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Verkehrssicherheit:Schon fünf Buchstaben können ein Leben kosten

Deutlich mehr Verkehrstote im August

Ein Holzkreuz am Straßenrand, Blumen im Gedenken an den Verstorbenen: An vielen Straßen erinnern solche Kreuze an schwere Unfälle.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Keine Verkehrstoten mehr, das wäre laut Unfallforschern möglich. Aber dazu müssten alle mitziehen - auch die Politik.

Das Handy liegt zwischen den Beinen des jugendlichen Fahrers. "Hallo" kann Polizeihauptkommissar Thomas Hennemann dort noch lesen. Offenbar hatte der Fahrer gerade begonnen, eine Nachricht einzutippen. Sie fertig zu schreiben oder gar abzuschicken - dazu kommt er nicht mehr. In einer langen Rechtskurve driftet sein Wagen immer weiter nach links, mit Tempo 70 kracht er in einen entgegenkommenden Laster. "Der Lkw-Fahrer hatte keine Chance auszuweichen", berichtet Hennemann, der damals, im Jahr 2010, als einer der ersten am Unfallort in der Nähe von Münster ankam. Das Bild des völlig zerstörten Autowracks hat sich ihm tief ins Gedächtnis gebrannt. Und obwohl er als Polizist schon vieles gesehen hat, beschäftigt ihn der Unfall noch heute.

Stirbt ein Mensch bei einem Verkehrsunfall, sind nach einer Studie des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR) im Durchschnitt 113 andere Menschen unmittelbar betroffen. Darunter sind elf Angehörige, vier enge Freunde, 56 Bekannte - und 42 Einsatzkräfte von Sanitätsdiensten, Feuerwehren oder Polizei. "Wir haben sehr viele Menschen, die noch Jahre danach mit einem solchen Unfalltod zu tun haben", sagt Dorothee Bär (CSU), Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesverkehrsministerium. Deshalb steht auch das Leid der Angehörigen, der Freunde und Helfer im Mittelpunkt der neuen Verkehrssicherheitskampagne "Runter vom Gas", die Bärs Ministerium zusammen mit dem DVR veranstaltet. Etwa 700 Plakate werden in den kommenden Wochen an Autobahnen aufgestellt, auf denen Menschen zu sehen sind, die um einen anderen trauern. Etwa alle sechs bis zwölf Monate tausche man die Plakatmotive aus, erläutert DVR-Geschäftsführerin Ute Hammer. "So setzt kein Gewöhnungseffekt ein."

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Doch reicht es, Plakate zu kleben, um die Zahl der Unfälle zu senken? Im vergangenen Jahr starben bundesweit 3214 Menschen im Straßenverkehr - das waren sieben Prozent weniger als 2015. Damit erreichte Deutschland den niedrigsten Stand seit mehr als 60 Jahren. Doch Fachleute finden, das sei kein Grund, um sich entspannt zurückzulehnen. "Da geht noch was", sagt Hammer. Zumal die Bundesregierung zu Beginn der Dekade das Ziel ausgerufen hat, die Zahl der Verkehrstoten bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent zu senken.

50 Prozent weniger Verkehrstote

Schon in der Dekade davor, also von der Jahrtausendwende bis 2010, war die Zahl der Verkehrstoten um etwa 50 Prozent gesunken. "Da wurde man mutig", erinnert sich Siegfried Brockmann, der für den Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) die Unfallforschung betreibt. Zudem hatte die EU die Mitgliedsländer damals aufgerufen, den Wert bis 2020 sogar um 50 Prozent zu senken. Da Deutschland damals schon verglichen mit anderen Ländern ein relativ hohes Sicherheitsniveau erreicht hatte, schwächte die Bundesregierung ihre eigene Zielgröße etwas ab.

Doch selbst diese werde sie in einigen Jahren "grandios verfehlen", glaubt Dieter Müller, Professor für Straßenverkehrsrecht und Verkehrsstrafrecht an der Hochschule der Sächsischen Polizei. Tatsächlich müsste die Zahl der Getöteten bis 2020 auf etwa 2200 bis 2400 sinken. Zumal die Regierung gerade dabei sei, einen Rechentrick anzuwenden, klagt Brockmann: Sie will das Dekadenziel nicht am Jahr 2010 messen lassen, sondern das Jahr 2011 zur Grundlage nehmen. In dem aber stieg der Wert gegenüber dem Vorjahr um fast zehn Prozent auf etwas mehr als 4000 Getötete. Damit erhöht sich der Ausgangswert - und macht es einfacher, das Minus-40-Prozent-Ziel zu erreichen. Hinzu kommt, dass die Zahl der Schwerstverletzten konstant bleibe, moniert der DVR.

Bau von "fehlerverzeihenden Straßen"

Forscher werfen der Bundes- wie vielen Landesregierungen vor, das Thema Verkehrssicherheit zu zögerlich voranzutreiben. Zwar hat das Bundesverkehrsministerium zuletzt den Etat für Prävention um gut eine Million auf nunmehr 14 Millionen Euro angehoben, wirksamer als Plakate seien aber zum Beispiel technische Verbesserungen an Autos und Straßen, sagt DVR-Expertin Hammer. So könnte der Gesetzgeber Geräte in Lkw vorschreiben, die den Fahrer warnen, wenn sich beim Rechtsabbiegen ein Radler im toten Winkel aufhält. Auch Notbremsassistenten oder Müdigkeitswarner könnten helfen, die Unfallzahlen zu drücken. Zudem plädieren Forscher für den Bau "fehlerverzeihender Straßen". Kommt ein Fahrer beispielsweise aus Unachtsamkeit von einer Landstraße ab aufs Bankett, wird dies nicht mit einem (schweren) Unfall bestraft, wenn das Bankett zuvor ausreichend breit angelegt und verdichtet wurde. In der Straße ist so eine Art "Sicherheitsreserve" eingebaut.

Fachleute wie Kurt Bodewig, einst Verkehrsminister unter SPD-Kanzler Gerhard Schröder und seit 2007 Präsident der Verkehrswacht, verweisen gern auf solche Beispiele, wenn sie für ihre "Vision Zero" werben. Dahinter steckt die Idee, dass irgendwann kein einziger bei Unfällen getöteter oder schwerst verletzter Verkehrsteilnehmer mehr zu beklagen ist. Statt ein Gleichgewicht zwischen Mobilität und Sicherheit anzustreben, müsse die Sicherheit höchste Priorität genießen - etwa im Straßenbau. In Schweden hat sich der Gesetzgeber vor mehr als 15 Jahren dieser Idee verschrieben. Seither sind Straßenplaner, aber auch Autohersteller darauf verpflichtet: Volvo hat sich zum Ziel gesetzt, dass von 2020 an niemand mehr in einem Auto der Marke getötet oder schwer verletzt wird.