Airbnb Die Wut der Florentiner

Schönes Florenz: So hätten es beide gern, die Bewohner und die Urlauber. Aber der boomende Tourismus zerstört Traditionen.

(Foto: imago/robertharding)

Knapp 10 000 Airbnb-Wohnungen gibt es in Florenz. Einheimische fühlen sich wie Statisten in der eigenen Stadt, die zum Disneyland verkommt. Ein neues Gesetz soll die Entwicklung stoppen - eigentlich.

Von Felicitas Witte

Der Juwelier Ugo Bellini fühlt sich wie ein Panda. "Die Touristen glotzen durchs Fenster und machen ein Foto - wie im Zoo. Fehlt nur noch, dass sie mir Nüsse hineinwerfen." Das klingt lustig, aber Ugo ist traurig. Früher hätten die Bewohner des Viertels regelmäßig seinen Schmuck gekauft, Kettenanhänger für die Ehefrauen, Ringe für Verliebte.

Jetzt kämen immer weniger Einheimische, weil sie wegziehen müssten. "Wohnungsbesitzer machen keine Langzeitverträge mehr und vermieten lieber an Touristen", sagt er. Auf die ist er nicht gut zu sprechen. "Die sehen meinen Laden wohl als Staffage. Florenz wird immer mehr zum Disneyland - und mit schuld ist Airbnb."

Wie Venedig und Barcelona werde Florenz zu einer "Kathedrale des Konsums", finden auch Stefano Picascia und seine Kollegen von der Universität in Siena. Die Forscher haben vor Kurzem auf dem Kongress der AESOP, einem Netzwerk europäischer Universitäten mit Raum- und Stadtplanungsstudiengängen, ihre Studie zu den Auswirkungen von Airbnb in 13 Städten in Italien vorgestellt - eine der ersten, die das so ausführlich untersucht hat. Mit 340 000 Anzeigen steht Italien danach weltweit an dritter Stelle der Anbieter, nach den USA und Frankreich. 121 000 Wohnungsbesitzer vermieteten 2016 über Airbnb, 5,6 Millionen Gäste sind gekommen, was den Besitzern 621 Millionen Euro bescherte.

18 Prozent des Wohnungsbestands in Florenz werden inzwischen über Airbnb angeboten, also eine von fünf Wohneinheiten. In Rom und Venedig ist es dagegen "nur" jede zwölfte Wohneinheit. 9539 Airbnb-Unterkünfte gibt es inzwischen in Florenz, und jedes Jahr kommen Tausende dazu. Eines der Viertel, das stark betroffen ist, ist San Frediano, wo auch Ugos Laden ist. Ein Zeitungshändler musste dort schließen, weil keiner mehr Zeitungen kaufte. Dafür gibt es jetzt alle paar Meter eines dieser gesichtslosen Lokale, mit kleinen Holztischen, süffigem Wein und schlechter Pasta - doch die Touristen mögen es und denken, das ist Italien.

Geschickt haben Unternehmer das Potenzial der Airbnb-Touristen erkannt. Die freuen sich über - sehr unitalienischen - Smoothie aus Plastikbechern und fleischfreie Hamburger im neuen veganen Bistro, über Coffee to go und über Vollkornbrot aus dem S. Forno, der mit der auf alt gemachten Glasvitrine, den Holzregalen und Brotkörben an eine Bäckerei aus den 1950er-Jahren erinnert.

"In den letzten Jahren sind Airbnb-Wohnungen wie Pilze aus dem Boden geschossen", sagt Ivana Giovannelli, Steuerberaterin in Oltrarno. "Es sind heute nicht nur Tausende mehr, sondern die meisten werden von großen Agenturen vermietet." Und die Ladenbesitzer arrangieren sich damit. Touristen bringen Geld, deshalb sagt Obsthändlerin Melania Luzzi auch nichts, wenn sich die Kunden aus dem Ausland selbst bedienen und ihr Obst antatschen - für Italiener undenkbar.

Melania hat nur noch wenige "alte" Kunden aus dem Viertel. Sie macht Obstsalat zum Mitnehmen, Lasagne und Pasta oder brät frisches Gemüse, was sich die Touristen in ihrer Unterkunft aufwärmen können. Zwar sei die Konkurrenz durch den nahen Supermarkt groß, "aber viele Airbnb-Touristen kaufen lieber bei mir".

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Der Chinese Riccardo - der eigentlich Licai Hu heißt - bot in seinem Minimarket vor Jahren nur das Nötigste an: Klopapier, Spülmittel, Wein, Bier, Kaffee, Olivenöl und Konserven. Heute versorgt er Touristen aus aller Welt mit ihren Lieblingsspeisen: Für die Japaner Miso-Paste aus Sojabohnen, für die fleischhungrigen Brasilianer Corned Beef, für die Indonesier Instant Noodles, für die Inder Gewürze und Kokosmilch und für die Neuseeländer das Getränkepulver Milo. Und für ein schnelles Abendessen im Kurzzeit-Zuhause tiefgefrorene Xia Jiao, chinesische Teigtaschen. Vermisst ein Tourist etwas, besorgt es Riccardo meist bis zum nächsten Tag - chinesische Geschäftstüchtigkeit.

Marzio Pirgher verfolgt eine andere Strategie. Sein Lebensmittelladen sieht noch so aus wie ein "klassischer" Alimentari-Laden: Neben Käse und Wurst verkauft er Lebensmittel für den täglichen Bedarf, etwa kleine Dosen mit Bohnen, Zwieback für das typische karge italienische Frühstück, Marmelade, Nudeln oder Reis. "Ich will die Traditionen erhalten", sagt er. Etwas befremdlich finden Stammkunden die geführten Touristengruppen, die täglich Marzios und andere Läden besuchen, damit sie das "wahre" Florenz kennenlernen.

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"Mit Airbnb kann man in eine fremde Stadt besser eintauchen", sagt Gabriela Beck, Reisejournalistin aus München. "Hier in Oltrarno gibt es kaum Hotels - da bietet sich Airbnb an." Abgesehen davon fühle sie sich in einer individuell eingerichteten Wohnung wohler als im Hotel. Auch Patrick Imhasly, Redakteur aus Zürich, war begeistert von Airbnb, als er mit seiner Frau und den beiden Söhnen kürzlich zum ersten Mal in Barcelona damit übernachtete. "Wir bekamen Tipps vom Besitzer, zahlten nicht so viel wie im Hotel und konnten uns am Abend in eine gemütliche Wohnung zurückziehen", erzählt er. "Vor allem mit Kindern ist das ideal."

Doch dann fiel ihm auf, wie wenige Einheimische er im Zentrum sah und stattdessen viele und vor allem junge Touristen, die gerne über Airbnb buchen. "Barcelona kam mir vor wie eine künstliche Stadt. Man ist nur noch unter Touristen und sieht nichts mehr vom wirklichen Leben."

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