SZ-Klimakolumne:Mögliches gleich, Wunder später

SZ-Klimakolumne: Es ist frisch auf dem Mars, dreistellige Minusgrade sind keine Seltenheit. Dann doch lieber die Erde besser behandeln, als dorthin umzuziehen.

Es ist frisch auf dem Mars, dreistellige Minusgrade sind keine Seltenheit. Dann doch lieber die Erde besser behandeln, als dorthin umzuziehen.

(Foto: NASA/LASP/CU Boulder)

Warum man in der Klimakrise fantasievoll bleiben sollte - aber bitte nicht zu sehr.

Von Marlene Weiß

Es ist ja schön und gerade im Klimaschutz sehr wichtig, nicht vorschnell Optionen auszuschließen. Wer immer nur sagt, was auf gar keinen Fall geht - Verbote, Anreize, CO₂-Speicherung, Windräder hier, Windräder da, Verzicht, kein Verzicht und welches Teufelszeug nicht noch alles - der macht es sich am Ende ziemlich schwer mit der größten Herausforderung der Menschheit. Vor langer Zeit hat mein Kollege und Klimafreitag-Erfinder Dirk von Gehlen an dieser Stelle (und übrigens auch hier) mal über den "Möglichkeitssinn" geschrieben, also das Gespür für Dinge, die noch nicht sind, aber sein könnten, wenn man sich traut. Der wird natürlich immer noch gebraucht.

Trotzdem musste ich zuletzt öfters daran denken, dass manchmal ein bisschen Realismus auch nicht falsch wäre. Kürzlich hat meine Kollegin Natalie Neomi Isser aus der Bildredaktion unglaubliche Bilder vom Mars für einen natürlich ganz praxisnahen kleinen Reiseführer zusammengestellt. Sieht alles wirklich toll aus. Aber mal ehrlich: eisige Temperaturen, keine brauchbare Atmosphäre, zumindest an der Oberfläche kein flüssiges Wasser, und dann reden immer wieder Leute wie Elon Musk davon, dass Menschen sich irgendwann da ansiedeln sollen? Was für ein seltsamer Gedanke, wo wir doch hier schon einen bestens bewohnbaren Planeten haben, den man nur etwas netter behandeln müsste.

Im Vergleich zu solchen Ideen ist die Kernfusionsforschung, mit der sich meine Kollegin Theresa Palm dieser Tage befasst hat, sehr pragmatisch unterwegs. Und ich muss zugeben, dass ich das alles sehr faszinierend finde. Aber wenn man bedenkt, wie viele technische Probleme noch völlig ungelöst sind: Ich verlasse mich mal lieber nicht darauf, dass ein fertiger Kernfusionsreaktor hinter der nächsten Ecke wartet, um schlagartig die fossilen Energien abzulösen.

Zumal es ja genug Dinge gibt, die bestens erprobt sind, um den Klimawandel zu bremsen: Windanlagen, Solarzellen, Speicher, CO₂-Preise, Elektroautos, Züge, Tempolimit (zweimal Hallo, Verkehrsministerium), und und und. Vielleicht sollten wir einfach unseren Möglichkeitssinn erstmal auf das Mögliche richten, das Unmögliche kann ja dann immer noch irgendwann kommen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein möglichst schönes Wochenende.

(Dieser Text stammt aus dem wöchentlichen Newsletter Klimafreitag, den Sie hier kostenfrei bestellen können.)

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