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Coronavirus:Alle Daten der Pandemie erklärt

Corona Virus Teaserbild

Es ist wichtig, den Anstieg der Neuinfektionen abzubremsen, damit das Gesundheitssystem nicht überlastet wird.

(Foto: Mike Mainka)

Warum ist die Zahl der Infizierten trügerisch? Woran lässt sich am besten erkennen, wie die Lage sich entwickelt? Fragen und Antworten zu den Daten der Corona-Pandemie.

Wie kommen die Statistiken zu den Corona-Infizierten zustande?

Wie viele Menschen sich mit dem Coronavirus infiziert haben, ist nicht bekannt. Lediglich die Zahl der bestätigten Fälle kann daher angegeben werden. In den meisten Ländern werden nur jene Fälle gezählt, bei denen ein positives Testergebnis vorliegt. In Deutschland ordnen Ärzte oder Gesundheitsämter die Tests an. Das Robert-Koch-Institut (RKI) gibt Empfehlungen heraus, wann ein Test angezeigt ist. Positive Testergebnisse müssen laut Infektionsschutzgesetz an die Behörden gemeldet werden. Sie fließen in die amtlichen Statistiken ein.

Aus welchen Quellen bezieht die SZ die Zahlen zur Corona-Pandemie?

Für Deutschland recherchiert die SZ die Fallzahlen mehrmals täglich bei den zuständigen Behörden der 16 Bundesländer. Internationale Daten entnehmen wir dem Datensatz der Johns-Hopkins-Universität.

Warum verwendet die SZ nicht die offiziellen Daten des Robert-Koch-Instituts?

Durch die langwierige Meldekette von den Laboren, Ärzten und Kliniken zu den Gesundheitsämtern, von dort zu den Landesbehörden und schließlich zum RKI entsteht eine Verzögerung. Das RKI veröffentlicht die Daten aus den Ländern in der Regel mit einem oder mehreren Tagen Verzögerung. Um so aktuell wie möglich zu informieren, recherchiert die SZ direkt bei den Behörden der Bundesländer. Für die Darstellung der neuen bestätigten Infektionsfälle der vergangenen sieben Tage pro 100 000 Einwohner verwenden wir ausnahmsweise die Zahlen des RKI, die auch in der politischen Debatte verwendet werden.

Im internationalen Kontext entsteht ein weiterer Verzug durch die Meldungen der Regierungen an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Hier sind Anbieter wie die Johns-Hopkins-Universität deutlich schneller.

Wie hoch ist die Dunkelziffer unerkannter Fälle?

Viele Infektionen mit dem Coronavirus verlaufen ohne Symptome und bleiben daher in der Regel unerkannt. Eine Erkrankung kann auch mit einer Grippe oder Erkältung verwechselt werden. Und schließlich werden auch nicht alle Verdachtsfälle getestet, da die Testkapazitäten begrenzt sind. Schätzungen zufolge beträgt die tatsächliche Zahl der Infizierten daher mindestens das Doppelte der bestätigten Fälle, möglicherweise auch sehr viel mehr. Das RKI verweist auf Studien, wonach in China nur fünf bis zehn Prozent der Infektionen registriert wurden.

Um aussagekräftige Daten zu bekommen, müsste eine zufällig ausgewählte, repräsentative Stichprobe der Bevölkerung getestet werden. In Österreich hat eine solche Studie begonnen, ebenso in manchen Regionen Deutschlands wie dem Landkreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen oder der Stadt München.

Inwiefern sind die Fallzahlen aus verschiedenen Ländern vergleichbar?

Verdachtsfälle werden im internationalen Vergleich sehr unterschiedlich getestet und erfasst, die Zahlen der Infizierten sind daher nur bedingt vergleichbar. Es empfiehlt sich, zusätzlich die Zahl der Verstorbenen in den Blick zu nehmen.

Woher kommen die großen Unterschiede in der Sterblichkeit von Land zu Land?

