Ausstellung "Hamlet - Tell My Story" Traumrolle aller Schauspielheroen

Allerweltsfreund Hamlet. Sympathieträger und Identifikationsfigur. Traumrolle aller Schauspielheroen. Wer hat ihn nicht alles gespielt! Die Liste seiner Darsteller gleicht einem "Who is who" der Schauspielkunst - angefangen beim allerersten Hamlet Richard Burbage über legendäre Bühnenstars wie Alexander Moissi, Josef Kainz, Gustaf Gründgens bis hin zu aktuellen Hamlet-Darstellern wie Lars Eidinger oder August Diehl.

Die Präsentation beginnt mit einer solchen Ahnengalerie, mit Fotos der wichtigsten Hamlets auf deutschen Bühnen. Viele schöne, verträumt zergrübelte Männer mit Totenköpfen, dem ikonografischen Hamlet-Symbol, sind zu sehen: Horst Caspar, Peter Lühr, Will Quadflieg, Bernhard Minetti, Maximilian Schell, Oskar Werner, Ulrich Mühe, Helmut Lohner, Klaus Maria Brandauer.

Zum Teil kann man in Tonaufnahmen hineinhören. Ganz großartig: Kainz' "Sein oder Nichtsein"-Monolog von 1902, eine der ersten Theater-Schellackaufnahmen. Der Sprechmagier Josef Kainz (1858-1910), von vielen als der größte Schauspieler der Jahrhundertwende gefeiert, spielte und lebte den Hamlet 18 Jahre lang bis kurz vor seinem Tod. "Hamlet ist, wenn Kainz kommt", etablierte sich damals als Redewendung. Mehr als 50 Jahre später, 1962, bezieht sich Klaus Kinski auf Kainz als Vorbild, als er auf der Bühne des Berliner Sportpalastes neben anderen Klassiker-Monologen auch den Hamlet rezitiert und einen manierierten Sprechduktus anschlägt. Weil kein Regisseur mit ihm den Hamlet erarbeiten will, erfüllt sich Kinski seinen Traum selbst.

Frauen als Hamlet

Früh haben sich auch Frauen nicht von dieser Traumrolle abhalten lassen. Die Engländerin Sarah Siddons war 1777 die erste, in Deutschland folgte ihr 1779 Felicitas Abt nach, seither haben von Adele Sandrock über Sarah Bernhardt bis hin zu Angela Winkler (1999) und Bettina Hoppe (2011) immer wieder Schauspielerinnen ihren eigenen Zugang zur Prinzenrolle gesucht und gefunden. Auch gibt es nicht nur den "jungen, schönen, edlen" Hamlet, der das Bild in den Köpfen prägt. Gegenbesetzungen zum Hamlet romantischer Tradition gehören zur Aufführungsgeschichte.

Leopold Jessner besetzte 1926 in Berlin Fritz Kortner: mit blonder Perücke und wohlbeleibter Besessenheit - die Aufführung geriet zum Skandal. Peter Zadek inszenierte "Hamlet" 1977 in Bochum mit dem in jeder Hinsicht unprinzlichen Ulrich Wildgruber ganz frei und wild als "expressionistische Clownerie" (O-Ton Zadek). Ernst Wendt besetzte 1980 den korpulenten Lambert Hamel. Ulrich Tukur gab 1989 bei Michael Bogdanov in Hamburg ein gestresstes Terror-Kasperl mit fieser Clownsnase. Und als Hansgünther Heyme 1979 in Köln mit dem Fluxus-Künstler Wolf Vostell einen "Medien-Hamlet" konzipierte, markierte auf der von Bildschirmen überfüllten Bühne Wolfgang Robert den Hamlet als groben Kerl, alt, sprachlos, gebrochen. Seinen Sprechpart übernahm weitgehend der Regisseur.

So zeigt die Schau anhand von Szenenbildern und Wandtafeln auch, wie sich Sehgewohnheiten ändern und sich jede Generation mit den Mitteln des Regietheaters ihren eigenen "Hamlet" sucht und erfindet, mal mehr oder weniger politisch motiviert, von Max Reinhardt über Heiner Müller bis Christoph Schlingensief. Wer will, kann auf Tabletmonitoren tiefer in einzelne Inszenierungen einsteigen oder in Alben blättern, für Eilige gibt es auch eine Strichmännchen-Variante.

Erste Textfassung von 1603

Die erste überlieferte "Hamlet"-Textfassung, basierend auf den Erinnerungen eines Schauspielers, datiert aus dem Jahr 1603 und wird als "Bad Quarto" bezeichnet. 1604/05 folgt eine zweite Ausgabe, die "Good Quarto", die auf einem früheren Entwurf Shakespeares beruhen könnte. Die erste Gesamtausgabe von Shakespeares Dramen erscheint 1623, sieben Jahre nach seinem Tod, im Folio-Buchformat.

In Deutschland setzt das Shakespeare-Fieber 1776 in Hamburg ein, als Friedrich Ludwig Schröder in seinem Comödienhaus den "Hamlet" zur Aufführung bringt - mit Johann Brockmann in der Titelrolle. Das Gastspiel in Berlin ein Jahr später löst eine wahre "Hamlet"-Euphorie aus. Die Begeisterung hat im Grunde nie wirklich nachgelassen. Während Shakespeare den Franzosen als zu obszön und viel zu wenig regelkonform galt, wurde er hierzulande zu einem "deutschen Ehrenklassiker", wie der Präsident der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft Tobias Döring es formuliert: Shakespeare, das sei Pop.

Wenn dem so ist, dann ist "Hamlet" der größte Pophit aller Zeiten. Wer sich eingehender mit der Geschichte des Stücks auf deutschen Bühnen beschäftigen möchte, der lese das informative Begleitbuch, das zu der "Hamlet"-Ausstellung erschienen ist (Henschel Verlag, 18,95 Euro). Es trägt den originellen Titel "Sein oder Nichtsein". Tell My Story. Hamlet und das deutsche Theater.

Deutsches Theatermuseum München. Bis 22. Juni. Ab 24. Oktober im Theatermuseum Düsseldorf.