Verkehrssicherheit Zu viele Unfalltote trotz sicherer Autos

Crashtest eines Versicherungskonzerns: 90 Prozent aller Autounfälle werden vom Menschen verursacht, sagt Verkehrsminister Dobrindt.

(Foto: EQ Images / AXA Versicherung)
  • Obwohl moderne Autos über immer mehr Sicherheitssysteme verfügen, nimmt die Zahl der Unfalltoten kaum ab.
  • Das ist ein weltweites Phänomen. Noch mehr als in Europa ist es in den USA zu beobachten, wo die Zahl der Unfalltoten wieder steigt.
  • Intelligente Vernetzung der Fahrzeuge und das autonome Fahren sollen helfen, das Problem einzudämmen.
Von Joachim Becker

Die USA liegen auf dem Niveau eines Drittweltlandes. Zumindest, was die Unfallbilanz angeht. Nach Schätzungen des National Safety Council stieg die Zahl der Verkehrstoten 2016 um 15 Prozent auf über 40 000. Das ist bereits der zweite Anstieg in Folge und wirft Amerika auf den Stand Mitte der Neunzigerjahre zurück - also auf das Sicherheitslevel vor der Einführung von ESP und modernen Crash-Strukturen. Gar nicht zu reden von automatischen Notbrems- oder Spurhaltesystemen, die längst verfügbar, aber nicht weit verbreitet sind. Allerdings hat das US-amerikanische Insurance Institute for Highway Safety (IIHS) berechnet, dass ohne die verbesserte Fahrzeugsicherheit allein im Jahr 2012 etwa 7700 zusätzliche getötete Fahrer zu erwarten gewesen wären.

Noch immer schlagen sich technische Fortschritte zu wenig in der Unfallbilanz nieder. Offensichtlich geht mit der wachsenden Zahl von modernen Schutzengeln auch ein nachlassendes Risikobewusstsein im Straßenverkehr einher. Anders ist es nicht zu erklären, dass mehrere Hundert Millionen US-Dollar, die in den vergangenen zehn Jahren in unterschiedlichste Kampagnen gegen Raserei, Alkohol oder Ablenkung am Steuer gesteckt wurden, fast wirkungslos verpufft sind.

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Die Menschen verbringen immer mehr Stunden in ihrem Fahrzeug, das viele als erweitertes Wohnzimmer empfinden. Entsprechend verhalten sie sich auch: Bei mehr als der Hälfte der Fahrten, die mit einem Unfall endeten, wurde in den USA das Smartphone genutzt. Das zeigt eine aktuelle Studie von Cambridge Mobile Telematics. In 30 Prozent der Fälle erfolgte die Handynutzung bei Geschwindigkeiten von über 90 Kilometer pro Stunde. Gravierend ist auch die Aversion der Amerikaner gegen den Sicherheitsgurt: Von 22 441 getöteten Pkw-Insassen waren im vergangenen Jahr 48 Prozent, also rund 10 770, nicht angeschnallt. Dabei ist der Nutzen des Gurts längst bewiesen. In der Regel reduziert er das Risiko tödlicher Verletzungen um etwa die Hälfte.

Ungebremst zieht das Auto seine Blutspur durch die Gesellschaft - nicht nur in den USA. Auch die Zahlen für Europa bleiben trotz aller Fortschritte alarmierend: 2,3 Prozent weniger Verkehrstote gegenüber dem Vorjahr und sogar 19 Prozent weniger als vor sechs Jahren führt der Dekra-Verkehrssicherheitsreport 2017 auf. Trotzdem starben im vergangenen Jahr rund 25 500 Menschen auf den Straßen der EU-Mitgliedstaaten. Weltweit sind weiterhin rund 1,25 Millionen Verkehrstote pro Jahr zu beklagen. Das bedeutet, dass jeden Tag mehr als 3400 Menschen durch Verkehrsunfälle ums Leben kommen. Nur zum Vergleich: Wer würde in ein Flugzeug steigen, wenn er wüsste, dass jede Stunde eine Maschine mit 140 Passagieren abstürzt?

Europas Straßen sind vergleichsweise sicher

Die Realität ist noch weit entfernt von der "Vision Zero" (null Verkehrstote), die Schweden und andere Länder in den nächsten Jahren erreichen wollen. Doch die Richtung stimmt: Im Jahr 2016 war Schweden das Land mit den wenigsten Verkehrstoten je eine Million Einwohner (27), gefolgt von Großbritannien (28), den Niederlanden (33), Spanien (37), Dänemark (37) und Deutschland (39). Im statistischen Durchschnitt fordert der Straßenverkehr in der EU 50 Menschenleben je eine Million Einwohner und Jahr. In den USA werden mehr als 120 und weltweit sogar 174 Menschen je einer Million Einwohner zu Opfern des Straßenverkehrs.

"Über 90 Prozent aller Unfälle sind heute auf menschliches Fehlverhalten zurückzuführen. Mit dem Einzug von Fahrcomputern werden wir die Fahrer deutlich entlasten und kritische Verkehrssituationen massiv reduzieren", erwartet Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU). "Der Sprung zum automatisierten und vernetzten Fahren ist damit nicht nur die größte Mobilitätsrevolution seit der Erfindung des Automobils, sondern bringt auch ein großes Plus an Sicherheit."