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Evolution:Woher kommt die Moral?

Lichterkette in München, 2015

Lichterkette in München 2015

(Foto: Florian Peljak)

Ist Moral dem Menschen angeboren oder hat sie sich evolutionär entwickelt? Eine neue Hypothese weist der Religion eine Schlüsselrolle zu.

Es war ein Mega-Projekt für einen Gott, dessen Name schon lange vergessen ist. Vor ungefähr 12 000 Jahren begannen steinzeitliche Wildbeuter in Südanatolien mit dem Bau der vermutlich ersten großen Tempelanlage der Welt. Auf dem Berg Göbekli Tepe errichteten sie allein mit Muskelkraft mehr als 200 bis zu sechs Meter hohe und 20 Tonnen schwere Stelen aus Stein. Hunderte, vielleicht Tausende Menschen müssen zusammengearbeitet haben, um in der Morgendämmerung der Zivilisation diese Anlage zu schaffen. Und genau das - diese Kooperation im großen Maßstab - ist etwas, was die Wissenschaft an Orten wie diesen zunehmend interessiert: Wie bloß kamen freie Jäger und Sammler auf die Idee, sich zu einem solchen Vorhaben zu vereinigen?

In diesem historischen Moment zeigte sich ein Rätsel, das Soziobiologen und Evolutionspsychologen seit Jahrzehnten umtreibt. Mit der Entwicklung großer, komplexer und anonymer Gesellschaften wächst die Gefahr, dass Trittbrettfahrer die Arbeitsfrüchte der anderen einfach abgreifen. Wie garantiert man Kooperation, wenn unmittelbare Überwachung durch die Gruppe nicht mehr möglich ist? Eine derzeit an Popularität gewinnende Theorie besagt, dass das genau der Grund sei, wieso die Menschen sich - so wie möglicherweise bereits in Göbekli Tepe - große, allwissende und strafende Götter ausgedacht haben: Sie sorgen für eine Einhaltung der Spielregeln. "Beobachtete Leute sind nette Leute", schreibt der führende Vertreter dieses Ansatzes, der Psychologe Ara Norenzayan von der University of British Columbia im Vancouver in seinem 2013 erschienenen Buch "Big Gods: How Religion Transformed Cooperation and Conflict".

Norenzayans sogenannte Übernatürliche-Überwachungs-Hypothese ("Supernatural Monitoring Hypothesis") ist der neueste Versuch der Wissenschaft, ein ambivalentes Verhältnis zu klären - das von Religion und Moral. In Umfragen, historischen Untersuchungen, ethnologischen Feldstudien, selbst in Laborversuchen wird dieser Frage derzeit nachgegangen.

Vom Schimpansengehege zur komplexen Gesellschaft

Klar geworden ist, dass das Problem komplexer ist, als die meisten Menschen vermuten. Weder Kreuzzüge im Namen Gottes, verbrannte Ketzer oder islamistische Selbstmordattentate haben die Menschen von der Überzeugung abgebracht, dass Religion irgendwie die Moral befördert. Nach einer Umfrage des Pew Research Instituts aus dem Jahre 2014 ist in 22 von 39 untersuchten Ländern die Mehrheit der Bevölkerung davon überzeugt, dass nur ein Mensch, der an Gott glaubt, ein guter Mensch sein kann. In stark religiösen Ländern wie Ghana, El Salvador, Pakistan oder Indonesien sind es sogar weit über 90 Prozent; in den USA denken 53 Prozent so, in Deutschland immerhin noch 33 Prozent. Umgekehrt gelten Atheisten in vielen Ländern als schlechte Menschen.

Dabei gehört es vermutlich zu den wenigen konsensfähigen Einsichten der Forschung zum Thema, dass moralisches Verhalten wesentlich älter und stabiler ist als der organisierte Glauben. "Religion ist ja eine extrem junge Angelegenheit, die ältesten Spuren symbolischer Kommunikation sind 70 000 bis 80 000 Jahre alt, und die ersten Großreligionen entstanden erst vor 10 000 bis 12 000 Jahren", sagt Eckart Voland, emeritierter Biophilosoph an der Universität Gießen. "Die Menschen haben aber schon immer Moral gebraucht, um in Gruppen miteinander auszukommen."

