Kampf für Inklusion "Wir lassen derzeit auch andere Kinder zurück"

Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage überfordert Inklusion die Lehrer. Fast 60 Prozent der Lehrer haben keine sonderpädagogischen Kenntnisse.

Ich habe auch keine sonderpädagogischen Fortbildungen und muss mich trotzdem jeden Tag um mein Kind kümmern. Die Jobs in fast allen Lebensbereichen haben sich doch in den vergangenen Jahren brutal verändert - und ich finde, dass sich auch alle auf veränderte Arbeitsbedingungen einstellen müssen. Das erwarte ich. Die Lehrer können Fortbildungen und gute Bedingungen fordern. Aber sich total zu verweigern, kann man doch in anderen Berufen auch nicht. Außerdem schließen sich Inklusion und Eliteförderung überhaupt nicht aus. Es geht doch bei beiden darum, das einzelne Kind mit seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen in den Blick zu nehmen. Weil wir das nicht wirklich tun, ist unser Bildungssystem auf internationalem Niveau nicht konkurrenzfähig. Wir lassen derzeit auch andere Kinder zurück: Die mit Migrationshintergrund oder arme, die sind doch nicht alle dümmer. Es ging hier um ein Kind mit Downsyndrom an einem Gymnasium mit tausend Schülern. Was denken die denn? Dass tausend Schüler dümmer werden, weil Henri da sitzt und mit dem Abakus seine Matheaufgaben löst? Das ist doch absurd.

Meine Tochter muss sich beim Wechsel aufs Gymnasium auch von Freundinnen trennen. Warum sollte das bei Henri anders sein?

Weil die Aussonderung bei ihm ein Zwangsbruch wäre, den Menschen mit Behinderung immer wieder erleben. Inklusion hat auch den positiven Effekt, dass man innerhalb seines sozialen Umfeldes leben kann. Es ist vergleichbar mit der Situation eines Stammtisches und Sie sitzen im Rollstuhl. Plötzlich verlegt man den in ein neues Lokal, aber im ersten Stock. Das ist nicht nur gedankenlos, das ist gemein. Es ist wie fast immer: Man hat Menschen mit Behinderung gar nicht auf dem Schirm. Eine inklusive Gesellschaft denkt jedoch vor, sie denkt sie und ihre Bedürfnisse von Anfang an mit.

Führen Sie bitte den Satz zu Ende: "Wir haben ja nichts gegen Behinderte, aber ..."

(lacht) Das ist der Lieblingssatz der Bremser. Aller derjenigen, die es im Grund nicht wollen. Wer Inklusion will, sucht Wege. Wer Inklusion nicht will, sucht Begründungen. Das sagte mal ein Behindertenbeauftragter - und trifft damit genau den Punkt. Wege werden nur gangbar, indem man sie geht. Und nicht indem man jahrelang darüber diskutiert, wie schwierig das sei und wie viele Steine da liegen könnten.

Was kann Henri nicht, was andere Zwölfjährige können?

Schwierige Frage. Wir schauen nicht, was er kann und was er nicht kann. Er kann zum Beispiel nicht am örtlichen Schachturnier teilnehmen: Sicherlich kann man ihn im Lernen als entwicklungsverzögert bezeichnen, aber er hat auch eine Meinung zu Sachen und Menschen. Wenn jemand unhöflich ist, dann formuliert er das auch und das sind durchaus die Vorstellungen von einem Zwölfjährigen. Henri tanzt gern und spielt Fußball, lernt Schlagzeug, schwimmt wie ein Fisch und steht als Ministrant am Altar. Gerade wollte er in der Kirche drei Kerzen anzünden: Eine für meine verstorbene Mutter, eine für seinen schon im Zweiten Weltkrieg gefallenden Großonkel und eine für die Opfer des Flugzeugabsturzes in Frankreich. Er hat schon ganz früh Empathie und Anteilnahme gezeigt - und er ist frech und selbstbewusst. Keine schlechten Eigenschaften.