Margarethe von Trotta zum 70. An den Grenzen der Visionen

Von der blonden Charakterschauspielerin zur emanzipierten Filmemacherin: Margarethe von Trotta hatte oft mit Kritik zu kämpfen, aber sie gab nie auf. Mit ihren Filmen evoziert sie stets Gefühle am Rande des Kitsches. Nun feiert sie 70. Geburtstag.

Von Hans Helmut Prinzler

Was sie an Frauen vor allem mag, ist die Neugierde. Mehr über sich selbst erfahren und über die Welt, in der sie leben - das sind auch Handlungsmotivationen der Frauen, die in Margarethe von Trottas Filmen Hauptfiguren sind: fragend, suchend, entdeckend, nicht konform mit dem Lauf der Dinge. Sie sind meist zu zweit oder zu dritt unterwegs: als Schwestern oder Freundinnen, auch als Mutter und Tochter; gelegentlich werden sie zu Konkurrentinnen. Sie gehen existentielle Risiken ein. Das kann mit dem Tod enden oder im Gefängnis. Aber auch mal happy oder im Ungewissen.

Als sich Margarethe von Trotta selbständig gemacht hat und Regisseurin wurde, war sie 35. Zehn Jahre hatte sie da dem Neuen Deutschen Film bereits als Schauspielerin gedient. Sie war eine aparte, meist blonde Charakterdarstellerin bei Rainer Werner Fassbinder, Herbert Achternbusch und Volker Schlöndorff, der damals auch ihr Lebenspartner war. 30 Rollen umfasst ihre Darstellerfilmographie. In ihren eigenen Filmen agiert sie nicht vor der Kamera.

Die Co-Regie bei Schlöndorffs "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" war ein erster Emanzipationsschritt. Ihre Eigenständigkeit begann mit dem "Zweiten Erwachen der Christa Klages" (1977), der Geschichte einer Kindergärtnerin (Tina Engel), die für ihr Engagement keine Grenzen kennt. Zwei Jahre später folgte "Schwestern oder die Balance des Glücks", das Psychodrama einer Chefsekretärin (Jutta Lampe) mit Fürsorgesyndrom. Gefilmt mit vielen Spiegelungen als Korrelat zwischen Innenwelt und Außenwelt. Ihr dritter Film brachte den internationalen Durchbruch: "Die bleierne Zeit" (1981). Sie gewann den Regiepreis und den Goldenen Löwen für den besten Film in Venedig, und auch nach dreißig Jahren hat dieser Film noch eine starke Präsenz. Nahe an den biographischen Fakten wird die Geschichte der Ensslin-Schwestern erzählt, gespielt von Jutta Lampe und Barbara Sukowa. Trotta, auch Autorin des Drehbuchs, rekonstruierte mit vielen Details Stimmungen und zeitgenössische Figuren.

Im Kreuzfeuer der Kritik

Nach drei Filmen schien die Basis für ihre Regiekarriere gefestigt zu sein, aber dann geriet sie mit ihrem vierten abrupt ins Kreuzfeuer der Kritik. "Heller Wahn" (1982), uraufgeführt bei der Berlinale, wurde mit hämischem Spott übergossen. Der Film erzählt nicht ohne formale Risiken von einer Frauenfreundschaft zwischen einer lebensbejahenden, extrovertierten Literaturdozentin (Hanna Schygulla) und einer depressiven Malerin (Angela Winkler), die am Ende ihren Mann erschießt. Dem Psychodrama wurde vor allem sein Realitätsmangel angekreidet. Margarethe von Trotta hatte es hinfort nicht mehr leicht mit der deutschen Kritik.

Mehrfach investierte sie ihre Energien in die Fiktionalisierung deutscher Geschichte: zuerst in die Lebensgeschichte einer sozialistischen Heldin ("Rosa Luxemburg", 1985), später in das Drama deutscher Frauen, die 1943 ihre inhaftierten jüdischen Männer zurückforderten ("Rosenstraße", 2003). Die Filme tragen im Duktus und der Empathie Trottas Handschrift. Meist ist sie ihre eigene Autorin, oft musste sie lange um die Finanzierung der Projekte kämpfen. Bei der "Rosenstraße" dauerte das zehn Jahre. Natürlich gibt sie nie auf. Das verbindet sie mit ihren Filmfiguren.