Noch weiter gehen Forscher wie der Primatologe Frans de Waal, Direktor des Yerkes National Primate Research Center in Atlanta. Er vertritt seit vielen Jahren in populären Büchern (zuletzt: "Der Mensch, der Bonobo und die zehn Gebote", Klett-Cotta, 2015) und in Fachaufsätzen die These, dass sich bereits bei höheren Tieren ein Sinn für Gerechtigkeit findet. Der Startschuss war ein Experiment, das de Waal zusammen mit seiner Kollegin Sara Brosnan bereits 2003 im Wissenschaftsmagazin Nature vorstellten: Jeweils zwei Kapuzineräffchen waren darauf trainiert worden, Spielsteine gegen Gurkenstückchen umzutauschen, was diese auch gern taten. Wenn allerdings einer der Affen statt der Gurken hochbegehrte, süße Weintrauben bekam, weigerte sich der andere, seinen eigenen Stein zu tauschen. Richtig sauer wurde er, wenn der bevorzugte Affe seine Trauben ganz ohne Bezahlung bekam. Dann pfefferte das benachteiligte Tier Gurke und Steine aus dem Käfig. De Waal und Brosnan interpretieren dieses Verhalten als Ausdruck eines verletzten Gerechtigkeitssinnes.

Elefanten trauern, Schimpansen trösten Artgenossen

Auch wenn sich diese Deutung anzweifeln lässt - vielleicht war der Gurken-Affe ja auch nur neidisch -, ist in den vergangenen Jahren deutlich geworden, dass manche Tiere über erste moralische Instinkte verfügen, sich prosozial verhalten. De Waal gibt viele Beispiele: Elefanten trauern um tote Artgenossen, Büffel retten ein Kalb vor einem Löwen. Vor allem Schimpansen zeigen empathisches Verhalten, mal adoptieren sie genetisch nicht-verwandte Waisenjunge oder trösten Artgenossen. Für de Waal ist die Anschlussfrage: "Warum gehen wir nicht von der Annahme aus, dass unsere Humanität, einschließlich der Selbstkontrolle, die für eine lebenswerte Gesellschaft unerlässlich ist, in uns angelegt ist?"

Doch genau das ist das große Problem bei Naturalisten der Moral wie de Waal: Sie erklären nicht den gigantischen Sprung vom Schimpansengehege in komplexere menschliche Gesellschaften, wo eben - wie vielleicht bereits in Göbekli Tepe - nicht alles in einer kleinen Gruppe bekannter Gesichter verhandelt werden kann. "Ist prosoziales Verhalten wirklich dasselbe wie Moral?", fragt seine Fachkollegin Julia Fischer vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen in einer Rezension seines neuesten Buches: "Kann es Moral ohne Moralkodex geben? Und wie erklären wir die beträchtlichen Differenzen in verschiedenen Kulturen oder auch Veränderungen innerhalb einer Kultur?"

Das ist der Punkt, an dem der Psychologe Ara Norenzayan mit seiner Überwachungs-Hypothese antritt. Er bestreitet nicht prosoziale Instinkte unter Primaten. Doch diese würden nur den Moralbedarf überschaubarer Schimpansen- und Stammesgesellschaften decken. Dort überwachen sich alle gegenseitig, so dass sie ohne übernatürliche Hilfe auskommen. Zwar glaubten auch indigene Völker an Geister, doch kümmerten sich diese wenig um Moral. Sie fordern nur die ihnen zustehenden Opfer und die Beachtung von Tabus. Ansonsten interessieren sie sich nicht für das Wohlverhalten der Menschen.

Norenzayan vertritt jenen mittlerweile verbreiteten Ansatz, wonach Religiosität primär ein Nebenprodukt der Evolution sei: Das Gehirn des Menschen hätte sich zu einem kognitiven Feuermelder evolviert, der hypersensibel überall in der Natur handelnde Akteure vermutet. Das sei sinnvoll gewesen, weil es so zuverlässig etwa vor Raubtieren gewarnt hat. Der Nebeneffekt sind Fehlalarme: Jedes Rascheln im Wald wird als potenzieller Angriff gedeutet, man sieht Gesichter in den Wolken und glaubt an Geister und Götter.

Diese beiden Intuitionen - die moralische wie die religiöse - nutzten nun laut Norenzayan manche Gesellschaften, indem sie die Großen Götter erfanden, die selbst die Gedanken der Menschen erkunden und Fehlverhalten noch nach dem Tode bestrafen. Es sind die Götter der großen Buchreligionen, des Christentums, des Islams, des Judentums. Aber im Grunde gilt das auch für die fernöstlichen Religionen. Auch ohne Gott funktioniert das Karma-Prinzip als Strafmechanismus: "Wer andre Wesen quält, die auch nach Wohlsein streben, so wie er selbst, der hat kein Glück im nächsten Leben", sagt der Buddha. Wer zu viele schlechte Taten anhäuft wird halt als Blattlaus wiedergeboren.

Satte Menschen sinnieren eher über ein Leben nach dem Tod

Auf den ersten Blick scheint auch die Empirie die Übernatürliche-Überwachungs-Hypothese zu stützen: Beweisen nicht die Karrieren des christlichen Gottes, Allahs und Buddhas, dass die transzendente Strafandrohung wirkt? Als Beleg gilt etwa eine 2010 in Science veröffentlichte Studie eines Teams um den Evolutionsbiologen Joseph Henrich von der Harvard University. Es untersuchte mit einem ökonomischen Spiel die Spendenbereitschaft von Menschen in 15 Ländern, Stammesgesellschaften in Papua-Neuguinea waren ebenso vertreten wie westliche Länder. Die Teilnehmer erhielten jeweils zehn Dollar und durften dann entscheiden, wie viel Geld sie an anonyme Fremde abgeben. Die Anhänger moralisierender Weltreligionen, insbesondere des Christentums und des Islams, gaben im Durchschnitt zehn Prozent mehr.