Unter der Sterblichkeit (Letalität) versteht man den Anteil der Verstorbenen unter allen Infizierten. Diese Zahl lässt sich jedoch meist nicht bestimmen, da viele Infizierte nicht erfasst werden. Etwa, weil sie keine Symptome zeigen oder die Testkapazitäten begrenzt sind. Als Orientierung können die Daten von der Diamond Princess herangezogen werden: Das Kreuzfahrtschiff lag wochenlang unter Quarantäne, Passagiere und Besatzung wurden ausgiebig getestet. Die Letalität lag bei 1,2 Prozent der Infizierten.

In den nationalen Statistiken der von Covid-19 betroffenen Länder kann nur der Anteil der Verstorbenen unter den bestätigten Fällen bestimmt werden. Ist dieser Anteil ungewöhnlich hoch, deutet das auf eine große Zahl unentdeckter Infektionen hin. Weitere Erklärungen für eine erhöhte Sterblichkeit können eine besonders alte Bevölkerung und ein überfordertes Gesundheitssystem sein.

Wie viele Tests erfolgen auf das Coronavirus?

Daten zur Zahl der durchgeführten Tests werden nicht systematisch erhoben und veröffentlicht. In Deutschland ist derzeit von 350 000 bis 500 000 Tests pro Woche auszugehen. Einen internationalen Überblick gibt es auf der englischsprachigen Website Our World in Data der Universität Oxford.

Welche Rolle spielt die Zahl der Tests für die Zahl der bestätigten Corona-Fälle?

Bislang wird in den meisten Staaten nach wie vor zu wenig getestet. Es ist anzunehmen, dass viel Fälle unentdeckt und die tatsächliche Zahl der Infizierten die per Test bestätigten Fälle weit übersteigt.

Generell ist jedoch auch ein umgekehrter Effekt denkbar: ein Anstieg der Fallzahlen, der nicht auf steigende Fallzahlen, sondern vor allem auf zusätzliche Tests zurückzuführen ist. Damit ist allerdings erst zu rechnen, wenn der Höhepunkt der Pandemie bereits überstanden ist.

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Sollten die Fallzahlen nicht ins Verhältnis zu den Einwohnerzahlen gesetzt werden?

Darauf verzichten wir bewusst. Da die tatsächliche Zahl der Infizierten deutlich höher ist als die der bestätigten Fälle, wäre eine solche Rechnung irreführend. Außerdem sind die Ausbrüche meist stark regional konzentriert, das Infektionsrisiko ist also nicht gleichmäßig auf alle Einwohner verteilt. Relative Angaben würden eine systematische Testung der Bevölkerung erfordern.

Einzig auf Ebene der Landkreise machen wir Angaben in Relation zur Bevölkerungszahl - denn dort ist das der politische Maßstab, und im Kleinräumigen scheint uns der Vergleich auch weniger problematisch.

Wie viele Infizierte sind inzwischen wieder genesen?

Während neue Infektionen mit dem Coronavirus laut dem Infektionsschutzgesetz an die Behörden gemeldet werden müssen, besteht bei der Genesung eines Patienten keine Meldepflicht. Daher liegen auch keine amtlichen Zahlen vor. Seit einiger Zeit veröffentlicht das Robert-Koch-Institut regelmäßig eine Schätzung. Demnach ist in Deutschland aktuell mehr als die Hälfte der Infizierten wieder genesen. Für viele andere Länder liegen keine verlässlichen Angaben zur Zahl der Genesenen vor, so dass dafür weltweit keine Aussage getroffen werden kann. Generell besagen Studien, dass 95% der Erkrankten Covid-19 nach neun Tagen seit Symptombeginn überstanden haben.

Woran lässt sich erkennen, wie sich die Lage entwickelt?

Auf absehbare Zeit wird die Zahl der Infizierten weiter steigen. Als Zeichen der Entspannung kann gelten, wenn die Zahl der Neuinfektionen pro Tag zurück geht. Dann beginnt sich die Kurve abzuflachen. Da es bei behördlichen Meldungen zu Schwankungen kommt, etwa durch das Wochenende, ist der Vergleich einzelner Tage allerdings wenig aussagekräftig. Ein guter Indikator der Dynamik ist die Verdopplungszeit.

