Kriegsmunition:Spuren von TNT finden die Forscher mittlerweile in der gesamten Ostsee

Daimon und Udemm liefern Daten, die zeigen, wo der geplante Roboter am dringendsten gebraucht wird. Sicherheit bei Baumaßnahmen und auf Schiffsrouten hat oberste Priorität bei der Kampfmittelräumung; dass Ankertauminen oder Wasserbomben auch nach Jahrzehnten noch explodieren können, war immer klar. Dass die Munition auf Dauer auch das Leben im Meer und damit letztlich den Menschen schädigen könnte, war lange eher eine überhörte Mahnung von Naturschützern.

Jetzt hat Daimon gezeigt, dass Fische im Munitionsversenkungsgebiet Kolberger Heide gehäuft Lebertumore aufweisen und Spuren des krebserregenden Sprengstoffes TNT im Muskelfleisch haben. Udemm hat an gleicher Stelle nachgewiesen, dass die TNT-Konzentration im Umkreis von einem Meter um die Bomben relativ hoch ist. "Die Kolberger Heide", sagt der Geomar-Professor Jens Greinert, "ist ein Kontaminations-Pool."

Die Kolberger Heide ist eine Unterwasserlandschaft nordöstlich der Kieler Förde, nur wenige Kilometer vor der Küste des Badeorts Heidkate. Nach dem Zweiten Weltkrieg entsorgten die Alliierten unter anderem dort tonnenweise Munition. Das zwölf Quadratkilometer große Areal ist Sperrgebiet. Den Udemm-Forschern diente es als Kulisse für ihre Tests. Dort haben sie gezeigt, dass der Kriegsschrott sprengstofftypische Verbindungen ans Wasser abgibt. Dass Muscheln diese aufnehmen, wenn sie in der Nähe liegen. Und andere Organismen ebenso. "Wenn ein Seestern drüberkriecht, wird der auch kontaminiert", sagt Greinert.

Liegt der Sprengstoff komplett frei, weil Salzwasser und Zeit die Stahlhülle zerfressen haben, belastet er das Meer noch stärker. Und Ostseewasser ganz ohne TNT-Gehalt gibt es laut Udemm praktisch nicht mehr.

"Überall, wo wir Proben genommen haben, haben wir TNT nachgewiesen", sagt Greinert. Ist das Meer ein Salzwasser-Sprengstoff-Gemisch? So dramatisch sei es nicht, sagt Greinert: TNT verdünne sich schnell, die Konzentration des Sprengstoffs sei nur deshalb auffällig, weil die Geomar-Forscher hypersensible Messmethoden mit Nachweismengen anwendeten, die tausendmal geringer seien als alles, was man bisher nachweisen konnte.

Allerdings finden Toxikologen schon kleinste Spuren von Sprengstoff im Meer zu viel. Die Bombenfelder könnten auf Dauer ganze Generationen von Meeresorganismen schädigen. Greinert sagt: "Man will keine Population kranker Fische hervorbringen." Er empfiehlt deshalb eine achtsame Beobachtung der Kriegsreste unter Wasser. Die Methoden dazu hat Udemm hervorgebracht, und Geomar wird das Thema weiterverfolgen. "Wir müssen stringent und methodisch gucken, wann wie viel TNT ins Wasser kommt und ob es gefährlich ist", sagt Greinert.

Auch aus dem Bundesumweltministerium heißt es mit Verweis auf die jüngsten Forschungen: "Hier wird zu prüfen sein, inwieweit sich die Ergebnisse unmittelbar auf andere Gebiete in der Ostsee und darüber hinaus übertragen lassen." Noch sieht die Behörde keine großräumige Gefährdung.

Dort, wo der Kriegsschrott gefährlich ist, käme Robemm ins Spiel. Noch ist die Kampfmittelräumung auf offener See ein komplizierter Vorgang, der meistens mit Sprengungen endet, begleitet von teuren Schutz- und Vergrämungsmaßnahmen, damit die Druckwelle der Detonation und der Lärm nicht so viel Schaden anrichten.

Mit Robemm wäre alles anders. Die Unterwasserkammer mit dem Roboterarm würde von einem Ponton aus an der richtigen Stelle mit einem autonomen Räumfahrzeug ausgesetzt. Das Fahrzeug würde die Bomben auf die Klappe der Trockenkammer legen, der Roboterarm würde ferngesteuert mit den Daten des Kampfmittels versorgt und könnte dieses dann selbständig mit gezielten Schnitten entschärfen. Der Sprengstoff würde auf See vernichtet, der Metallschrott an Land recycelt.

Wird diese Vision Realität? Vorerst haben die Boskalis-Hirdes-Ingenieure nur bewiesen, dass ihr Konzept funktioniert. Der nächste Schritt wäre, einen Prototyp zu bauen, der sich bewähren muss, ehe irgendwann eine Serienproduktion beginnt. "Ein privatwirtschaftliches Unternehmen kann das allein nicht stemmen", sagt Geschäftsführer Jan Paulsen und sendet damit eine klare Botschaft aus. Wenn Politik und Gesellschaft wollen, dass die Bomben im Meer geräuschlos und ohne krankmachende Rückstände verschwinden, dann müssen sie sich auch an den nachfolgenden Projekten finanziell beteiligen.

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