Darstellung von Hannah Arendt im Kino Wie ein Fels im Shitstorm

Barbara Sukowa als Hannah Arendt in einer Szene des Kinofilms von Margarethe von Trotta.

(Foto: dpa)

Margarethe von Trotta schlägt sich in ihrem Film "Hannah Arendt" konsequent auf die Seite der porträtierten Heldin. Zeitgenössische Kritik an der Intellektuellen und ihrer These von der "Banalität des Bösen" erfährt der Zuschauer als unzulässige Diffamierung. Wird dies dem Mythos gerecht?

Von Christoph David Piorkowski

In Margarethe von Trottas Film "Hannah Arendt" erlebt der Zuschauer die Passion einer starken Frau, die sich wie ein Fels in der Brandung mit dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments gegen den auf sie hereinbrechenden Shitstorm empörter Intellektueller und Freunde behauptet. Die durchaus berechtigten Einwände, die seit der ersten Veröffentlichung ihres Eichmann-in-Jerusalem-Reports gegen die Großthese von der "Banalität des Bösen" formuliert wurden, heftet der Film an ein Tableau, das vom Missverständnis bis zur Missgunst allerhand Beweggründe aufbietet. Da sich Trotta konsequent auf die Seite der porträtierten Heldin schlägt, und große Figuren der europäischen Geistesgeschichte wie Hans Jonas im Film als hysterische Schreihälse daherkommen, erfährt der Zuschauer die Kritik an Hannah Arendt als unzulässige Diffamierung.

Die Forschung freilich ist längst auf dem Stand, in Adolf Eichmann, dem Spediteur der Massenvernichtung der europäischen Juden, mehr zu sehen als einen beflissenen Schreibtischtäter, einen Mann ohne Eigenschaften, der sich jeder beliebigen Ideologie gewissenlos empfohlen hätte. So dekonstruiert der Holocaust-Forscher David Cesarani in seiner umfassenden Eichmann-Biografie den Mythos vom emotional unbeteiligten Apparatschik und weist dem Leiter des Judenreferats einen fanatischen Antisemitismus nach, der im Verlauf seiner Tätigkeit immer umfassendere Formen annahm.

Eichmann inspizierte alle großen Konzentrationslager, um die industrialisierte Tötungsmaschinerie zu optimieren, schickte noch Juden in die Gaskammern, als Heinrich Himmlers Prioritäten längst woanders lagen, und äußerte gegenüber seinem ehemaligen SS-Kollegen Willem Sassen, er sei alles andere als ein "normaler Befehlsempfänger" gewesen.

Intention, ein philosophisches Traktat zu destillieren

Warum ließ sich Hannah Arendt in Jerusalem von der kalkulierten Maskerade des fanatischen Eichmann hinters Licht führen? Warum identifizierte sie die Motivation mit der lächerlichen Erscheinung, das Böse mit der Hanswurstiade eines Menschen, der sich lediglich klein machte, um dem Galgen zu entgehen? Nun geht selbst dem vermeintlich objektivsten Wissenschaftler stets der Dilettant voraus, und Hannah Arendt gruppierte das empirische Material um einen vorformulierten Wunsch, das heißt, sie erschuf sich ihren Eichmann so, wie sie ihn haben wollte. Im Film allerdings scheint ihre Interpretation über jeden Zweifel erhaben zu sein, die Einwände bleiben ungeprüft.

Der stellvertretende israelische Generalstaatsanwalt Gabriel Bach erzählte anlässlich des 50. Jahrestages der Eichmann-Verurteilung in einem Interview mit Deutschlandradio Kultur, Hannah Arendt habe schon vor dem Prozess vorgehabt, gegen dessen Legitimität anzuschreiben. Sie war von der Intention geleitet, aus einer Gerichtsverhandlung ein philosophisches Traktat zu destillieren. Wenn sie schreibt, bei Eichmann habe das Denken versagt, und sie zugleich immer wieder auf der Möglichkeit frei-willentlicher Entscheidung insistiert, zeigt sich ihre an Kant geschulte Vorstellung einer "praktischen Vernunft".

Prinzipiell hätte Eichmann also die Möglichkeit gehabt, sich für die Pflicht zu ethischem Handeln zu entscheiden. Tatsächlich verteidigte sich Eichmann in Jerusalem gerade mit Verweis auf den kategorischen Imperativ. Entgegen seiner "Neigung", im Juden den Menschen zu sehen, habe er der "Pflicht" des Führerbefehls gehorcht. In Wahrheit fielen bei Eichmann "Pflicht" und "Neigung" zusammen. Das, was er als seine Profession empfand - nämlich die Vernichtung des Judentums -, koinzidierte mit dem, was qua Befehl seine Aufgabe war.

In jedem Fall ist es Hannah Arendts Verdienst, in dem Schreibtischtäter an sich eine neue Figur des Bösen formuliert zu haben. Nur im Hinblick auf Eichmann ging sie damit in die Irre. Margarethe von Trottas Film macht aus Hannah Arendt eine Heldin des modernen Denkens. Die Faszination und die Widersprüchlichkeit ihres Begriffs von der "Banalität des Bösen" vermag er aber nicht zu reflektieren.