Hochschule Frauen an bayerischen Hochschulen sind meistens Studentinnen

In bayerischen Hochschulen sitzen zwar viele Studentinnen in den Vorlesungen. Allerdings sinkt die Zahl der Frauen kontinuierlich, wenn es um höhere Posten im wissenschaftlichen Betrieb geht.

(Foto: Florian Peljak)
  • Nicht einmal jede fünfte Hochschul-Professur war 2015 in Bayern von einer Frau besetzt. Die Landtagsopposition hält das für ein Armutszeugnis für Bayern.
  • SPD und Grüne wollen im Landtag nun Anträge für die Gleichstellung an Hochschulen einbringen.
  • Bei der CSU findet man es wichtig, akademische Berufe für Frauen attraktiver zu machen. Die Partei fühlt sich jedoch nicht zuständig.
Von Anne Kostrzewa

Auf den ersten Blick verheißen die Zahlen für Akademikerinnen Gutes: Knapp die Hälfte aller Uni-Absolventen in Bayern ist weiblich, fast 46 Prozent der Doktorarbeiten werden von Frauen eingereicht. Mit der Frauenquote an den Hochschulen scheint alles in bester Ordnung zu sein. An den Lehrstühlen verschiebt sich das Gleichgewicht jedoch deutlich: Nicht einmal jede fünfte Professur war 2015 von einer Frau besetzt - aus Sicht von SPD und Grünen ein Armutszeugnis für den wissenschaftlich ambitionierten Freistaat. An diesem Dienstag will die Opposition im Landtag deshalb acht Anträge für die Gleichstellung an Hochschulen einbringen.

"Bayern hat die besten Köpfe verdient", sagt Verena Osgyan, die hochschulpolitische Sprecherin der Landtags-Grünen. "Es darf nicht sein, dass Frauen in der Wissenschaft immer noch benachteiligt werden. Damit schwächen wir den ganzen Standort." Wenn die Universitäten bei ihren Berufungen das Tempo der bisherigen Frauenförderung beibehielten, glaubt Osgyan, "dann dauert es noch 100 Jahre, bis wir bei den Professuren die gleichen Quoten erreichen wie bei den Promotionen".

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Aber wie kommt es zu diesem Ungleichgewicht? Warum entscheiden sich weniger Frauen als Männer nach ihrer Promotion für eine wissenschaftliche Laufbahn? Für Isabell Zacharias, Hochschul-Sprecherin der Landtags-SPD, müssen Bayerns Hochschulen "frauenfreundlicher" werden: "Angefangen bei den Ausschreibungen müssen die Unis Angebote machen, die auch für Frauen attraktiv sind." Dazu gehörten etwa eine gute Kinderbetreuung und ein Dual Career Service, der mitziehenden Partnern bei der Jobsuche hilft. Schon auf dem Weg zur Professur würden vor allem Frauen ausgesiebt, weil die üblichen Zeitverträge für wissenschaftliche Mitarbeiter kaum eine Familienplanung zulassen.

Für Osgyan ist die Schwachstelle des Systems die Berufungskommission, die an Universitäten über geeignete Kandidaten für eine Professur berät. Der Kommission gehören Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter und Studenten an, wobei die Professorenschaft am stärksten repräsentiert ist: Auf drei Professoren kommen jeweils ein Mitarbeiter und ein Student. Bei einer überwiegend männlichen Professorenschaft sitzen in der Kommission vor allem Männer. Entsprechend groß, so Osgyan, sei die Wahrscheinlichkeit, dass die nächste Professur dann auch wieder an einen Mann gehe. "Professoren entscheiden möglicherweise eher zugunsten eines Kandidaten, der ihrem jüngeren Ich ähnelt."

Frauen in der Wissenschaft

Je höher die Karrierestufe an den deutschen Hochschulen, desto geringer der Frauenanteil. Während im Studium Frauen die Mehrheit stellen, entfallen auf sie nur 45 Prozent der Doktorarbeiten. Bei Habilitationen - der Eintrittskarte in die wissenschaftliche Laufbahn - sinkt die Quote noch weiter. Der Anteil der Professorinnen schließlich lag zuletzt bei 23 Prozent - in Bayern 2015 sogar bei nur 19 Prozent. Das zeigen Daten des statistischen Bundes- und Landesamts. Der Trend aber geht im Freistaat wie andernorts nach oben: Der Anteil an Professorinnen ist bundesweit über die Jahre gestiegen - vor zehn Jahren lag er bei gerade mal 14 Prozent, 1995 waren lediglich acht Prozent der Lehrstühle in weiblicher Hand. Forschungslaufbahnen enden oft mit der Geburt eines Kindes. Zwei Drittel der befragten Wissenschaftlerinnen gaben in einer Studie mal an, für ihren Job die Familiengründung aufgeschoben oder aufgegeben zu haben. Seit Jahren tun viele Hochschulen etwas dagegen, sie kümmern sich um die Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft und Frauenförderung. Es gibt Initiativen von Bund und Ländern. Gleichstellung ist zudem oft Kriterium für Forschungsförderung, etwa in der Exzellenzinitiative. ojo

Wie Isabell Zacharias fordert auch Verena Osgyan klare gesetzliche Regelungen, wie es sie in anderen Bundesländern bereits gibt. In Brandenburg etwa muss die Berufungskommission zu 40 Prozent weiblich besetzt sein. In Nordrhein-Westfalen gilt ein sogenanntes Kaskadenmodell: Dort richtet sich die Zielquote für eine Professur nach der Quote der Promotionen. Ist in einem Fach jeder dritte Doktorand eine Frau, sollten auch jede dritte Professur dieses Fachs an eine Frau gehen.

Von strickten Regelungen wie diesen hält Oliver Jörg wenig. Für den hochschulpolitischen Sprecher der CSU geht es bei Berufungen um "wissenschaftlich herausragende Personen, ganz gleich welchen Geschlechts". Nur dann könne man wirklich von Gleichstellung sprechen. "Ich bin mit der Opposition einig, dass wir mehr Frauen in der Wissenschaft brauchen, von Leitungspositionen bis zum Mittelbau", sagt Jörg. "Nur über die Maßnahmen, wie wir da hinkommen, haben wir unterschiedliche Ansichten." Das heißt auch: Die Anträge von SPD und Grünen werden am Dienstag von der CSU abgelehnt werden.

Dennoch, sagt Jörg, sei Gleichstellung wichtig. Allerdings liege die Verantwortung durch die Hochschulautomonie bei den Unis - ein Argument, mit dem die CSU nahezu jeden Antrag der Opposition abbügelt, von höheren Gehältern für Lehrbeauftragte bis hin zur längerfristigen Stellen für Personal. Einen Punkt der Einigkeit finden CSU, SPD und Grüne bei den Mint-Fächern. Schon in der Schule müssten mehr Mädchen für Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik begeistert werden, damit sie sich für ein Studium in dieser Richtung entscheiden - und sich bestenfalls nach der Promotion auf eine Professur bewerben. Zeit wäre es: In den Mint-Fächern liegt die Professorinnen-Quote in Bayern derzeit bei 11,1 Prozent.

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