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Erderwärmung:Das Schicksal der Korallen entscheidet sich jetzt

Korallenriff bei Sonnenuntergang, New Ireland, Papua Neuguinea Coral Reef at Sunset, New Ireland, Papua New Guinea Koral

Verschwinden die Korallen, leidet auch der Mensch: Korallenriff in Papua-Neuguinea.

(Foto: Reinhard Dirscherl via www.imago-images.de/imago images/OceanPhoto)

Um die Korallenriffe zu retten, bleiben nur noch wenige Jahre. Wenn es gelingt, würde nicht nur die Natur, sondern auch der Mensch profitieren.

Von Tina Baier

Die kommenden zehn Jahre werden darüber entscheiden, ob es in den Ozeanen weiterhin Korallenriffe geben wird oder nicht. "30 Prozent der Korallenriffe werden dieses Jahrhundert überleben, wenn wir die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius beschränken", sagt Andréa Grottoli, Korallenforscherin an der Ohio State University. Schon ein halbes Grad mehr hätte dagegen zur Folge, dass 99 Prozent der riffbildenden Korallen verschwinden.

Grottoli ist Mitautorin einer Studie, die gerade auf einem Symposium der International Coral Reef Society (ICRS) veröffentlicht wurde. Sie macht darin zusammen mit anderen Forschenden deutlich, wie kurz die Zeitspanne nur noch ist, in der die Korallenriffe gerettet werden können. "Unsere Modelle zeigen, dass uns nur noch wenige Jahre bleiben", sagt Grottoli. "Es muss in den nächsten zehn Jahren passieren, sonst schaffen wir es nicht."

Korallenriffe sind eines der artenreichsten Ökosysteme, die es auf der Welt gibt. Sie beherbergen etwa ein Drittel aller bekannten Meeresbewohner, obwohl sie weniger als o,1 Prozent des Ozeanbodens bedecken, und werden deshalb auch die "Regenwälder der Meere" genannt.

Nach Ansicht der Studienautoren befinden sich die Riffe an einem Kipppunkt

Lebensgrundlage für all diese Fische, Muscheln, Krebse, Tintenfische und viele andere Arten sind Steinkorallen, deren hartes Skelett aus Aragonit die Struktur der Riffe bildet. Ausgerechnet dieser Schlüsselart setzt der Klimawandel besonders zu. Zum einen erwärmt sich bei steigender Temperatur auch das Wasser, in dem die Nesseltiere leben. Steigt die Temperatur über 30 Grad Celsius an, stoßen die Polypen ihre Partner ab, mit denen sie normalerweise in Symbiose zusammenleben: winzige Algen, die die Nesseltiere mit Zucker und anderen Nährstoffen versorgen und im Gegenzug Schutz und Kohlendioxid bekommen. Die Folge des Rauswurfs ist die berüchtigte Korallenbleiche.

Der zweite Grund, aus dem der Klimawandel die Korallenriffe bedroht, ist die Versauerung der Meere. Steigt die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre, löst sich auch mehr CO₂ im Meerwasser, der pH-Wert sinkt. Das kann zur Folge haben, dass sich das Aragonit-Skelett der Steinkorallen schlicht auflöst oder dass sie zumindest nicht mehr weiterwachsen.

Nach Ansicht der Studienautoren befinden sich die Korallenriffe an einem "Kipppunkt". Wenn es gelingt, den Klimawandel jetzt zu stoppen, könnten ihrer Ansicht nach genug Korallen überleben, um sich wieder zu erholen, sobald die Bedingungen wieder besser werden. "Je weniger Korallenriffe übrig bleiben, umso schwieriger wird es, sie später wieder aufzubauen", sagt Grottoli.

Die Studienautoren verstehen ihre Untersuchung als eine Art Weckruf an die Politik und betonen deshalb, wie wichtig Korallenriffe auch für Menschen sind. Unter anderem sind sie eine Art natürlicher Wellenbrecher und schützen Küsten vor Überflutungen. Ein gesundes Riff könne die Höhe der Wellen deutlich verringern und absorbiere bis zu 90 Prozent ihrer Energie, schreiben sie. Allein in den Vereinigten Staaten würden die Riffe jedes Jahr 18 000 Menschen vor Überflutungen bewahren. Besonders wichtig ist diese natürliche Schutzbarriere auch für die Bewohner der kleinen Inselstaaten im Pazifik. Dazu kommt, dass Fische aus Korallenriffen Nahrung für Millionen Menschen liefern.

© SZ/weis
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