Frauen auf der Berlinale:Mach ihr niemals Vorschriften

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Actress Blanchett arrives for the screening of the movie 'Cinderella' at the 65th Berlinale International Film Festival in Berlin

Am Freitag angereist zur Berlinale, um einen politisch unverdächtigen Film vorzustellen: In "Cinderella" spielt Cate Blanchett die böse Stiefmutter von Lily James.

(Foto: REUTERS)

Starke Frauen in Extremsituationen sollten das Thema auf der diesjährigen Berlinale sein. Was ist aus der vollmundigen Ankündigung geworden?

Von Ruth Schneeberger, Berlin

Hakie trägt eine Hose mit Nadelstreifen, grauen Pulli, graue Haare. Der Gang ist fest, die Bewegungen sind die eines alten Mannes. Dazu wird geraucht, über den Hof geschlurft und der Zaun repariert. Was ältere Männer eben so tun, wenn sie alleine leben. Wären da nicht die runde Nase, der weiche Mund und die friedliebenden Augen, man würde Hakie für einen ganzen Kerl halten.

Doch die 70-jährige albanische Hauptdarstellerin aus der Berlinale-Doku "Hakie - ein Leben als Mann" ist kein Mann. Sie lebt nur wie einer. Was an der Prophezeiung liegt, die ihrer Mutter zur Geburt mit auf den Weg gegeben wurde. Ein weiser Mann habe zu ihr gesagt: "Sie wird dir Tochter und Sohn zugleich sein. Mach ihr niemals Vorschriften, ihr ganzes Leben lang nicht. Sie soll nur nach ihrem Verstand leben." Hakies Mutter und der Rest der Familie hielten sich daran - sie wuchs wie ein Junge auf. Und ist es bis heute geblieben.

Frauen werden schwach gemacht

Der bemerkenswerte Film, der auf der Berlinale außerhalb des Wettbewerbs in der "Perspektive deutsches Kino" zu sehen ist, zeigt nicht nur ein Leben außerhalb der Norm des albanischen Alltags: eine Frau, die unverheiratet geblieben ist und äußerlich ihr Geschlecht gewechselt zu haben scheint, was ihr die Freiheit ermöglicht, nach ihren eigenen Vorstellungen zu leben.

Der Film zeigt außerdem, wie stark Rollenzuschreibungen durch Gesellschaft und Erziehung aufoktroyiert werden - und wie diese jahrtausendealten Regeln durchbrochen werden können: Mach ihr keine Vorschriften. Lass sie ihren eigenen Weg finden. Das ist vielleicht tatsächlich der große Unterschied in der Erziehung in weiten Teilen der Welt, dass ein starkes Regelwerk eher den Mädchen mit auf den Lebensweg gegeben wird. Auch um sie zu schützen. Aber auch dadurch wird ein vermeintlich schwaches Geschlecht überhaupt erst definiert.

Nach der Sex-Berlinale nun die Frauen-Berlinale

Diese Berlinale sollte eine weibliche Berlinale sein, hat Festivaldirektor Dieter Kosslick zu Beginn ausgerufen: "Starke Frauen in extremen Situationen" würden gezeigt. Nach der Sex-Berlinale im vergangenen Jahr nun also die Frauen-Berlinale.

Mit der spanischen Regisseurin Isabel Coixet und dem Film "Niemand will die Nacht" eröffnete eine Frau den Wettbewerb, Werner Herzog machte mit Nicole Kidman in "Queen of the Desert" erstmals eine Frau zum Hauptdarsteller seines Films und der heißeste Anwärter auf den Goldenen Bären, "Ixcanul", stammt aus Guatemala und handelt von der mentalen Stärke der dortigen Frauen unter wahrlich diskriminierenden Bedingungen.

Also alles gut im Berlinale-Land? Schafft das größte Publikumsfilmfest der Welt den schwierigen Spagat zwischen anteilsmäßig viel zu wenigen Filmemacherinnen und dennoch anspruchsvollen und lebensnahen weiblichen Themen im Film? Ist das politischste unter den Filmfestivals auch gendermäßig im 21. Jahrhundert angekommen? Hat es den Frauen und Männern etwas Neues über ihre Rollen zu sagen?

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