bedeckt München

Klimakolumne:Kehrt die Atomkraft zurück?

Zwei Jahre nach Fukushima

Videostandbild vom 15.03.2011: Explosion im havarierten Atomkraftwerk Fukushima in Japan.

(Foto: Abc Tv/dpa)

Vor zehn Jahren besiegelte das Unglück von Fukushima das Schicksal der deutschen Atommeiler. Und heute? Wird wieder diskutiert - doch die Entscheidung für den Ausstieg war richtig, schreibt Michael Bauchmüller im Newsletter.

Von Michael Bauchmüller

Es gibt Ereignisse, bei denen man gleich ahnt, dass sie den Lauf der Dinge ändern. Der 11. September war so ein Fall, die Flugzeuge in den Twin Towers. Und auch jener 11. März 2011, der Tsunami in Japan. Ich weiß noch genau, wann und wo ich die ersten Bilder sah. Ich erinnere mich an den Augenblick, in dem ich das erste Mal das Wort "Fukushima" hörte. Und an die Bilder, die Sorgen, die Gespräche dieses langen, bangen Wochenendes.

Zehn Jahre wird die Katastrophe in dem japanischen Atomkraftwerk kommende Woche her sein - jene Katastrophe, die auch die unglückselige Laufzeitverlängerung für die deutschen Reaktoren doch noch aufhielt. Nur leider: Zehn Jahre danach habe ich den Eindruck, die Lehren geraten zunehmend in Vergessenheit. Die Atomkraft ist wieder auf dem Weg, als scheinbar natürlicher Weggefährte der Dekarbonisierung.

Besonders beliebt sind derzeit so genannte "small modular reactors". Kleine Reaktoren, die sich serienmäßig fertigen lassen und dadurch angeblich billiger werden. Sie ließen sich, so wirbt etwa der Milliardär und Philantrop Bill Gates in seinem neuen Buch, auch mit Atommüll betreiben. Selbst Schiffe ließen sich nuklear antreiben, findet Gates. Er sieht in der Atomkraft einen Weg, die Klimakatastrophe zu verhindern.

Auch der niedlichste Reaktor braucht spaltbares Material

Ich habe sein Buch besprochen, und nicht erst seit den vielen Leserreaktionen schwant mir: Das sehen viele Menschen ähnlich. Nur leider geht die Rechnung nicht auf. Auch der niedlichste Reaktor braucht spaltbares Material. Wäre dies wirklich eine Lösung für die ganze Welt, dann landete dieses Material auch in den Händen von Regimes, die wir doch lieber nicht mit waffenfähigem Material ausstatten sollten. Und selbst wenn sie sich mit Atommüll betreiben ließen - so käme doch auch Atommüll hinten wieder raus. Wohin damit? Endlager bräuchte es trotzdem.

Vermutlich muss man sich gar nicht so große Gedanken darüber machen, denn mit erneuerbaren Energien können Atomkraftwerke schon länger nicht mehr konkurrieren. Sie sind zu teuer. Das ist auch der wesentliche Unterschied zum Beginn des Atomzeitalters: Heute gibt es mit Strom aus Wind und Sonne günstige und tatsächlich saubere Alternativen. Eine neue Atom-Diskussion, und das ist vielleicht die größte Gefahr, lenkt davon nur ab und kostet wertvolle Zeit. Der Klimaschutz kann nicht warten, bis irgendwann ein wie immer geartetes Ei des Kolumbus gefunden ist. In den neuen Reaktorkonzepten jedenfalls liegt es nicht.

Im Buch Zwei an diesem Wochenende vollziehen meine Kollegen Stefan Braun, Roman Deininger und ich noch einmal nach, wie aus dem Unglück in Japan der Ausstieg in Deutschland wurde - eine Entwicklung, in der auch mancher Zufall eine Rolle spielte. Ich bin davon überzeugt, Deutschland hat vor zehn Jahren die richtigen Schlüsse aus der Katastrophe gezogen, mit Atomausstieg und forcierter Energiewende. Klimaschutz geht anders besser und billiger.

(Dieser Text stammt aus dem wöchentlichen Newsletter Klimafreitag, den Sie hier kostenfrei bestellen können.)

© SZ/weis
Zur SZ-Startseite
CO2-Ausstoß in Deutschland: Kohlekraftwerk in Mannheim

SZ PlusKlimaschutz
:Zu wenig, zu spät, zu langsam

Trotz einiger Erfolge sind in den meisten Staaten die Emissionen auch seit dem Pariser Klimaabkommen weiter angestiegen, zeigt eine umfassende Bilanz. Die große Frage ist jedoch, wie es nach der Corona-Pandemie weitergeht.

Von Christoph von Eichhorn

Lesen Sie mehr zum Thema