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Präimplantationsdiagnostik:Urteil über behindertes Leben?

Bei dieser Entscheidung geht es nicht um ein Urteil darüber, ob ein Leben mit einer Behinderung nicht wert ist, gelebt zu werden, oder gar darüber, dass behinderte Mitmenschen besser tot wären. Die betroffenen Paare möchten einfach nur selbst lieber gesunden Nachwuchs als kein oder ein schwerkrankes Kind bekommen und großziehen.

Manche Menschen sprechen bereits der befruchteten Eizelle Menschenwürde zu. Andere halten das für falsch.

(Foto: AP)

Dieser Wunsch dürfte für die meisten Menschen nachvollziehbar und schwer anfechtbar sein. Und die individuelle Entscheidung der Frau gegen einen Embryo mit Krankheitsrisiko muss von Werturteilen anderer Menschen getrennt werden - wie die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina gemeinsam mit anderen deutschen Akademien in einer Stellungnahme zur PID in Deutschland kürzlich festgestellt hat.

Aber müssen Behinderte nicht Angst haben, durch die Zulassung der PID "per Gesetz abgewertet zu werden", wie es der querschnittsgelähmte Bundestagsabgeordnete Ilja Seifert von den Linken formulierte? Auch die evangelische Kirche sorgt sich, dass die Belastung für Menschen mit Behinderungen größer werden könnte, wenn diese als vermeidbar angesehen werden.

Bereits die Diskussion um die PID erwecke den Eindruck, dass das Leben mit Behinderung immer mit Leid verbunden sei, kritisiert Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt, zugleich Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), in der taz. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hält dagegen, dass es schließlich nur um Einzelgendefekte gehe, und um Eltern, die erlebt hätten, dass ein Kind schwerstkrank ein paar Jahre gelebt hat und dann qualvoll gestorben ist.

Die Wissenschaftler der Leopoldina sprechen sich deshalb gegen eine Liste fest definierter Krankheiten aus, weil dies Menschen diskriminieren könnte, die mit einem solchen Leiden zur Welt kämen.

Aber die PID aufgrund solcher Befürchtungen abzulehnen, sei "ähnlich absurd wie die Forderung nach Abschaffung der Impfung gegen Kinderlähmung, weil diese eine Diskriminierung von Menschen mit Kinderlähmung zur Folge haben könnte", stellte kürzlich eine Gruppe von Ethikexperten um den Philosophen Dieter Birnbacher von der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf fest.

"Wer eine rationale, humanistische Sichtweise vertritt, dem sollte klar sein, dass Behinderte und Kranke unsere volle Unterstützung verdienen, Behinderung und Krankheit jedoch nicht", erklärten Birnbacher und eine Reihe weiterer Philosophen der Ethikkommission der Giordano-Bruno-Stiftung, hinter der eine Reihe renommierter Wissenschaftler, Philosophen und Künstler stehen. Tatsächlich konnten auch die Wissenschaftler der Leopoldina nicht feststellen, dass sich die PID in anderen Ländern negativ auf das Verhältnis der Bevölkerung zu Menschen mit Erbkrankheiten ausgewirkt hätte.

Die ehemalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) kritisiert allerdings, Kinder, über die mit Hilfe der PID entschieden würde, entstünden nicht mehr um ihrer selbst willen. Das sehen Befürworter der PID anders: Es wird entschieden, welche unter mehreren Eizellen eine Chance bekommt, sich zu einem Kind zu entwickeln. Ein Potential dazu hat möglicherweise auch die genetisch belastete Eizelle. Wäre aber die Potentialität allein schon Grund genug, jedem Embryo die Gelegenheit zu geben, dann müssten Gegner der PID erklären, wieso diese Potentialität erst mit der Befruchtung beginnt, stellte der Würzburger Staatsrechtler Horst Dreier in der Süddeutschen Zeitung fest.

Auch jeder unbefruchteten Eizelle und jedem einzelnen Spermium müsste diese Potentialität dann zugesprochen werden. Und wer es verwerflich findet, Embryonen an der Einnistung zu hindern, müsste auch ein Gesetz fordern, das die Verhütung mit der Spirale verbietet. Schließlich hindert diese ALLE Embryonen an der Einnistung - nicht nur genetisch belastete.

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