Archäologie:Sakrileg an Stonehenge

FILE PHOTO: General view of the Stonehenge stone circle, near Amesbury

Die größten Steine des Monuments stammen teilweise aus einem 25 Kilometer entfernten Gelände.

(Foto: ENGLISH HERITAGE/via REUTERS)

Vor mehr als 60 Jahren bohrten Restauratoren tiefe Löcher in den Steinkreis, dann verschwanden die Proben. Nun sind einige wiederaufgetaucht und verraten endlich Geheimnisse über die Geschichte des Monuments.

Von Hubert Filser

Was wäre wohl los, wenn heute jemand ein Loch in einen der mächtigen Pfeiler von Stonehenge bohren würde? Und zwar nicht an einer versteckten Stelle und auch nicht mit dem kleinen Bohrer, sondern quer durch einen Block? Genau das geschah bei Restaurierungsarbeiten im Jahr 1958, um der berühmten Kultstätte noch ein paar letzte Geheimnisse zu entlocken. An drei Stellen von Stein 58, einem umgefallenen Pfeiler aus dem inneren Ring der 4500 Jahre alten Anlage, entnahmen die Arbeiter einen Bohrkern. Untersucht wurden die jeweils etwa einen Meter langen Steinstäbe damals aber nicht, es war nicht die Zeit ausgefeilter mikroskopischer Hightech-Analysen. Kein Archäologe kümmerte sich um die Bohrkerne. Bald wusste niemand mehr, wo die wissenschaftlich doch eigentlich so wertvollen Stäbe eigentlich gelandet waren.

Nun sind zwei der drei verschollenen Steinstäbe wiederaufgetaucht und analysiert worden. Die umfangreichen Forschungsarbeiten ermöglichten Experten um David Nash von der Universität Brighton zum ersten Mal einen Blick tief in das Innere eines Pfeilers des Monuments, berichten die Archäologen im Fachmagazin Plos One. Es ist die bislang umfassendste Studie zu Originalgestein aus den mächtigen Blöcken der Anlage im Süden Englands. Die chemische Zusammensetzung der insgesamt 52 noch erhaltenen, tonnenschweren Sandsteinblöcke zu ermitteln, ist wichtig, um etwa den Steinbruch zu lokalisieren, in dem diese abgebaut wurden und so die Entstehungsgeschichte des Megalithbauwerks zu entschlüsseln.

Der Bohrkern hing als Schmuck an einer Bürowand

Die Geschichte zu dieser Untersuchung beginnt vor drei Jahren, als sich ein 90 Jahre alter Mann aus Florida bei den britischen Behörden meldete. Er besäße, so sagte Robert Phillips, einen Bohrkern aus einem der großen Sandsteinblöcke von Stonehenge, den sogenannten Sarsensteinen. Diesen wolle er noch vor seinem Tod gern nach Großbritannien zurückgeben. Phillips, ehemaliger Restaurator in der Bohrfirma Van Moppes, die an den Restaurierungsarbeiten von Stonehenge beteiligt war, hatte den zylinderförmigen Bohrkern als Andenken behalten dürfen. Zusammen mit einem Aquarell der Arbeiten, das seine Firma hatte anfertigen lassen, hängte er den Bohrkern in einer Plexiglasröhre in seinem Büro im englischen Basingstoke über seinem Schreibtisch auf. Als er 1976 in Ruhestand ging, durfte er Bohrkern und Bild behalten. 1977 wanderte er in die USA aus, zog dort mehrfach um, den Steinstab behielt er bis zuletzt.

Der von ihm angebohrte Pfeiler 58 gehörte zu einem sogenannten Trilithen, einer Dreiergruppe aus zwei Tragsteinen und einem querliegenden Deckstein. Gerade diese hoch aufragenden Torbauten sind das Markenzeichen der monumentalen Anlage. Sie bildeten einst einen gedeckten Ring, der im Inneren weitere Konstruktionen umfasst, darunter im Kreis angeordnete kleinere, wegen ihres Farbtons sogenannte Blausteine und fünf Trilithen. Eine dieser Dreiergruppen war am 3. Januar 1797 nach plötzlich einsetzendem Tauwetter umgestürzt. Historische Berichte vermuteten unterirdische Bauten von Kaninchen als Ursache für die Instabilität.

