Kulturgeschichte der Nächstenliebe Schnorrern gibt man kein Geld

Allegorien der caritas haben seit jeher etwas Intimes, zum Beispiel bei Raffael. Künstlerin Vanessa Beecroft hat das Motiv der stillenden Mutter aufgegriffen.

(Foto: Courtesy Galleria Lia Rumma)

Eine erhellende Ausstellung, die selbst Horst Seehofer sensibilisieren könnte: Das Diözesanmuseum in Paderborn zeigt die Kulturgeschichte der Nächstenliebe - und wo deren Grenzen liegen.

Von Rudolf Neumaier

Durch die Paderborner Innenstadt ist am Mittwochnachmittag ein Pfarrer spaziert. Hinter ihm lief ein junger Mann, er hatte den Geistlichen am Priesterkragen erkannt. Als er den Priester eingeholt hatte, haute er ihn um Geld an. Was der Pfarrer sagte, war akustisch nicht zu verstehen. Spannende Szene, denn keine 50 Meter weiter, im erzbischöflichen Diözesanmuseum, hingen riesige Plakate einer Ausstellung über die christliche Nächstenliebe. Was tat der Pfarrer? Er gab dem Mann kein Geld, sondern deutete auf ein Haus, wohl eine Wohlfahrtseinrichtung, und ging weiter. Recht so, Schnorrern gibt man kein Geld, lernt jedes Schulkind. Die christliche Nächstenliebe kennt offenbar Grenzen. Doch wo liegen sie?

Das fragt man sich, wenn man die asylpolitischen Äußerungen aus der CSU vernimmt und in der Paderborner Fußgängerzone junge Menschen aus Afrika oder Syrien beobachtet: Wie sie den Wohlstand in den Schaufenstern bestaunen, wie sie aufatmen, weil sie sich vor nichts fürchten müssen. Die Ausstellung im Diözesanmuseum verzichtet auf Appelle. Nur nicht den Zeigefinger heben, sagt Christiane Ruhmann, die Kuratorin. Ohnehin gibt Papst Franziskus bei diesem Thema die Richtung vor, und das glaubwürdig und unüberhörbar. Wer sich als Politiker auf dem sozialen Feld bewegt, sollte ihm zuhören, aber die Ausstellung dennoch in sein Pflichtprogramm aufnehmen. Der Blick in eine 2000 Jahre alte Kulturgeschichte könnte selbst Horst Seehofer sensibilisieren. Verhandelt wird nicht weniger als die grandioseste Idee des christlichen Abendlandes: die caritas, die Nächstenliebe.

Handeln die Menschen altruistisch? Oder sammeln sie Punkte fürs Jenseits?

Es kamen Menschen nach Rom, Verrückte aus dem Osten, die etwas von göttlicher Liebe unter den Menschen faselten. Sie verbreiteten das griechische Wort Agape, den Römern übersetzten sie es mit caritas. Nächstenliebe. Absurder Gedanke für die Römer. Auch ihre Reichen, die Herrscher zumal, kannten die Wohltätigkeit, sie pflegten den Euergetismus. Doch was die Christen forderten, ging zu weit: Humilitas, Demut, Selbsterniedrigung, Armen die Füße waschen. Die Idee war göttlich genug, um sich durchzusetzen.

Die älteste erhaltene Abschrift des 1. Korintherbriefes, ausgeliehen von der Chester Beatty Library in Dublin, begrüßt das Publikum am Eingang der Ausstellung. Mit Schriften wie diesem Stück Papyrus aus dem Jahr 125 wurden die neuen Regeln unter die Völker gebracht. Den Text aus dem Neuen Testament kennt jeder, der je eine kirchliche Trauung miterlebt hat. Das Hohelied der Liebe. Der zentrale Satz wird zum Nukleus der Ausstellung: "Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen."