Norenzayan selbst machte das Experiment im Labor, wobei er die Teilnehmer unterschiedlich präparierte. Mussten sie sich vor dem Test mit religiösen Wörtern beschäftigen, gaben sie im Durchschnitt 4,56 Dollar ab; in der neutralen Kontrollgruppe waren es nur 2,56 Dollar. Auch in einer in diesem Jahr veröffentlichten Metaanalyse von 93 vergleichbaren Studien konnten Norenzayan einen prosozialen Effekt des religiösen Primings nachweisen; allerdings war dieser nur noch von mittlerer Größe und zeigte sich nur bei ohnehin religiösen Studienteilnehmern.

Wer ist großzügiger - Atheisten oder Gläubige?

Kritiker finden dennoch Einwände. So leidet die Überzeugungskraft psychologischer Experimente darunter, dass sie meist mit Studenten gemacht werden, die wenig repräsentativ sind. Prompt kam vor wenigen Wochen eine Feldstudie zu ganz anderen Ergebnissen als die Laborforschung (Current Biology). Psychologen um Jean Decety von der University of Chicago hatten 1100 Kindern aus den USA, Kanada, China, Jordanien, Südafrika und der Türkei zum sogenannten Diktator-Spiel eingeladen. Sie sollten entscheiden, wie viele von zehn Klebebildern sie an Altersgenossen abgeben. Diesmal waren die Kinder aus religiösen Haushalten geiziger, sie verschenkten nur 3,3 Aufkleber. Bei den Kindern aus areligiösen Familien waren es 4,1.

Auch aus religionshistorischer Sicht kommt Kritik. Nicolas Baumard von der École Normale Supérieure in Paris bemerkt, dass etwa die Griechen, Römer oder Azteken kooperative Gesellschaften errichteten, ohne Götter zu erfinden, die über die Moral der einzelnen Menschen wachten. Baumard vermutet, dass erst gesellschaftlicher Reichtum moralisierende Religionen möglich gemacht hat. Satte Menschen hätten eher die Muße über langfristige Ziele wie ein Leben nach dem Tode nachzudenken. Tatsächlich konnte Baumard nachweisen, dass die eurasische Gesellschaften in der Zeit der großen Religionsgründungen zwischen 500 v. Chr. bis 300 v. Chr. mehr als 20 000 Kalorien pro Kopf und Tag an Nahrung und Energie verbrauchen konnten.

Einmal Religion und zurück

Das Verhältnis von Religion und Moral bleibt komplex, unwahrscheinlich, dass eine Großtheorie all seine Facetten erklären kann. Gut möglich, dass im Laufe der Geschichte eine Macht die andere ablösen kann. Das zeigte sich bereits in Norenzayans Zehn-Dollar-Experiment. Dort gab es nämlich eine dritte Studiengruppe, die mit säkularen Wörter wie "bürgerschaftlich", "Geschworene", "Polizei" präpariert worden war. Interessanterweise zeigte sich diese auch relativ freigiebig. Sie gab im Durchschnitt 4,44 Dollar ab, nur zwölf Cents weniger als die religiöse Gruppe.

Norenzayan zuckt da mit den Schultern. "Die Bedeutung der Religion im öffentlichen Leben nimmt ab, wenn Gesellschaften säkulare Alternativen entwickeln, die ihre Funktionen übernehmen", kommentiert der Psychologe. Das erkläre, wieso gerade notorisch gottlose Gesellschaften wie in Skandinavien, besonders kooperativ und vertrauensvoll seien. "Sie haben halt die Leiter der Religion erklommen und sie dann weggestoßen."

34 Prozent

... der Deutschen sind mittlerweile konfessionslos und dürften zu einem großen Teil eine agnostische oder atheistische Weltanschauung haben. Hinzu kommen jene Ungläubigen, die aus diversen Gründen in den Kirchen verharren. Damit liegt Deutschland weltweit im oberen Bereich. Noch höhere Quoten findet man etwa in Schweden, wo 47 Prozent der Menschen auf Gott verzichten können. In den USA hingegen bekennen sich in Umfragen nur 4,2 Prozent der Menschen zum Atheismus, weltweit sind es eine halbe Milliarde, also knapp 7 Prozent der Weltbevölkerung. Diese Zahlen zeigen deutlich, dass die Religionen gerade in sicheren und stabilen Ländern an Bedeutung verlieren.

© SZ vom 24.12.2015/rus

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