Um den Besuchern verständlicher zu machen, wie die Kreisanlage einst ausgesehen hatte, sollte die markante Gruppe wieder in den Originalzustand versetzt werden. Einer der Pfeiler besaß zudem Einritzungen, die gefährdet waren, weil Besucher immer auf den Steinen herumkletterten. Also fügten die Restauratoren im Juni 1958 mithilfe eines Kranwagens die Steine wieder zusammen. Dabei entdeckten sie bei Stein 58 einen gefährlichen Riss. In den historischen Akten, die heute in den National Archives in London aufbewahrt werden, vermerkten sie besorgt: "Wir stellten fest, dass der bekannte Längsbruch des Steins 58, einer der Stützen des Trilithen, sich bei der Aufrichtung als umfangreicher erwiesen hatte als vermutet, und wir befürworteten den Vorschlag des Ministeriums, den Stein zu verstärken." Und so holte Phillips am 20. August 1958 drei Bohrkerne aus dem Stein, versenkte Metallanker und Dübel und verschloss später die Löcher mit Originalsteinen aus der Anlage.

Der nun wieder aufgetauchte, 108 Zentimeter lange Kern ist in sechs Teile zerbrochen, die Fragmente sind zwischen 6,7 und 29 Zentimetern lang. Erste Auswertungen von Proben hatten bereits im vergangenen Jahr zu spektakulären Erkenntnissen geführt. Die meisten der insgesamt 52 großen Steinriesen des Stonehenge-Monuments stammen demnach sehr wahrscheinlich aus West Woods, einem rund sechs Quadratkilometer großen, heute größtenteils bewaldeten Plateau rund 25 Kilometer nördlich von Stonehenge.

Bläulicher Kyanit und cognacfarbener Zirkon

Nun folgte die Feinanalyse der Fragmente. Dazu zersägten die Experten um David Nash und den Archäologen Mike Parker Pearson das kleinste, 6,7 Zentimeter lange Fragment. Und prüften dann die Oberflächen mit allen derzeit verfügbaren Technologien. "Wir haben das Gestein mit dem CT gescannt, mit Röntgenstrahlen bestrahlt, es unter verschiedenen Mikroskopen betrachtet und seine Sedimentologie und Chemie analysiert", sagt Nash. Mit Ausnahme der Dünnschliff-Analysen und einiger chemischer Methoden waren alle Techniken, die die Archäologen in ihrer Studie verwendeten, für Stonehenge neu, sagt Nash.

Die Ergebnisse sind durchaus verblüffend: Stein 58 besteht zu 99,7 Prozent aus einer Art Zement aus feinen und mittelgroßen Quarzsandkörnern, auch Spuren von Titanoxid, Eisenoxid, magentafarben leuchtendem Turmalin, bläulichem Kyanit oder cognacfarbenem Zirkon fanden die Forscher. Auf den Aufnahmen ist deutlich zu sehen, dass die Quarzkörner ein "ineinandergreifendes Mosaik aus Kristallen" bildeten, so Nash. Das machte das Gestein haltbarer, es sei eine Art Quarzzement. Die Forscher zeigten sich von der Härte und Beständigkeit der Sarsen überrascht. Alle Pfeiler bestünden aus dem gleichen harten Stein, für die Fundamente dagegen habe man weicheren Sandstein verwendet.

Diese Materialeigenschaften waren für die Erbauer sicher gute Gründe, diese Art von Gestein 25 Kilometer weit über welliges Gelände bis nach Stonehenge zu transportieren. Schließlich waren die Sarsensteine bis zu 25 Tonnen schwer. Nash vermutet durchaus technisches Materialwissen hinter der Auswahl, denn der Quarzzement sei gut gehärtet und dadurch unglaublich stark. Man hätte schließlich näher gelegene Steinbrüche für den Bau nutzen können.

Einige Sandkörner sind 1,6 Milliarden Jahre alt

Nash und sein Team bestimmten auch das ursprüngliche Alter der Sedimente in den Sarsen. Diese lagerten sich bereits im sogenannten Paläogen ab, einer erdgeschichtlichen Zeit vor 23 bis 66 Millionen Jahren. Im Quarzgestein enthaltene Neodym-Isotope datierten sie sogar auf die Zeit der Dinosaurier, ins Mesozoikum vor 66 bis 252 Millionen Jahren. Einige Sandkörner seien sogar noch älter, bis zu 1,6 Milliarden Jahre alt. So gesehen ist Stonehenge wirklich uralt, zumindest in winzigen Teilen.

Von den beiden weiteren Bohrkernen aus Stein 58, die 1958 entnommen worden waren, entdeckten die Archäologen nach intensiven Nachforschungen zumindest noch ein Bruchstück. Es war in einer Kiste im Salisbury-Museum in England vergessen worden, obwohl darauf deutlich gestanden hatte: "3mal Stonehenge-Steine aus der Schatzkiste". Warum sich jahrzehntelang niemand mit diesen wertvollen Stücken beschäftigt hatte, bleibt eines der vielen Mysterien von Stonehenge.

© SZ
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