Nazis in Bayern Die fünf schrecklichen Tage von Nammering

Auf der "Totenwiese": Als das Massengrab des KZ-Transports aufgelöst war, zwangen die Amerikaner die Nammeringer, sich die Leichen anzusehen.

(Foto: Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora)

Im April 1945 kamen in dem kleinen Dorf in Niederbayern fast 800 KZ-Häftlinge zu Tode. Es hat lange gedauert, bis sich die Bevölkerung erinnern wollte.

Von Johann Osel

Stöhnen und Schreie, Verzweiflung und Sterben, auch Gewehrschüsse - was der Bahnhofsvorsteher Heinrich Klössinger erlebte, als im April 1945 ein Zug mit KZ-Häftlingen in den kleinen Ort Nammering in Niederbayern einrollte, hat er einige Monate später penibel notiert.

Es ist ein Protokoll des Schreckens: Häftlinge "krochen vor Schwäche", von "den SS-Posten wurden sie mit Stöcken auf den Kopf geprügelt. Leichen wurden aus den Waggons geworfen, die ohne Bekleidung waren. Andere Häftlinge mussten sie sofort in den mitgeführten Leichenwagen werfen. Dauerndes Schießen war bei Tag zu hören und Hilferufe, Geschrei und Jammer hallte durch die dunkle Nacht".

Der kalkulierte Tod

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Damals versuchten die Nazis, die Konzentrationslager vor dem Zugriff der näherkommenden Alliierten zu bewahren, in Transporten und Märschen wurden Tausende durchs Reich gebracht, planlos, unter katastrophalen Bedingungen - es wurden Todesmärsche, es wurden Todeszüge. Und Nammering, das zur Gemeinde Fürstenstein im Landkreis Passau gehört, wurde Schauplatz eines Unheils, das einen Schatten über das Dorf warf und vielen Einheimischen die Sprache nahm - und das über Jahrzehnte.

Nammering heute, einen Bahnhof gibt es nicht mehr hier auf einer Wiese mit Gestrüpp, Sträuchern und Birken am Ortsrand. Ein Radweg, neu betoniert, bis nach Niederalteich zur bekannten Klosterkirche führt er. Nichts würde an den Bahnhof und das Grauen von einst erinnern, wären da nicht einige originale Schwellen, daneben Schautafeln mit Texten und historischen Bildern. "Es ist ja nichts mehr da von früher", sagt Nikolaus Saller. "Jetzt bleiben Radler stehen, steigen ab, lesen." Der pensionierte Lehrer aus Fürstenstein, 74, hat die Anlage aufgestellt, hält so die Erinnerung wach an den Todestransport.

Ein Zug aus dem KZ Buchenwald, 5000 Personen, eingepfercht in Vieh- und Kohlewaggons, 54 Stück, drei Zugteile. Ziel: Dachau. Nach zehntägiger Fahrt durch Sachsen und das heutige Tschechien, mit kaum Verpflegung, kam der Halt in Nammering; weil zuvor ein Wehrmachtstransport entgleiste, ging es nicht weiter. Der Transportführer stellte sich als SS-Obersturmführer Hans Erich Merbach aus Gotha beim Bahnhofsvorsteher vor. Man bleibe länger, hieß es, die Häftlinge würden ohne Rücksicht bewacht. Es begann ein Drama, das dort fast 800 Tote zurückließ.

Lehrer Saller und der Arbeitstherapeut Hans Hübl, vor einigen Jahren gestorben, haben sich in den Achtzigern angeschickt, die Nammeringer an das Erinnern zu erinnern. Sie hatten ein Friedensforum gegründet, wollten ein Mahnmal. Weil man nicht tun könne, als wäre nie was gewesen; und wenn ein Überlebender käme und da wäre nichts, kein Hinweis - was gäbe das für ein Bild?

Nikolaus Saller hält die Erinnerung wach: Es gibt beim einstigen Bahnhof einen Gedenkstein sowie eine Anlage mit Schautafeln.

(Foto: Johann Osel)

Das Ansinnen stieß in einer Bürgerversammlung auf Unmut, "viele wollten Gras wachsen lassen über die Geschichte", sagt Saller. Der Gemeinderat stimmte für einen Stein - aber an der Kirche, er sollte auch an die Gefallenen im Krieg erinnern. Entstanden ist letztlich ein Mahnmal, abgelegen im Wald beim früheren Bahnhof, ein Kompromiss damals.

Startpunkt an der Schautafel am Radweg: Geht man mit Saller den Wald hinauf zum Stein, den er beflissen pflegt, über nasses Laub, dann erzählt der Lehrer an dem ruhigen Flecken, was sich geändert hat. Inzwischen engagieren sich Gemeinde und Landkreis für die Erinnerungskultur, auch finanziell, Vereine packen mit an, wenn es was zu tun gibt.