Früheres KZ in Hersbruck Das vergessene Grauen im Doggerwerk

Das ehemalige Lagergelände in Hersbruck Anfang der 1950er Jahre. Nach den Zwangsarbeitern zogen Flüchtlinge in die Baracken ein.

(Foto: Privat)
  • In Hersbruck in Mittelfranken stand in der NS-Zeit ein Konzentrationslager, in dem die Nationalsozialisten Häftlinge zu Schwerstarbeit zwangen.
  • Sie sollten einen Stollen für die Flugzeugmotorenfabrik von BMW graben. Fast die Hälfte der Menschen starb.
  • Lange war die Geschichte des Außenlagers verdrängt und vergessen.
  • Nun erinnert ein Dokumentationsort daran.
Von Katja Auer, Hersbruck

Sanft schlägt die Alb ihre Wellen hinter der Stadt, die Hügel sind vom Schnee gezuckert. Fachwerkfriedlichkeit, dazu das Finanzamt in laubfroschgrün. Das Strudelbad an der Pegnitz gab es damals schon, die Häuser nicht, auch nicht den Tennisplatz. "Man sieht's dem Ort nicht an", sagt Jörg Skriebeleit. Das unfassbare Grauen meint er, den Tod.

Am Rande von Hersbruck, wo es sich angenehm wohnen lässt neben der Therme, war einmal ein Konzentrationslager. Nichts ist mehr zu sehen, kein Stein geblieben. Jetzt erinnert ein Dokumentationsort daran, den die Stiftung Bayerische Gedenkstätten und die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg konzipierten. An diesem Montag wird er eröffnet und der Landtag hält den Gedenkakt zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus in Hersbruck ab.

9000 Namen, 9000 Menschen, 9000 Schicksale

Das Gedenken ist multimedial, in einem schwarzen Kubus erscheint ein Panorama von Hersbruck, so friedlich und unverdächtig wie die Kleinstadt eben da liegt in den mittelfränkischen Hügeln östlich von Nürnberg. Wie ein Fenster wirkt das, aber nicht nur nach draußen, sondern auch in die Vergangenheit. Denn die schöne fränkische Landschaft bleibt nicht alleine stehen, aus der Tiefe tauchen 9000 Schicksale auf. 9000 Namen erscheinen auf dem großen Bildschirm und benennen jene Menschen, die in Hersbruck interniert waren.

Nun erinnert ein Mahnmal an die Zwangsarbeiter.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

"Wir haben die Individuen sehr ernst genommen", sagt Skriebeleit, der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, dessen zweitgrößtes Außenlager in Hersbruck war. Es existierte nicht besonders lange, nur ein Dreivierteljahr vom Juli 1944 an. Es muss katastrophal gewesen sein. 4000 Menschen krepierten am Hunger, an der harten Arbeit, an der Verzweiflung. Der Ort war "einer der Schauplätze der Endstufen des Holocausts", sagt Ulrich Fritz von der Stiftung Bayerische Gedenkstätten.

Das Lager in Hersbruck entstand, als die Nazis ihre Rüstungsproduktion unter Tage verlagern wollten. Ins Doggergestein der Houbirg, dem Berg bei Happurg, wollten sie Stollen treiben, um darin die Flugzeugmotorenfabrik von BMW unterzubringen. Es gehörte zum Plan, dafür KZ-Häftlinge einzusetzen. Jeden Morgen mussten die Männer aus dem Lager die etwa fünf Kilometer nach Happurg hinüber laufen und am Abend zurück, nach stundenlanger Schwerstarbeit.

Das Ende des Holocaust

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Die Stollen, in denen der Rüstungsbetrieb niemals aufgenommen wurde, sind heute nicht mehr zugänglich, die Eingänge liegen verborgen im Wald. Etwas unterhalb erinnert nun ebenfalls ein Mahnmal an die Zwangsarbeiter. Von dort kann man hinüberschauen nach Hersbruck, der Sichtbezug soll den langen, mühsamen Weg anschaulich machen. In einer Vitrine liegt ein Pressluft-Bohrhammer, wie ihn die Arbeiter verwendeten.

"Bis ich so schwach wurde, dass ich umgefallen bin"

"Der Bohrer musste zwei Meter tief in die Wand. Das war sehr schwer für mich. Ich musste das zweieinhalb bis drei Monate jeden Tag auf der Schulter halten, bis ich so schwach wurde, dass ich umgefallen bin." So erzählt es Ljubisa Letic, seine Stimme kommt aus einer Hörstation. Der junge Serbe hatte Kontakte zu Partisanen, deswegen verschleppten ihn die Nazis nach Flossenbürg. Bei der schweren Arbeit im Stollen verlor er fast sein Gehör. Russische Mithäftlinge kümmerten sich um den erst 19-Jährigen, vermutlich nur dank ihrer Hilfe überlebte er die Haft und den Todesmarsch Richtung Dachau. 1945 kehrte er in seine Heimat zurück, er starb 2014.

In einer Vitrine liegt ein Pressluft-Bohrhammer, wie ihn die Arbeiter verwendeten.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

90 Schicksale haben die Ausstellungsmacher herausgegriffen, ihre Geschichten stehen stellvertretend für alle Häftlinge. Im Hersbrucker Dokumentationsort können die Besucher auf dem Bildschirm ihre Namen antippen, dahinter erscheint ein Zitat, ein Bild, eine Biographie.

Auch die von Vittore Bocchetta. Der Italiener wurde bei einer Widerstandsaktion in Verona verhaftet und Ende 1944 nach Hersbruck gebracht. Er überlebte das Lager, auch deswegen, weil er sich eine Zeitlang in der Krankenstation verstecken konnte. Auf dem Todesmarsch, als die Nazis ihre Gefangenen nach Süden trieben, weil die Alliierten heranrückten, gelang Bocchetta bei Schmidmühlen in der Oberpfalz die Flucht. Körperlich völlig entkräftet erlebte er das Kriegsende. Von der italienischen Politik enttäuscht emigrierte er 1948 nach Südamerika, später in die USA, wo er sein Talent als Bildhauer entdeckte.

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In vielen Werken thematisiert er den Widerstand und die Zeit im Lager. Nach Hersbruck kommt Bocchetta immer wieder zurück, seine Erinnerungen hat er vor 30 Jahren niedergeschrieben und illustriert. "Der Schlamm ist zum Albtraum geworden. Wir sinken fast bis zum Knie ein, und wer hinfällt, riskiert, langsam und bei vollem Bewusstsein zu ersticken." Am Montag wird Vittore Bocchetta, inzwischen 97 Jahre alt, beim Gedenkakt sprechen. 2007 wurde in der Nähe des ehemaligen Lagergeländes eine Skulptur von ihm eingeweiht. "Ohne Namen" heißt sie und auch dazu passt der neue Doppel-Gedenkort. "Wir geben ihnen die Namen zurück", sagt Skriebeleit. Im Herbst soll zudem ein großer Katalog über das ehemalige KZ erscheinen.