Die Evangelien bieten an mehreren Stellen Orientierung zum Begriff Nächstenliebe. Jesu Gleichnis vom barmherzigen Samariter etwa und die sechs Werke der Barmherzigkeit aus dem Weltgerichtsgleichnis des Matthäus-Evangeliums (Hungrige, Dürstende, Kranke, Gefangene versorgen, Nackte einkleiden, Fremde aufnehmen), die in dem Satz münden: "Was ihr meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan."

Jede dieser Bibelstellen stellt sich als Manifest der Nächstenliebe dar. Die Ausstellung führt allerdings vor Augen, wie die Christen dieses Prinzip immer wieder neu interpretierten - oder es sich zurechtbogen. Denn wären sie bedingungslos Jesu Vorbild gefolgt, befände sich ein Teil der Welt im Zustand des Urkommunismus. So ähnlich leitet es der große alte Münsteraner Kirchenhistoriker Arnold Angenendt, der im ebenso gewichtigen wie hilfreichen Katalog das Eröffnungs-Essay schreibt, aus dem Lukas-Evangelium ab. Kommunion, sagt er, heißt, das Brot zu teilen. Manche der christianisierten Römer teilten das Haus. Sie richteten in ihren Villen Xenodochien ein, in denen sie Fremde versorgten. Eine bislang noch kaum beachtete und hier erstmals ausgestellte Inschrift aus Rom belegt die Existenz solcher privater Stiftungen.

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Ob die Menschen demütig und altruistisch und von Herzen handelten oder aus dem Kalkül heraus, ewiges Seelenheil im Paradies zu erlangen, lässt sich in den seltensten Fällen beurteilen. Im frühen Christentum dominierte die Vorstellung vom nahen Ende der Welt. Ein authentischer Held der Nächstenliebe ist zweifellos der Heilige Martin. Denn der war noch Heide und wusste noch nichts von Weltgericht und Fegefeuer, als er der Legende nach seinen Mantel mit einem Armen teilte. Im Mittelalter ließen sich viele Bischöfe als Vorbilder darstellen. In ihren Viten wird berichtet, dass sie nur mit Armen speisten oder nachts Armenunterkünfte aufsuchten. Die Synode von Mâcon im 6. Jahrhundert hatte verfügt, dass Bischöfe keine Hunde halten dürfen, weil die Tiere Arme abschrecken könnten.

Bald entwickelte sich in der Pflege der Nächstenliebe aber auch eine eher ökonomische Auffassung: Teilen ja - aber nur das Nötigste. Eindrucksvoll schildert das ein geistig behinderter Mann aus dem Paderborner Schreibprojekt "(k)ein Kommentar", dessen Text im Audio-Guide zur Ausstellung einen elfenbeinernen Psalter mit den sieben Werken der Barmherzigkeit sehr lakonisch bloßstellt: "Ein reicher Mann mit einem teuren Mantel gibt einem armen Mann zu trinken. Seinen teuren Mantel behält er aber."

Erst praktizierten vornehmlich Klöster die caritas, später die wohltätigen Stiftungen. Einrichtungen wie der katholische deutsche Caritasverband entstanden, der den lateinischen Begriff der Nächstenliebe zu einer Marke machte. Mit der Institutionalisierung der Nächstenliebe ging ihre Entschärfung einher. Wenn sich die Gemeinschaft kümmert, kann der Einzelne seine caritas allenfalls auf ehrenamtlichem Niveau ausleben. Die radikale Nächstenliebe im urtümlichen Sinn hat sich zu einer Marktlücke für heilige Freaks entwickelt.