Wie errechnet sich die Verdopplungszeit?

Die Verdopplungszeit ist die Anzahl an Tagen, nach denen sich die Zahl der bestätigten Fälle jeweils auf das Zweifache erhöht hat. Je höher die Verdopplungszeit, desto langsamer verbreitet sich die Epidemie. Die SZ berechnet die Verdopplungszeit aus der Veränderung der Fallzahlen in den vergangenen fünf Tagen, um einzelne Schwankungen abzumildern.

Ganz exakt: die Verdopplungszeit in Tagen ergibt sich aus dem Logarithmus von 2 geteilt durch den Logarithmus des täglichen Wachstumsfaktors.

Warum wird die Verdopplungszeit in den Grafiken nicht mehr angegeben?

Bis vor kurzem wurde an dieser Stelle, neben vielen anderen Daten zum Verlauf der Corona-Pandemie, die sogenannte Verdopplungszeit angegeben. Dieser Wert gibt an, nach wie vielen Tagen sich die Zahl der offiziell bekannten Infektionsfälle jeweils auf das Zweifache erhöht. Die Verdopplungszeit ist gut geeignet, um exponentielle Wachstumsprozesse zu beschreiben. Derzeit ist aber in Deutschland wie auch in anderen Ländern die Kurve der Neuinfektionen abgeflacht. In Deutschland ist das Wachstum derzeit näherungsweise linear, die Zahl der Neuinfektionen pro Tag ungefähr konstant. Das ist eine gute Nachricht und deutet darauf hin, dass die Maßnahmen ihre Wirkung zeigen.

Im jetzigen Stadium ist die Verdopplungszeit nicht mehr der beste Indikator, um den Anstieg der Infektionen zu beschreiben. Stattdessen stellen wir nun die Zahl der täglichen Neuinfektionen in den Vordergrund. Solange sie konstant bleibt oder gar fällt, ist das Virus einigermaßen unter Kontrolle. Steigen die Neuinfektionen wieder an, droht eine erneute exponentielle Wachstumsphase. Wichtig ist: Nur die Zahl der offiziellen, durch Tests bestätigten Fälle kann angegeben werden. Die tatsächliche Zahl der Infektionen liegt mutmaßlich deutlich höher und kann sich auch anders entwickeln. Wir werden die Situation weiter beobachten und die Aussagekraft von Zahlen und Grafiken immer wieder überdenken.

Wie schnell wirken sich Maßnahmen, etwa Schulschließungen und Ausgangsbeschränkungen, auf die Fallzahlen aus?

Die Inkubationszeit von Covid-19 liegt laut Angaben des Robert-Koch-Instituts bei fünf bis sechs Tagen. In der Regel treten also erst eine knappe Woche nach Ansteckung die ersten Symptome auf. Ab dann kommt ein Test in Frage. Bis dieser stattfindet, kann eine Wartezeit vergehen, anschließend dauert es meist einen oder mehrere Tage, bis ein Ergebnis vorliegt. Dieses muss dann an die Behörden gemeldet und von diesen veröffentlicht werden. So finden sich neue Infektionen erst nach etwa zehn bis vierzehn Tagen in den Fallzahlen wieder. So lange dauert es daher auch, bis sich etwaige Maßnahmen in den Zahlen niederschlagen.

Die Mehrzahl der Corona-Infektionen verläuft vergleichsweise mild. Wäre es nicht sinnvoller, statt der gesamten Fallzahlen die schweren Fälle zu beobachten?

Beim Kampf gegen die Corona-Pandemie kommt es entscheidend darauf an, eine Überlastung der Gesundheitssysteme zu verhindern. Das knappste Gut sind dabei die Beatmungsplätze auf den Intensivstationen. Daher ist es wichtig, deren Auslastung zu verfolgen. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin baut mit Unterstützung des RKI eine Datenbank zur Belegung von Intensivbetten mit Covid-19-Patienten auf. Bislang sind allerdings noch nicht alle Kliniken enthalten, außerdem gibt es Hinweise auf veraltete und unplausible Einträge in der Datenbank.

© SZ.de/cvei
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