Geschichte der Salzburger Festspiele Bühne frei für den Weltuntergang

Die Salzburger Festspiele waren immer ein Spiegel der politischen Großwetterlage. Vor dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich galten sie als Symbol des Kampfes gegen den Nationalsozialismus. Danach wurden sie zur Bühne für Hitlers Rassenideologie.

Von Wolfgang Schreiber

Die Salzburger Festspiele, die jetzt am Freitag wieder ihre Pforten öffnen, sind seit ihrer Gründung im Jahr 1920 künstlerisch ein Großereignis, und sie sind kulturpolitisch eine Staatsaktion geblieben. Wie sollte Politik nicht davon profitieren: von der Aura großer Persönlichkeiten auf den Festspielbühnen, wo künstlerische Strahlkraft ehrgeizige Politiker und Lobbyisten mit Glanz und Geltung versorgen kann? Die politische Geschichte der Salzburger Festspiele zwischen 1933 und 1944 bietet dazu exemplarisch ein erschreckendes Anschauungsmaterial.

Auch wenn der Buchtitel Robert Kriechbaumers nach Seminar klingt - was der Salzburger Universitätshistoriker für den Zeitrahmen "Zwischen Österreich und Großdeutschland" an Material ausbreitet, das mutet nicht akademisch-elitär an, sondern wird souverän dargeboten und spannend erzählt. Der Titel meint konkret die historischen Fakten: Das Land Österreich wirkt seit Beginn der Nazi-Herrschaft in Deutschland wie traumatisiert, es versucht seinen eigenen Weg zu gehen als "Ständestaat", genannt "Austrofaschismus".

Spiegel der politischen Großwetterlage

Nach Ermordung des Kanzlers Engelbert Dollfuß gerät das Land immer tiefer in den schwelenden Konflikt mit dem großen Nachbarn, Österreichs von Berlin ferngesteuerte NSDAP steigert aggressiv die propagandistische Wühlarbeit, um die Macht zu erringen. Und Salzburgs Festspiele spiegeln exakt die nationale und kulturelle Krise wider, die sich in zwei Abschnitten zuspitzt: zwischen 1933 und 1937 im dramatischen Abwehrkampf gegen die Infiltration der Nazi-Ideologie; und nach dem "Anschluss" 1938 in der von "Großdeutschland" perfekt gelenkten Neuausrichtung der Festspiele.

Das deutsche Reichsgesetz Nr. 57 vom 1. Juni 1933 bläst zur Attacke, der kleine Nachbar wird weichgeklopft: Jeder Reichsangehörige, der nach oder durch Österreich fährt, muss vor Antritt der Reise 1000 Reichsmark entrichten. Damit beginnt ein Boykott, der nicht nur den Österreich-Tourismus, sondern auch die Salzburger Festspiele in aller Härte trifft. Die "1000-Mark-Sperre" gefährdet die nächsten Festspiele, verstärkt aber gleichzeitig die Gegenwehr in Salzburg.

Schlammtanz für alle

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Abwehrschlacht mit den Waffen der Kunst

Festspielpräsident Baron Heinrich Puthon und Salzburgs Landeshauptmann Franz Rehrl fahren nach Wien und verhandeln mit Österreichs Unterrichtsminister Kurt Schuschnigg und Bundeskanzler Dollfuß: "Die Durchführung der Salzburger Festspiele war zum Politikum geworden", ja zum "nationalen Prestigeobjekt und damit zum Symbol des Kampfes gegen den Nationalsozialismus". In Wien beschließt man: Die Festspiele sollen "unter allen Umständen" abgehalten, die Staatssubvention angehoben sowie den betroffenen Hotels und Gaststätten finanziell geholfen werden.

Österreichs Abwehrschlacht wird zentral mit den Waffen der Kunst geführt. Da gibt es die Künstler, die sich auf die Seite der Nazis schlagen, wie 1934 der Dirigent Clemens Krauss und davor der Komponist Hans Pfitzner, der den Salzburger Festspielen gleich 1933 aus "dem erwachenden Deutschland, zu dem ich mich voll und ganz bekenne", absagt - er will "keiner undeutschen Kunstangelegenheit" dienen.

Da gibt es den weltberühmten Komponisten Richard Strauss, der, gerade Präsident der Reichsmusikkammer und siebzig geworden, 1934 auf Druck aus Berlin den Festspielen ebenfalls den Rücken kehrt. Der Autor zitiert eine Passage aus der Wiener Zeitung, um das zu kommentieren: Bei Strauss handele sich um "die Absage eines Künstlers an sich selbst, seine Künstlerschaft und das, was sein bestes Teil gewesen". So siegt Opportunismus ringsum.