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Klöster schließen wegen Nachwuchsmangels. Und wer überlässt die Hälfte seines Privatvermögens Randgruppenexistenzen? Das Jüngste Gericht, wo nach dem Tod die guten und die schlechten Taten verrechnet werden und das Urteil Himmel oder Hölle lautet, hat als Drohkulisse ausgedient. Deswegen sind die Punktesammler im Sinne von Papst Gregor dem Großen (er lebte bis 604) ausgestorben, der geraten hatte: "Verschafft euch in den Armen Anwälte für den Tag des Gerichts." Wo die abendländische Gesellschaft säkular wird und das Christentum hinter sich lässt, wird sie trotzdem diese biblische Wurzel nicht los, die das Fundament ihrer Ethik gebildet hat. Es gibt Menschen, die sich dosiert für andere einsetzen, ob bei Schreibprojekten für geistig Behinderte oder in der Flüchtlingshilfe. Die Werke der Barmherzigkeit aus dem Matthäus-Evangelium lassen sich heute mit Organisationen wie Amnesty International, der Welthungerhilfe und der Caritas darstellen - ein starker Einfall von Christiane Ruhmann und ihrem Museumsleiter Christoph Stiegemann, die insgesamt 200 Exponate zusammengetragen haben.

Der Blick in 2000 Jahre Kulturgeschichte könnte selbst Horst Seehofer sensibilisieren

Die allegorische Darstellung der christlichen caritas hat über die Jahrhunderte hinweg etwas Intimes. Eine Frau, die Kinder nährt. Gottes Liebe ist wie Mutterliebe, soll das heißen, was könnte es Größeres geben? Deutlicher als bei Raffaels "Caritas", das die Vatikanische Pinakothek nach Paderborn geschickt hat, lässt sich dieses Übermaß an Liebe kaum ausdrücken. Die italienische Performance-Künstlerin Vanessa Beecroft hat das Motiv aufgegriffen. Sie ließ sich mit zwei sudanesischen Babys ablichten, denen sie wie frühere caritas-Allegorien die Brust gab. Mit diesem Bild und dem Raffael wollte das Diözesanmuseum in deutschen Bahnhöfen für die Ausstellung werben. Das Beecroft-Bild lehnte die Bahn kommentarlos ab. Als wäre der caritas-Gedanke eine Zumutung und dem eigenen Geschäft abträglich. Sind wir überfordert von diesem christlichen Anspruch, wie damals die Römer?

Neben Beecroft hängt aus der gleichen Serie eine sudanesische Mutter mit ihren Kindern im Arm. Und exakt ihr gegenüber haben die Paderborner den Videofilm "Observance" von Bill Viola installiert, in dem eine Reihe von Menschen vor die Kamera tritt und mit dem Ausdruck von Trauer und Entsetzen auf etwas blickt, das Viola nicht zeigt. Es muss etwas Fürchterliches sein, die Särge von Lampedusa etwa. In der Ausstellung schauen Violas Akteure aber pfeilgerade auf die sudanesische Mutter mit ihren Kindern. Diese Frau aus der Hungerregion ist mehr als eine Caritas-Allegorie - sie ist ein Ecce homo. Siehe Mensch, was du an Leid zulässt. Oder produzierst. Auch das Gegenteil von Nächstenliebe wird hier gezeigt: Briefe einer Ordensschwester, die geistig behinderte Menschen nach Hadamar begleitete, wo die Nationalsozialisten sie ermordeten. Die Nonne wurde von ihrem Gewissen gequält. Aber sie hätte ihre Schützlinge nicht retten können.

Wo liegen die Grenzen der Nächstenliebe? Der Kirchenvater Augustinus von Hippo hat die caritas so definiert, dass sie Auswege offen lässt: "Und was ist das Erbarmen anderes als eine Art von Mitleiden, das unser Herz ergreift fremdem Elend gegenüber und uns doch wohl antreibt, zu helfen, wenn wir können?" Man kann nur hoffen, dass die Menschen ihr Gewissen bewahren.

Caritas. Nächstenliebe von den frühen Christen bis zur Gegenwart. Diözesanmuseum Paderborn, bis 13. Dezember. Katalog (720 Seiten, Verlag Michael Imhof) 39,95 Euro. Weitere Infos unter www.caritas-ausstellung.de

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