Inklusions-Debatte Inklusive Missverständnisse

Ein Kind, das an einem Flashmob zur Inklusion teilgenommen hatte, bemalt auf dem Gutenbergplatz in Mainz mit Kreide den Asphalt.

(Foto: Fredrik von Erichsen/dpa)

Das Gesetz zur schulischen Inklusion behinderter Kinder basiert auf Übersetzungs- und Denkfehlern. Wenn Förderschulen abgeschafft werden, überfordert das Kinder und Lehrer. Und es spart kein Geld.

Gastbeitrag von Otto Speck

Das vom Deutschen Bundestag im Dezember 2008 verabschiedete "Gesetz zu dem Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen" hat einen harten, emotional aufgeladenen, öffentlichen Streit ausgelöst. Er verunsichert Eltern und Lehrer, gefährdet das Wohl von Schulkindern mit Behinderungen und spaltet die Schulsysteme der Länder. Die Ursache liegt nicht im Inhalt der von den Vereinten Nationen beschlossenen Konvention, also nicht in einer Ablehnung des dort verankerten Prinzips schulischer Gemeinsamkeit von behinderten und nichtbehinderten Kindern, sondern in einer fatalen Umdeutung dieser Intention im Deutschen Bundestag: Wie aus den Bundestagsprotokollen hervorgeht, gingen alle Fraktionen davon aus, dass "Inklusion" mit der vollständigen Abschaffung des Förderschulsystems gleichzusetzen sei. Vom "Ende jeglicher Sondersysteme und Sonderbehandlungen" war die Rede. Merkwürdigerweise lässt sich in der UN-Richtlinie keine Belegstelle finden, aus der eine solche Radikallösung abzuleiten gewesen wäre. Die Abgeordneten waren sich ihrer Auffassung jedoch so sicher, dass sie das Gesetz ohne jede Aussprache verabschiedeten.

In den lediglich zu Protokoll gegebenen Redebeiträgen aus den Fraktionen wurden unter anderem Bundesregierung und Bundesländer dahingehend kritisiert, dass sie sich für eine "integrative Bildung" ausgesprochen hatten, das heißt für eine Weiterentwicklung des "gemeinsamen Unterrichts", bei dem "die notwendigen sonderpädagogischen Voraussetzungen gewährleistet" sein müssten. Die Abgeordneten sahen in dieser Interpretation eine falsche Übersetzung der Begriffe Inklusion beziehungsweise inklusiv. Man kann natürlich darüber streiten, ob es opportun war, diese mit "Integration" und "integrativ" zu übersetzen. Schließlich kann nicht bestritten werden, dass Inklusion aus Integration hervorgegangen ist. Seit mehr als vierzig Jahren, genauer gesagt seit der Verabschiedung der Empfehlungen des Deutschen Bildungsrates 1973, ist das darin formulierte Prinzip und Ziel eines "möglichst gemeinsamen Unterrichts von behinderten und nichtbehinderten Kindern" propagiert und auch immer mehr umgesetzt worden. Diese Vorleistungen zu ignorieren, macht den neuen Ansatz nicht glaubwürdiger und effektiver.

Dass Förderschulen abgeschafft werden, beruht auf Übersetzungs- und Denkfehlern

Die strikte Ablehnung des Begriffes "integrativ" ergab sich vielmehr daraus, dass nach Auffassung des Bundestages mit dem neuen Begriff einer "inklusiven Bildung" ein "exklusives" Schulsystem wie das besonderer Schulen nicht vereinbar sei. Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass es sich nicht um einen Übersetzungsfehler, sondern um einen Denkfehler handelt: Nach soziologischem Verständnis kann es keine Inklusion ohne Exklusion geben.

Wer in der einen Partei Mitglied ist oder einer bestimmten Konfession angehört, ist dadurch von der anderen ausgeschlossen. Die ganze Gesellschaft setzt sich aus Millionen partieller Gruppierungen und Korporationen zusammen, seien es politische, religiöse, künstlerische, sportliche oder sonstige. Sie heben sich jeweils voneinander ab, ohne damit als schlechthin ausgeschlossen zu gelten. So beansprucht zum Beispiel das Prinzip der geschlechtlichen Koedukation keine absolute Geltung, und der Frauensport gilt nicht als Exklusion des Männersports und umgekehrt. Niemand kommt auf die Idee, die Paralympics für Behinderte in die üblichen Olympischen Spiele zu inkludieren.