung im deutschen Film der Siebzigerjahre prägte. Schon Margarethe von Trottas Regiedebüt von 1978, "Das zweite Erwachen der Christa Klages" über eine Bankräuberin, die Gutes tun will, zeigt jene Sensibilität für die Entwicklung weiblicher Charaktere, die später zu ihrem Markenzeichen wurde.

Der internationale Durchbruch gelang Margarethe von Trotta 1981 mit dem Film "Die bleierne Zeit" über die Schwestern Gudrun und Christiane Ensslin, die im Zuge der 68er-Studentenbewegung unterschiedliche Wege gehen - die eine als Redakteurin, die andere als Terroristin. 1986 zeichnete sie in "Rosa Luxemburg" die Persönlichkeit der sozialistischen Vordenkerin nach. Es folgten mit "Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen" (2009) und "Hannah Arendt" (2012) weitere Filme über historische Frauengestalten. In ihrem neuem Film "Die abhandene Welt" erzählt die Regisseurin eine fiktive Geschichte, angereichert mit ihrer eigenen Biographie.

SZ: Frau von Trotta, Ihr neuer Film "Die abhandene Welt" ist gerade ins Kino gekommen. Warum dieser Titel?

Margarethe von Trotta: Der Titel ist ein Zitat aus dem Lied "Ich bin der Welt abhanden gekommen" von Friedrich Rückert und Gustav Mahler. Das ist ein Stück, das ich sehr mag, schon seit ewigen Zeiten. Es gehört zum Repertoire der Sängerin Janet Baker, die ich unendlich verehrt habe. Ich habe fünf Lieblingslieder von ihr, drei davon hatte ich schon in meinen ersten Filmen verwendet. Die beiden anderen wollte ich schon lange unbedingt noch unterbringen. Und hier passte es. Ich denke, es hat etwas mit dem Inhalt des Films zu tun.

Ohne Zweifel. Es fällt aber noch etwas anderes auf: Mahler war ein Komponist der Spätromantik, und in ihrem Film gibt es weitere Bezüge zur Romantik. Gleich in der ersten Szenen hören wir Schuberts "Am Brunnen vor dem Tore"...

Das war das Lieblingslied meiner Mutter.

Ist es Zufall, dass beide Stücke aus der Romantik kommen? Genau wie das Doppelgängermotiv, das in ihren Filmen immer wieder und auch jetzt auftaucht, ist ein Kennzeichen der Romantik. Welchen Bezug haben Sie zu dieser Epoche?

Schwestern auf Spurensuche: Caterina Fabiani (Barbara Sukowa, links) und Sophie Kromberger (Katja Riemann) erforschen in die "Die abhandene Welt" über Fotos ihre Familiengeschichte.

(Foto: Concorde Film)

Schon einen sehr großen. Einer meiner Lieblingsmaler ist Caspar David Friedrich. Novalis hat mich stark beeinflusst. Das kommt von meinen Eltern. Mein Vater war Maler. Aber man muss selbst einen Bezug dazu haben, das kann man nicht nur von den Eltern übernehmen. Dieser sehnsuchtsvollen, düsteren Seite der Romantik war ich in meiner Jugend sehr zugetan. Erst als ich nach Italien gezogen bin, bin ich etwas solarer geworden. Da kamen das Licht und die Ratio dazu.

Ihren Filmen blieb aber häufig eine gewisse Schwere erhalten.

Das hat sicher etwas mit meiner Biografie zu tun. Um solche Thematiken anzugehen, muss man in jungen Jahren darauf hingewiesen werden, das entdeckt man nicht nur von sich aus. Als ich studiert habe, war E.T.A. Hoffmann einer meiner ganz großen Lieblinge. In seinem Roman "Die Elixiere des Teufels" entdeckte ich das Doppelgängermotiv, auf das ich dann immer wieder gestoßen bin, und das mich immer wieder angezogen hat.

Warum sind Sie von diesem Motiv so fasziniert?

Gerade in meinen ersten Filmen habe ich mich selbst sehr stark in Extremen wahrgenommen, wie mit einem Expander ausgedehnt, sodass ich immer zwei Personen brauchte, um diese beiden Extreme zu beschreiben. Damals dachte ich, es gehe mir im Grunde um eine Person, die ich in zwei aufgespalten habe.

In "Die abhandene Welt" ist das nicht mehr so. Da taucht die zweite Doppelgängerin nur indirekt auf.

Die Zeit heute ist für mich auch nicht mit damals vergleichbar. Nachdem ich erfuhr, dass ich eine Schwester habe, wurde mir klar, dass ich damals wohl einen Schatten mit mir herumgetragen habe. Unbewusst wissend, dass ich eine Schwester habe, die ich in mir drin hatte, die ich aber nicht wahrnehmen konnte.

Sie erfuhren in den frühen Achtzigerjahren davon, dass Sie eine Schwester haben. Aber unterbewusst ahnten Sie es schon vorher?

Selbstverständlich. Meine Mutter hat mir das unterbewusst vermittelt. Von Sigmund Freud gibt es ein Essay darüber, wie gerade Kleinkinder mit der Mutter telepathisch verbunden sind. Als ich geboren wurde, hat meine Mutter sicher stark an das andere Kind gedacht. Und das habe ich gespürt und mein Leben lang mit mir getragen.